+
Praktiziert im Bezirk Feldmoching-Hasenbergl: Kinderarzt Dr. Stefan Hammann in seiner Praxis.

Betroffene Münchner klagen

Versorgungs-Chaos im Münchner Norden: Zwei Ärzte für 9000 Kinder

In der Stadt herrscht ein Ärztemangel - zumindest in einigen Vierteln. Besonders im Norden könnte die Lage dramatisch werden. Nun setzen sich einige Betroffene zur Wehr.

München - Das Wartezimmer ist gerammelt voll. Mehr als 50 kleine Patienten sitzen dort. Einige von ihnen haben fiebrig-glänzende Augen, anderen läuft die Nase, manche husten. Daneben jede Menge besorgte Eltern. Sie alle wollen sich ärztlichen Rat bei Dr. Stefan Hammann holen.

Der Kinderarzt arbeitet am Limit. „Zwölf-Stunden-Tage sind normal, oft bin ich sogar noch länger in der Praxis“, sagt der 53-jährige Würmtaler. Bis zu 100 Patienten behandelt er täglich. Wie viele Fachkollegen Hammann im Bezirk Feldmoching-Hasenbergl hat? Einen. Richtig gelesen: Zwei Kinderärzte für 8943 Kinder unter 15 Jahren. Ähnlich schlimm sieht es in Allach-Untermenzing aus. Dort praktiziert genau ein Kinderarzt - für 4615 Kinder. „Das ist viel, viel zu wenig“, sagt Hammann. Er habe 4000 Kinder in seiner Kartei. Zum Vergleich: 1600 Patienten seien normal für eine Praxis.

Akuter Kinderärztemangel in Münchens Norden

Fakt ist: Im Münchner Norden herrscht akuter Kinderärztemangel. Doch wie kann das sein? In einer Stadt wie München, in der mehr Ärzte praktizieren als notwendig - zumindest sagen das die Zahlen, berechnet wird die Anzahl der benötigten Ärzte nach einem bestimmten Schlüssel. Insgesamt knapp 150 Kinderärzte gibt es in München, damit ist die Stadt eigentlich überversorgt. „Die Verteilung ist das Problem“, sagt Hammann.

1000 Betroffene - Ärzte wie Eltern - haben sich jetzt in einer Unterschriften-Aktion an die Kassenärztliche Vereinigung Bayern (KVB) gewandt, um für eine bessere Versorgung in ihrem Viertel zu kämpfen. Die Schwierigkeit: München gilt als ein Planungsbereich. Sprich, jeder Arzt kann sich innerhalb der Stadt niederlassen, wo er will. „Die meisten bevorzugen die innerstädtischen Viertel“, sagt Hammann. In Schwabing-Freimann zum Beispiel gibt es elf Kinderärzte für 8743 Kinder.

Arzt vermutet Vorurteile gegenüber Stadtteilen bei Kollegen

„Ich glaube, manche Kollegen haben Vorurteile gegenüber Stadtteilen wie dem Hasenbergl“, sagt Hammann. Ihm mache die Arbeit hier sehr viel Spaß. „Viele wissen gar nicht, wie nett die Leute in diesem Viertel sind.“ Rund um die Uhr sei er für seine kleinen Patienten da. „Sogar im Urlaub oder am Wochenende bin ich per Whats-App erreichbar.“ Neue Kinder aufnehmen hingehen könne Hammann schon lange nicht mehr. „Täglich muss ich Menschen wegschicken, weil meine Praxis aus allen Nähten platzt.“ Täglich müsse er die Verzweiflung der Menschen miterleben, die einfach keinen Kinderarzt in der Nähe finden. „Das tut mir in der Seele weh!“ Groß sei sein Wunsch nach „weiteren kompetenten Kollegen im Viertel, die mich entlasten“.

Ob sich am Verteilungssystem etwas ändert, steht derweil in den Sternen. Für Hammann steht jedoch fest: „Ich fühle mich sehr wohl hier und denke, dass es potenziellen Kollegen genauso gehen würde - man muss sich nur trauen.“

Unterschriften-Aktion

Rund 1000 Unterschriften von betroffenen Ärzten, Eltern und Fachkräften hat Friederike Goschenhofer vom Verein Regionale Netzwerke für Soziale Arbeit in München (REGSAM) gesammelt. Sie alle wollen eine bessere kinderärztliche Versorgung in ihrem Viertel. Goschenhofer überreichte die Liste an Christoph Graßl, Bezirksvorsitzender der Krankenärztlichen Vereinigung, und an Gesundheitsreferentin Stephanie Jacobs. Sie versprachen, sich weiterhin um das Thema zu kümmern.

