Rentner mit Streifenkarte
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„Ich zahle nichts“ – Waldemar Kreuzer sieht sich zu Unrecht als Schwarzfahrer abgestempelt. Er fuhr mit einer veralteten Streifenkarte.

Keine Kulanzregelung geplant

Münchner (91) bleibt nach S-Bahn-Episode stur: „Ich zahle nichts – eher gehe ich ins Gefängnis“

  • Dirk Walter
    VonDirk Walter
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Waldemar Kreuzer ist 91 Jahre alt. Muss man in diesem gesetzten Alter die Details der jüngsten MVV-Preiserhöhung verfolgen? Der Rentner aus München-Feldmoching hat das nicht getan – und soll jetzt 60 Euro Schwarzfahrer-Buße bezahlen.

München – Die Welt des Waldemar Kreuzer ist gerade etwas aus den Fugen. Vor vier Wochen, so erzählt der Münchner bedrückt am Telefon, ist seine Ehefrau in ein Seniorenheim gekommen. Das ist hart für die beiden, auch weil das Heim in Marzling liegt – ein Stück weit außerhalb der Kreisstadt Freising. Kreuzer wohnt in Feldmoching und wenn er seine Frau besuchen will, dann muss er S-Bahn und Taxi nehmen.

So auch am vergangenen Freitag. Gleich in der Früh kurz nach halb neun setzte sich der 91-jährige ehemalige Stuckateur am Bahnhof Feldmoching in die S1 Richtung Freising. Die Fahrt mit der S-Bahn dauert nur 23 Minuten – aber wie es so kommt, waren diesmal Kontrolleure zugestiegen.

München: Mann (91) muss bei S-Bahn-Kontrolle Fahrkarte vorzeigen - und ahnt zunächst nichts Böses

Gleich nach der Abfahrt musste Waldemar Kreuzer seine Streifenkarte vorzeigen. Sie war, so glaubte der Mann jedenfalls, ordnungsgemäß abgestempelt – vier Streifen. Waldemar Kreuzer wunderte sich etwas, dass die Kontrolleurin seinen Ausweis verlangte und ihn einen Papierstreifen mit Kleingedrucktem in die Hand gab. Aber er dachte sich nichts weiter. „Sie hat mir auch nichts gesagt, mir nur einen schönen Tag gewünscht.“

In Freising stieg der Rentner aus, nahm sein Taxi und besuchte seine Frau. Auf dem Rückweg am Abend geriet er in ein S-Bahn-Chaos – in Eching stoppte die S-Bahn, der Rentner stand allein am Bahnhof. Zum Glück konnte er seine Nichte erreichen, die ihn nach Feldmoching fuhr. Ihr erzählte er auf der Fahrt von der Kontrolle – und als die Verwandte den weißen Papierstreifen sah, war ihr klar, was das bedeutete: „Fahrpreisnacherhebung“. „Du musst 60 Euro zahlen.“

S-Bahn München: Rentner wusste nichts von Preiserhöhung - er war mit verfallener Streifenkarte unterwegs

Tatsächlich hat die MVV im Dezember vergangenen Jahres den Preis für die Streifenkarte erhöht – sie kostet jetzt 14,60 statt 14 Euro. Ein Streifen ist jetzt sechs Cent teurer.

Davon habe er nichts gewusst, sagt Waldemar Kreuzer. Er hatte eine alte Streifenkarte abgestempelt, die aber nur drei Monate nach dem Zeitpunkt der Erhöhung noch gültig war – also Mitte März verfallen ist.

Kein Einzelfall: Erst Ende Oktober berichteten wir über einen ähnlichen Fall – ein 72-jähriger Münchner wurde ebenfalls mit veralteter Streifenkarte ungewollt zum Schwarzfahrer.

Bahn plant nach S-Bahn-Episode keine Kulanzregelung - Münchner: „Eher gehe ich ins Gefängnis“

Wie damals will die Bahn auch jetzt keine Kulanz gewähren. „Ich kann gut nachvollziehen, dass eine Fahrpreisnacherhebung unangenehm für die Betroffenen ist“, sagt ein Sprecher. Und hinter einer Fahrt mit ungültigem Ticket stecke auch „nicht immer böse Absicht“. Trotzdem müssten alle Fahrgäste gleich behandelt werden. „Daher bitte ich um Verständnis, dass wir im vorliegenden Fall an der ausgestellten Fahrpreisnacherhebung festhalten müssen.“

Waldemar Kreuzer stellt sich vorläufig stur: „Ich habe nach bestem Wissen und Gewissen vier Streifen abgestempelt“, sagt er. „Ich zahle nichts – eher gehe ich ins Gefängnis.“

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