Studie zeigt Problematik

„Es zeigt sich deutlich“: Fatale Wahrheit über die Corona-Toten - brisanter Bericht der Uni München

  • Andreas Beez
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Die Corona-Ansteckungswelle in den Altenheimen und unter Senioren ist ungebremst – trotz des wochenlangen Teil-Lockdown. Zu diesem Schluss kommt eine Forschergruppe der LMU in einem Bericht. 

  • Eine Forschergruppe der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU) hat einen brisanten Corona*-Bericht veröffentlicht.
  • In den Alten- und Pflegeheimen stecken sich fast doppelt so viele Menschen mit dem Coronavirus an als in der Gesamtbevölkerung.
  • Der Teil-Lockdown konnte das Infektionsgeschehen in den Heimen nicht bremsen.
  • Experten befürchten einen dramatischen Anstieg der Todeszahlen bei den über 80-Jährigen.

Die neuesten Infektionszahlen lassen erahnen, warum fast alle Politiker so massiv auf einen schnellen harten Lockdown gedrängt haben: Fast 28 000 weitere Erkrankte und 1000 Tote innerhalb von gerade mal 24 Stunden meldete das bundeseigene Robert-Koch-Institut (RKI) gestern Morgen – Corona trifft Deutschland so hart wie nie zuvor. Und die Entwicklung könnte sich schon in den nächsten Tagen noch dramatischer zuspitzen.

Coronavirus: 3200 der 5156 Toten in Bayern sind über 80 Jahre alt

Der Hintergrund: Gerade in den Alten- und Pflegeheimen und unter Senioren rollt die Ansteckungswelle ungebremst weiter – trotz wochenlangen Teil-Lockdown. Das geht aus dem brisanten Bericht einer Münchner Forschergruppe von der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) hervor. Es droht eine Kettenreaktion: Die neuinfizierten Senioren könnten die Todeszahlen rasch weiter ansteigen lassen. Denn sie gelten als Risikogruppe Nummer eins bei Covid-19, der Multi-Organ-Erkrankung, die das Sars-Cov2-Virus anrichtet. In Bayern gehörten über 3200 der 5156 Corona-Toten der Generation 80 plus an.

Professor Dr. Helmut Küchenhoff von der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU), Sprecher der Forschergruppe

Sieben-Tage-Inzidenz bei älteren Senioren klettert in Bayern auf 394, in Sachen sogar auf 787

In dieser Altersgruppe ist die Sieben-Tage-Inzidenz – also die Zahl der Neuinfektionen pro 100 000 Einwohner – nach Erkenntnissen der LMU-Wissenschaftler beinahe doppelt so hoch wie in der Gesamtbevölkerung. In Bayern lag sie für die über 80-Jährigen zuletzt bei 394, in Sachsen sogar bei 787.

Professor Dr. Göran Kauermann von der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU), Co-Sprecher der Münchner Forschergruppe

Münchner Wissenschaftler: Corona-Maßnahmen verfehlen den Schutz der Älteren

„Die bisherigen Corona-Maßnahmen verfehlen den Schutz der Ältesten“, heißt es in dem Bericht der Corona Data Analysis Group (CoDAG), einer Gruppe von erfahrenen Statistikern. Ihre Kernaussage: Die Zahl der neuen Corona-Fälle ist in allen Altersgruppen bis Anfang November stark angestiegen. Danach flachte die Kurve etwas ab – außer bei den über 85-Jährigen. „Hier ist der Anstieg der Infizierten ungebrochen und steigt auch weiterhin an, besonders steil bei den über 90-Jährigen“, berichtet Professor Dr. Göran Kauermann. Die genauen Zahlen und weitere Erkenntnisse sind auf der Website der Forschergruppe nachzulesen.

Markus Söder fährt einen Corona-Kurs, mit dem nicht jeder Bürger einverstanden ist. Nun hat es sich Bayerns Ministerpräsident auch mit dem Österreicher Günther Platter verscherzt.

Coronavirus: Mehr Testkapazitäten für die Heime gefordert

Der Co-Sprecher der Münchner Forschergruppe, Professor Dr. Helmut Küchenhoff, rief die Politiker dazu auf, Alten- und Pflegeheime bei Schutz- und Teststrategien stärker zu unterstützen: „Vor dem Hintergrund dieser dramatischen Zahlen kann es doch nicht sein, dass es in den Heimen beispielsweise an Testkapazitäten mangelt.“

Es wäre wünschenswert, wenn Spitzenpolitiker wie Frau Merkel mehr über die großen Probleme sprechen, die wir in vielen Altenheimen haben.

Professor Dr. Helmut Küchenhoff von der Uni München

Coronavirus: Kritik auch von den Virologen Kekulé und Streeck

Zudem stehe die Situation in diesen Einrichtungen immer noch viel zun wenig im Fokus der öffentlichen Diskussion, so Küchenhoff weiter. „Es wäre wünschenswert, wenn Spitzenpolitiker wie Frau Merkel mehr über die großen Probleme sprechen, die wir in vielen Altenheimen haben.“ Ähnlich äußerten sich in Interviews mit unserer Zeitung bereits die führenden Virologie-Professoren Alexander Kekulé und Hendrick Streeck.

Corona-Lockdown: Haben Politiker den Schutz der Alten- und Pflegeheime verschlafen?

Haben unsere Politiker also den Schutz der Heime verschlafen? „Bisher deutet sich keine Verlangsamung des Infektionsgeschehens für diese Bevölkerungsgruppe an“, berichten die LMU-Forscher. Ihre Schlussfolgerung: „Es zeigt sich deutlich, dass die ergriffenen Maßnahmen zur Infektionseindämmung für die hoch vulnerable Bevölkerungsgruppe nicht hinreichend zielführend sind.“ Oder anders ausgedrückt: Die bisherigen Schutzmaßnahmen für Seniorenheime – sofern es sie denn in der Praxis überhaupt gab – sind offensichtlich ins Leere gelaufen.

Coronavirus: Mediziner-Netzwerk fordert genauere Untersuchungen in den Heimen

Deshalb fordern auch immer mehr Ärzte, dass das Infektionsgeschehen in den Heimen stärker unter die Lupe genommen wird. Es würden aber weder wissenschaftliche Daten erhoben noch die näheren Umstände von Todesfällen bei Heimbewohnern geklärt, kritisiert das 1000 Mitglieder starke Mediziner-Netzwerk EbM. „Eine gezielte Dokumentation aus der Altenpflege fehlt.“

Rubriklistenbild: © Sebastian Gollnow/dpa/dpa-Bildfunk

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