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Das Leben geht weiter: Nach dem Amoklauf ist auf der Jakobidult Münchner Gelassenheit zu spüren.

Verzögerung wegen Trauerwoche

Dicke Luft auf der Dult: „Gabalier durfte auch auftreten“

München - Wegen der Trauerwoche nach dem Amoklauf startet die Jakobidult mit Verzögerung – Besucher und Standbetreiber zeigen wenig Verständnis. 

„Und dann die Hände zum Himmel“, orgelt die automatische Drehleier der Familie Fahrenschon am Montagmittag in der Nähe des Kettenkarussells. Ein paar Straßen weiter raspelt der Gemüsehobler im Akkord, der Messerschleifer schärft im Minutentakt Klingen – und hunderte Besucher drängen durch die Gassen. Alles wirkt wie immer auf der Dult: gelassen und routiniert. Dass der Markt wegen der Trauerwoche zwei Tage später als üblich eröffnet hat, ist nicht zu bemerken. Bis man mit den Standbetreibern spricht.

Luise Schubert befürchtet Umsatzeinbußen.

„Eine leicht übertriebene Maßnahme“, sagt Luise Schubert, 25, die sich um den Betrieb von „Schubert’s Reitbahn“ kümmert, wo morgens bis abends Ponys im Kreis traben, auf deren Rücken Kleinkinder sitzen. Während Schubert Reitchips verkauft, sagt sie: „Klar, grausam, was da passiert ist. Aber das war ja letztlich kein Terror im Olympia-Einkaufszentrum. Da frage ich mich, was wäre gewesen, wenn das tatsächlich Terroristen angerichtet hätten. Hätten sie dann das ganze städtische Leben angehalten?“ Schubert rechnet mit großen Verlusten. „Schade um das erste Wochenende. Wir verdienen bestimmt bis zu 30 Prozent weniger auf der diesjährigen Jakobidult. Außerdem, wenn die Trauerwoche gilt, dann doch für jeden. Warum durfte eigentlich Andreas Gabalier im Olympiastadion auftreten?“

Andreas Gabalier rockt das Olympiastadion: Die besten Bilder

Manche Besucher sehen das ähnlich. So wie Alexandra, 39, eine Vertriebs-Teamleiterin, die ihren Nachnamen nicht in der Zeitung lesen will. Sie hat gerade Gewürze, Aufstriche und ein Wärmekissen gekauft. Seit ihrer Kindheit besucht sie fast jede Dult. „Ich fand es komisch, dass Gabalier auftreten durfte, aber die Jakobidult verschoben wurde“, sagt sie. Alexandra wusste das bis Montag gar nicht. Sie wollte eigentlich schon am Samstag auf der Dult einkaufen, entschied sich aber nach dem Amoklauf zunächst, Menschenansammlungen zu meiden. „Mir war mulmig. Und im Nachhinein war es ja die richtige Entscheidung, weil am Samstag eh keine Dult stattfand“, sagt die Münchnerin.

Einige Stände weiter pausiert gerade ein Antiquitätenhändler. Er möchte anonym bleiben und wirkt wütend. „Wissen Sie, wir haben am Mittwoch aufgebaut. Und während der Arbeiten ging ein Vertreter der Stadt herum und sagte, dass die Jakobidult am Wochenende geschlossen bleibt“, sagt er. Die Platzmiete für Samstag und Sonntag mussten alle Standbetreiber zahlen. „Ich hoffe, dass wir nicht auch noch den Wachdienst nachträglich bezahlen müssen, der auf die leeren Stände aufgepasst hat“, sagt der Händler.

Raimund Breinl: „Wir müssen die verspätete Dult akzeptieren“, sagt der Firmen-Nachlass-Händler.

Etwas positiver sieht das der Regensburger Raimund Breinl, 60, ein Händler, der Hüte, Wolle, Mützen, Kosmetik und Holzlöffel aus Firmen-Nachlässen verkauft: „Wir müssen die Verschiebung des Dult-Starts akzeptieren.“ Und die Umsatzeinbußen? „Klar, die haben wir. Aber wenn es regnet, nehmen wir ja auch nichts ein.“ Kritisch ist Breinl trotzdem: „Ob den Opfern damit tatsächlich geholfen ist, wenn die Dult zwei Tage später beginnt, halte ich für fraglich. Vielleicht sind wir derzeit ein wenig übersensibel.“ Breinl hätte sich lieber eine regulär geöffnete Dult mit stiller Trauer gewünscht. „Wir hätten ja alle einen Trauerflor am Arm tragen können“, sagt er.

Besucher Herbert Josef Lipah (68) steht gerade bei einem Antiquitätenhändler. Er interessiert sich für eine alte Dengel-Maschine. „Ich brauche sie nicht, aber ich muss sie haben“, sagt er und erkundigt sich nach dem Preis: 360 Euro. Lipah selbst stört das ausgefallene Dult-Wochenende nicht. „Ich komm eh immer unter der Woche“, sagt der Mann, an dessen Revers eine Wäscheklammer mit der Aufschrift „Sonnenschein“ klemmt – und so verhält er sich auch. Das Leben müsse weitergehen, „nach dem Wiesn-Anschlag ging es ja auch weiter, nur mit einem Tag Pause“. Lipah ist aber solidarisch mit seinen ehemaligen Kollegen. 37 Jahre betrieb er hier einen Lederhosen-Stand und bekam so den Beinamen „Lederhosen-Armani“. Er sagt: „Der Amoklauf hat großes Leid gebracht. Aber ich finde es ein wenig übertrieben, dass sich die Dult deshalb verzögert hat.“ 

Hüseyin Ince

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