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Parallelwelt mitten in München: Am Bahnhofplatz ist immer was los. Pendler treffen auf Touristen. Doch kaum einer sieht die Suchtkranken.

Endstation Bahnhofplatz

Drogenszene am Hauptbahnhof: Ein Augenzeugenbericht

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München - Was macht München für Drogensüchtige so gefährlich? Ein Tag am Hauptbahnhof mit einer, die schon zweimal tot war.

Nächster Halt Hauptbahnhof. Jetzt bloß nicht auffallen. Nicht hier, in der U-Bahn. Nicht jetzt, um halb 11 Uhr vormittags. Stefanie Winter, 41, zieht die Wollmütze über die Ohren, dann die Ärmel ihres Pullovers über die Hände. Die Türen der U-Bahn öffnen sich. Die warme Luft des Untergeschosses weht ihr ins Gesicht. Fragen schwirren ihr durch den Kopf, so erzählt sie es: Wird jemand sie wiedererkennen? Wird jemand sie ansprechen? Wird jemand sie fragen nach „Schorre“, wie sie zu Heroin sagt? Egal, seit drei Jahren besiegt sie täglich ihre krankhafte Sucht. Warum sollte sie ausgerechnet heute scheitern? Dann steigt sie aus. Stefanie Winter, die eigentlich anders heißt, betritt den Münchner Hauptbahnhof wieder, nach all den Jahren.

Es ist Montagvormittag. Die Stoßzeit im Münchner Nahverkehr ist gerade vorbei. Nun beginnt die Rushhour der Suchtkranken. Männer und Frauen mit dösigen Augen drehen ihre Runden am Hauptbahnhof. Einige trinken das erste Bier und frühstücken Zigaretten. Sie unterhalten sich, tauschen sich aus, kommen ins Geschäft. Die einen verkaufen Heroin, Fentanyl, Koks, Ecstasy, Crystal oder Substitutionsmittel. Die anderen decken sich ein für den Tag, der gerade erst begonnen hat. Und manchmal gibt es keinen Unterschied zwischen Drogendealern und Drogenabhängigen. Drauf sind die meisten.

Drogenszene zwischen zwischen Bahnhofvorplatz und Post für Passanten oft unscheinbar

Der Hauptbahnhof offenbart so etwas wie den Querschnitt der Münchner Großstadt-Gesellschaft. Da sind die Pendler, die mit Fernzügen in München ankommen. Da sind die Touristen, die am Bahnhofplatz ihre Koffer in die Taxis schleppen. Und freilich sind da die Alkoholiker, die sich die erste Halbe aufschießen. Aber da sind auch die anderen Suchtkranken, die auf harten Drogen sind. Und insbesondere die Bewohner dieser letzten Parallelwelt zwischen Bahnhofvorplatz und Post, wo Trambahnen im Minutentakt halten, sind für Passanten oft unsichtbar. Diejenigen, die doch etwas mitkriegen, schauen manchmal abfällig oder machen einen großen Bogen. Aber Stefanie Winter sagt: „Wir sind kein Abschaum, wir sind Menschen.“

Der Münchner Hauptbahnhof ist in den 90ern ihr Zuhause gewesen. An diesem Ort rauschten die Jahre nur so an ihr vorbei. Viele Erinnerungen, viele Versuchungen begegnen ihr, wenn sie heute hier vorbeikommt. Daher meidet sie den Hauptbahnhof eigentlich. Aber an diesem Vormittag will sie beweisen, dass sie stärker ist als der Bahnhof. Und sie beginnt die Prüfung selbstbewusst.

Kaum hat sie Hauptbahnhof unter den Füßen, wirkt sie wie eine Fremdenführerin, die einem eine verborgene Welt zeigt. Sie kennt jede Ecke, jede Treppe, jede Bank. Sie schlängelt sich so schnell durch die Passanten, dass man kaum hinterherkommt. Lässig lehnt sie auf dem Handlauf der Rolltreppe, die die Fahrgäste von der U2 ins Zwischengeschoss befördert. Sicher steuert sie zum Ausgang Schützenstraße. Ihre Anfangsnervosität hat sich gelegt. Das liegt einerseits an dem Jägermeister, den sie getrunken hat. Andererseits ist sie auch erleichtert, weil noch niemand sie angesprochen hat. Sie sagt, wenn es richtig kalt draußen sei, treffe man die Leute normalerweise schon im Zwischengeschoss. Aber mittlerweile sei die Szene deutlich geschrumpft. Das liege unter anderem an den harten Strafen, die auf Drogenbesitz stehen. „Die Leute verstecken sich, machen viel daheim. Und das ist auch das Gefährliche. Früher sind nicht so viele gestorben.“

Stefanie Winter ist dem Tod zweimal haarscharf entronnen. Sie wächst auf als Scheidungskind in München. Die Mutter ist 17, als sie zur Welt kommt. Mit 13 nimmt Stefanie Winter LSD und Ecstasy. Mit 15 spritzt sie sich zum ersten Mal Heroin, wie alle ihre Freunde. Mit 18 haut sie von Zuhause ab und lebt auf der Straße – drei, vier, fünf Jahre. Sie kann heute nicht mehr sagen, wie lange genau. Zu verschwommen ist diese Zeit. Sie erinnert sich eigentlich nur noch daran, dass sie damals jeden Tag irgendwo aufwacht, mal im Park, mal im Keller bei irgendwelchen Leuten. Manchmal sind es Bekannte, manchmal ist es irgendwer. Jeder Tag läuft gleich ab: aufstehen, Vene suchen, drücken, dealen, trinken, drücken, dösen. „Heroin, Koks, Ecstasy. Ich war auf alles, außer Hasch“, sagt sie.

