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Chef-Hostess bei Olympia 1972: Wie Hella Rabbethge-Schiller die Spiele erlebte

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Von: Sophia Oberhuber

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Hella Rabbethge-Schiller (2. v. li.) mit anderen Hostessen vor dem Olympiaturm.
Hella Rabbethge-Schiller (2. v. li.) mit anderen Hostessen vor dem Olympiaturm. © BSB/BILDARCHIV/G. FRUHSTORFER

SERIE 50 Jahre Olympia – Hella Rabbethge-Schiller war als Chef-Hostess für das IOC bei den Sommerspielen in München dabei

München - Kein Ereignis hat München nach dem Zweiten Weltkrieg mehr geprägt als die Olympischen Spiele 1972. Die Infrastruktur veränderte sich in Rekordzeit, das Image wandelte sich hin zur weltoffenen Metropole. München wurde zur Weltstadt mit Herz. In einer neuen Serie zum 50-jährigen Jubiläum erinnert unsere Zeitung an das Leben von damals – erläutert Entwicklungen und stellt Zeitzeugen vor. Heute berichtet Hostess Hella.

Als Hella Rabbethge-Schiller auf ihr Handy-Display schaute, traute sie ihren Augen kaum: Ihr Sohn hatte ihr gerade das Titelblatt des „Münchner Merkur“ vom vergangenen Freitag geschickt. Auf dem Bild: sie im Dirndl mit drei anderen Olympia-Hostessen. Sofort waren die ganzen Erinnerungen an ihren Traumsommer 1972 wieder da.

Inzwischen lebt die 72-Jährige in Einbeck (Südniedersachsen). Dort bewahrt sie ihre Andenken in zwei Schuhkartons auf: Fotos, Broschüren und Pressetexte. Und dann ist da natürlich noch die Originaluniform – ein hellblaues Dirndl mit weißer Schürze. Das Plüsch-Maskottchen, Waldi der Dackel, ging an ihre Kinder.

Münchnerin war eine der ersten Olympia-Hostessen, die offiziell vorgestellt wurden

Rabbethge-Schiller hat während der Sommerspiele als Chefhostess für das Internationale Olympische Komitee (IOC) gearbeitet. 1971 wurde sie der Weltöffentlichkeit als eine der ersten Olympia-Hostessen vorgestellt und bei der Abschlusszeremonie am 11. September 1972 trug sie das Länder-Schild der Mongolei. „Es war eine unglaublich spannende Zeit“, erzählt die 72-Jährige heute.

Hostessen aus der ganzen Welt: Rabbethge-Schiller (Zweite v. li.) im Dirndl im Rahmen der Pressekonferenz 1971, bei der die ersten Hostessen vorgestellt wurden.
Hostessen aus der ganzen Welt: Rabbethge-Schiller (Zweite v. li.) im Dirndl im Rahmen der Pressekonferenz 1971, bei der die ersten Hostessen vorgestellt wurden. © privat

Alles begann mit einem Porträtfoto, das die damals 21-Jährige bei „einem schicken Münchner Fotografen“ anfertigen ließ. Damit bewarb sich die Münchner Französisch-Studentin als Hostess für die Olympischen Spiele in München. „Das war ein sehr begehrter Posten. Einige im Freundeskreis wurden abgelehnt.“ Rabbethge-Schiller nicht. Und so präsentierte sie das Organisationskomitee der Olympischen Spiele im April 1971 als eine der ersten Olympia-Hostessen. Ihr erster Auftritt wurde weltweit im Fernsehen ausgestrahlt. Die damalige Münchnerin erhielt sogar Fanpost aus Indien.