Ein Gramm Heroin kostet in München zwischen 80 und 100 Euro

Jahrelang geht das so. Dann zieht der Staat die Bremse: Die Polizei erwischt Stefanie Winter, wie sie Heroin verkauft, davon lebt sie. Da ist sie Mitte 30. Sie bekommt eine Bewährungsstrafe. Sie kann nicht mehr dealen, ist plötzlich pleite. Ein Gramm Heroin verbraucht sie am Tag. In München muss man dafür zwischen 80 und 100 Euro zahlen. Ohne Job, ohne die Einnahmen vom Drogenhandel kann sie sich die Sucht nicht finanzieren. Schließlich findet sie eine Alternative: Fentanyl.

Fentanyl ist etwa 80 Mal so stark wie Morphin. Das Medikament befindet sich in Schmerzpflastern, die an Krebspatienten oder zur Behandlung von chronischen Rückenschmerzen verschrieben werden. Es fällt unter das Betäubungsmittelgesetz. Suchtkranke lutschen die Pflaster entweder, oder kochen sie aus, damit sich der Wirkstoff herauslöst und spritzen ihn intravenös.

Laut Klaus Fuhrmann von der Münchner Suchthilfe Condrobs gilt München als Fentanyl-Hochburg. Sein Kollege Olaf Ostermann bestätigt, dass der Konsum der Schmerzpflaster in Bayern besonders hoch sei. „Es gibt hier den Trend, Opiate zu ersetzen.“ Rund 20 Prozent aller Opiatabhängigen würden sich regelmäßig Fentanyl verabreichen. „In anderen deutschen Städten sind es höchsten drei Prozent.“

Der Grund, so sagen Suchtberatungsstellen, sei die restriktive Drogenpolitik in Bayern. Das Argument geht so: Im Freistaat sind die Strafen für Drogenbesitz härter als in anderen Bundesländern. Folglich verlangen die Dealer auf dem Schwarzmarkt mehr für die Drogen, weil sie sich das Risiko, erwischt zu werden, zahlen lassen. Die hohen Preise wiederum können sich nicht alle Suchtkranken leisten und konsumieren daher zum Beispiel Fentanyl.

Umstieg von Heroin auf das Schmerzmittel Fentanyl

Auch bei Stefanie Winter führen der Suchtdruck und das fehlende Einkommen dazu, dass sie von Heroin auf das Schmerzmittel Fentanyl umsteigt. Freunde wühlen im Abfall vor Krankenhäusern und Altenheimen nach den Schmerzpflastern. Das traut sie sich nicht. Sie täuscht beim Arzt Rücken- und Hüftschmerzen vor. Der verschreibt ihr das Medikament zunächst, schöpft aber irgendwann Verdacht. Also besorgt sie sich die Pflaster auf dem Schwarzmarkt. Der Druck wird immer größer. Am Ende wirkt Heroin bei ihr nicht mehr, nur noch Fentanyl. Heute sagt sie: „Das ist eine ganz krasse Droge. Die Pflaster sind unberechenbar. Man kann die Menge an Wirkstoff nicht dosieren. Das ist wie beim Pokern. Entweder man hat Glück oder man hat Pech.“

Stefanie Winter hat Glück gehabt. Zweimal rufen Freunde rechtzeitig den Krankenwagen. Viele andere haben Pech gehabt. Die Zahl der Drogentoten in München ist in den vergangenen drei Jahren deutlich gestiegen. 62 Menschen sind heuer in der Stadt bereits an ihrer Sucht gestorben. 2013 waren es 42, im gesamten vergangenen Jahr 48. In Frankfurt, wo es eine rege Drogenszene gibt, bezahlten 2014 mit 23 Menschen nur halb so viele ihre Sucht mit dem Leben. In Bayern starben im vergangenen Jahr 252 Menschen an Drogen – der höchste Wert in der Republik. Eine häufige Todesursache ist Heroin in Kombination mit anderen Drogen oder Heroinersatzstoffe wie Fentanyl.