Politische Dimension der Olympischen Spiele in München: Hostessen erhielten extra Schulung

Bis zu den Spielen 1972 arbeitete Rabbethge-Schiller immer wieder tageweise als Hostess. Nach einer Ausbildung zur Stadtführerin zeigte sie internationalen Gästen die Stadt. Man legte höchsten Wert darauf, München als Weltstadt mit Herz zu zeigen. „Ich sollte den Fokus bei den Führungen deshalb weit weg von den Relikten aus der Nazi-Zeit legen, sondern eher auf die Bauten von Ludwig I.“, sagt Rabbethge-Schiller. Das setzte sich in einer politischen Schulung der Hostessen, an der sie vor Beginn der Sommerspiele teilnahmen, fort. „Wir sollten möglichst wenig vom Nationalsozialismus und der Rolle, die München darin spielte, sprechen. Olympia hatte eine höchst politische Dimension für die Bundesrepublik Deutschland, in der sich eine offene, freie Gesellschaft präsentieren sollte.“

Mit der Eröffnungsfeier am 26. August 1972 wurden die Münchner Sommerspiele eingeläutet. Rabbethge-Schiller war seit ihrem ersten Auftritt als Hostess in der Hierarchie aufgestiegen und zu einer der drei Chef-Hostessen für das IOC berufen worden. „Es war ein toller Posten, weil das IOC im Protokoll der Olympischen Spiele sogar noch höher steht als Staatsoberhäupter.“ Aus ihrer Position resultierte auch eine Einladung zum Empfang nach der Eröffnungsfeier. „Ich trug nicht meine Uniform, sondern ein Abendkleid aus schwarzem Samt“, erzählt die Niedersächsin.

Aufgaben der Hostessen in München: Eine Wohlfühlatmosphäre schaffen - und manchmal auch kurzfristig einen Dackel auftreiben

Auch Fotos für Sponsoren war eine der Aufgaben der Olympia-Hostessen. Hier  Rabbethge-Schiller (re.) mit eine überdimensionierten Hasen.
Auch Fotos für Sponsoren war eine der Aufgaben der Olympia-Hostessen. Hier Rabbethge-Schiller (re.) mit eine überdimensionierten Hasen. © privat

Morgens ging es für die Münchner Studentin immer in das Hotel Vier Jahreszeiten. Dort residierten die Mitglieder des IOC. Die Aufgabe der Hostessen war es, die IOC-Mitglieder auf offiziellen Veranstaltungen abseits der sportlichen Ereignisse zu begleiten und darauf zu achten, dass sie sich in München wohlfühlten. Das brachte manchmal auch skurrile Aufgaben mit sich: „Der Bruder des Schahs von Persien wollte unbedingt einen Dackel. Über Kontakte einer anderen Hostess konnten wir ihm schließlich einen besorgen“, erinnert sich Rabbethge-Schiller und lacht.

Olympia-Attentat 1972: „Es hat sich ein Trauerkloß über die Spiele gelegt.“

Am elften Olympiatag bekam Rabbethge-Schiller in den Nachrichten mit, dass ein Anschlag verübt wurde. Es war ihr freier Tag. Sie eilte ins Hotel Vier Jahreszeiten. Dort trafen sich die Mitglieder des IOC, um darüber zu entscheiden, ob die Spiele nach dem Attentat auf die israelische Mannschaft fortgesetzt werden sollten. „Willi Daume als Chef des Organisationskomitees kam ganz gebeugt, käseweiß und noch in seiner Freizeitjacke aus dem Sitzungssaal“, erinnert sich Rabbethge-Schiller. „Nach dem Attentat hat sich ein Trauerkloß über die Spiele gelegt. Die Stimmung hat sich vollkommen verändert.“ Die Spiele wurden aber fortgesetzt.

Rabbethge-Schiller wäre gerne noch einmal olympische Hostess gewesen. Für die Winterspiele in Innsbruck wurde sie eingeladen, aber ein Skiunfall machte ihr einen Strich durch die Rechnung. Es blieb schließlich „nur“ bei dem einen Mal in München. Zu ihren Hostess-Kolleginnen hielt die 72-Jährige noch lange den Kontakt. Und dann sind da natürlich noch die ganzen Erinnerungen – und zwei Schuhkartons.

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