Viele Suchtberatungsstellen sowie Politiker von der SPD und den Grünen fordern daher seit Jahren die Einrichtung sogenannter Fixerstuben in München. Per Bundesgesetz sind die Druckräume erlaubt, wo Suchtkranke sauberes Spritzbesteck bekommen und medizinisches Personal bei einer Überdosis schnell eingreifen könnte. Allerdings müssen die Länder noch einmal selber darüber entscheiden, ob sie Fixerstuben erlauben. Der Freistaat und insbesondere die CSU wehrt sich seit Jahren gegen die Einrichtung der Drogenkonsumräume. Schließlich sei es ein Widerspruch, dass der Staat einerseits Drogenbesitz unter Strafe stelle und andererseits Drogenkonsum in extra geschaffenen Räume erleichtere, so die Position der CSU-Fraktion im Landtag. Für Ostermann ist diese Abwehrhaltung eine von mehreren Ursachen, weshalb Bayern bundesweit die meisten Drogentote habe, wie er sagt.

Hauptbahnhof-Ausgang Schützenstraße: Hier starb eine gute Freundin auf der Treppe

Hauptbahnhof, Ausgang Schützenstraße. Stefanie Winter steht vor der Post, Bahnhofplatz 1. Sie erzählt, hier auf der Treppe sei vor vier Jahren eine gute Freundin gestorben. Die Frau, Anfang 30, sei weggedöst. „Wir dachten alle die schläft.“ Keiner habe gewusst, dass sie ein Fentanyl-Pflaster im Mund hatte. „Wir waren prall. Da erkennt man das Wesentliche nicht.“

Und auf einmal ist sie wieder da, die Nervosität. An der Tramhaltestelle vor der Post sitzen zwei Männer in langen Mänteln auf der Bank. Jeder hat ein Bier in der Hand, in der anderen eine Tüte. Sie schweigen, haben rote Augen, einen leeren Blick. Eine Tram hält, Fahrgäste steigen aus, die Tram fährt weiter. Die zwei Männer sitzen immer noch da. Stefanie Winter will weg von hier. Sie sagt: „Die zwei da. Die sind drauf.“ Sie befürchtet nicht, dass die Männer sie ansprechen. Aber alleine, dass sie da sind, stresst sie.

Weil sie während ihrer Bewährungszeit weiterhin Drogen nimmt, muss Stefanie Winter damals für 16 Monate ins Gefängnis. Sie macht einen kalten Entzug. Rückblickend sagt sie: „Ich bin froh, dass sie mich eingesperrt haben. Jetzt rühre ich das Zeug nicht mehr an.“

Seit drei Jahren hat sie kein Heroin und Fentanyl mehr genommen. Ein Arzt verschreibt ihr jeden Tag Subutex, ein Substitutionsmittel in Tablettenform. Das reicht für einen Tag. Und in der Praxis wird kontrolliert, ob sie die Tabletten schluckt und nicht mit nach Hause nimmt. Sie wohnt in einer Gemeinschaftsunterkunft einer Münchner Suchtberatungsstelle. Täglich arbeitet sie drei bis vier Stunden in einer Reinigungsfirma. Sie zeichnet sehr viel und will eine Ausbildung zur Tätowiererin machen. Mit ihrem Leben sei sie heute zufrieden, sagt sie.

Gerade hat sie die Trambahnschienen überquert und läuft über die Straße zur Bahnhofshalle. Sie holt sich ein Bier, sonst würde sie es nicht aushalten am Bahnhofvorplatz. Eine Frau schiebt einen Kinderwagen vor sich her. An der Hand hält sie ein kleines Kind. Stefanie Winter wartet, bis die beiden außer Reichweite sind, dann steckt sie sich eine selbstgedrehte Zigarette an. „Ich bin ein sensibler Mensch. Und ich denke, das sind wir alle“, sagt sie.

Ihre Vergangenheit ist ihr peinlich. Und hier am Hauptbahnhof holt sie die Vergangenheit überall ein. Sie kennt viele von früher und viele könnten sich auch an sie erinnern, befürchtet sie. Das ist auch der Grund, weshalb sie nicht mit richtigen Namen in der Zeitung stehen möchte. „Sie können schreiben: Christiane F.“, sagt sie, wenn man fragt, welcher Name ihr gefällt. Jetzt lacht Stefanie Winter. Christiane F. wie die bekannte Berliner Drogensüchtige aus dem Buch „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“.

Angebot am Hauptbahnhof: "Brauchst Du Sub?"

Und wie aus dem Nichts schlägt der Münchner Hauptbahnhof zurück. Das ist sie, die Versuchung. Ein Mann, Mitte 30, grüne Jacke, Zigarette im Mund, steuert auf Stefanie Winter zu, ohne sie anzusehen. Sie weiß, was kommt, und es ist ihr peinlich, dass man sie dabei beobachtet. Der Mann gibt ihr die Hand. „Brauchst du Sub?“, fragt er, ohne den Mund aufzumachen. Er meint Substitutionsmittel. Stefanie Winter sagt nichts. Sie schüttelt nur den Kopf. Der Mann geht weiter Richtung Bayerstraße.

Als er ein paar Meter entfernt ist, ruft ihm Stefanie Winter hinterher: „Kennst du mich noch?“ Der Mann dreht sich um und sagt: „Aber ja doch, immer.“

Von Thomas Radlmaier

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