Hier werden 1000 Unterschriften überreicht: Friederike Goschenhofer (M.) vom Verein Regionale Netzwerke für Soziale Arbeit in München nimmt Christoph Graßl, Bezirksvorsitzender der Krankenärztlichen Vereinigung, und Gesundheitsreferentin Stephanie Jacobs mit ins Boot.

Umfrage - so erleben die Anwohner im Viertel die Situation: 

Ruth Goerke (57), Lottoladen-Angestellte, mit Enkelin Darleen (6) aus dem Hasenbergl: „Eigentlich wollten wir zu Doktor Verner Hallmen gehen, der direkt bei uns ums Eck praktiziert. Doch der war restlos ausgebucht. Schließlich haben wir im Medicenter am Olympia-Einkaufszentrum einen Kinderarzt gefunden. Allerdings fahren wir da mindestens eine halbe Stunde öffentlich hin. Schlimm ist das, wenn Darleen wirklich sehr krank ist. Dann nehmen wir auch manchmal ein Taxi.“

Natalia Valinovic (29), Unternehmensberaterin, mit Tochter Viktoria (5 Monate) aus Milbertshofen: „Bereits in der Schwangerschaft habe ich mich nach einem Kinderarzt umgesehen und bin schließlich an der Ingolstädter Straße fündig geworden. Man merkt schon, dass alles schnell-schnell gehen muss. Die Ärzte stehen unter enormem Druck und müssen viele Patienten versorgen. Mehr Zeit für jedes Kind wäre gut!“

Alisha Srivastava (28), Desk-Managerin in einer IT-Firma mit Tochter Aarohi (2) aus dem Hasenbergl: „Vor zwei Jahren kamen wir aus Indien hierher. Es war so schwer, einen Kinderarzt zu finden. Ich habe Freunde gefragt, ob sie nicht jemanden wüssten. Ein Freund von mir kannte Dr. Hammann. Deswegen hat der uns dann in seiner Praxis aufgenommen. Über zwei Monate hat die Suche gedauert. Hier leben so viele Kinder, mehr Ärzte wären dringend nötig.“

Jozef Malata (47), Elektriker, mit Frau Jana Malatova (46) und Tochter Nina (6) aus dem Hasenbergl: „In der Schwabinger Belgradstraße ist unser Kinderarzt. In keiner näheren Praxis wurden wir genommen. Bei mehr als zehn Praxen in der Umgebung haben wir unser Glück versucht - vergeblich. Die Fahrt ist schon lang. Einmal haben wir über eine Stunde zum Arzt gebraucht, weil so viel Stau war. Sonst brauchen wir 20 Minuten.“

Überblick: Ärzte in freien Praxen pro Stadtbezirk

Stadtbezirk

Anzahl der Ärzte

Einwohner

Anzahl der Kinderärzte

Kinder unter 15

Altstadt-Lehel

563

21.122

3

2010

Ludwigs- und Isarvorstadt

284

54.049

3

5454

Maxvorstadt

252

53.743

1

4425

Schwabing West

159

68.527

4

7576

Au-Haidhausen

181

61.495

6

7352

Sendling

97

40.879

6

4534

Sendling-Westpark

66

58.398

4

6954

Schwanthalerhöhe

42

30.381

2

3691

Neuhausen-Nymphenburg

338

98.702

10

11.845

Moosach

72

53.261

7

6697

Milbertshofen-Am Hart

53

75.488

5

9322

Schwabing-Freimann

242

75.020

6

8743

Bogenhausen

286

85.947

3

10.952

Berg am Laim

39

45.035

3

5815

Trudering-Riem

80

69.830

4

12.131

Ramersdorf-Perlach

144

122.371

12

15.295

Obergiesing-Fasangarten

88

54.402

9

6443

Untergiesing-Harlaching

123

53.377

6

6116

Thalkirchen-Obersendling-Fürstenried-Solln

181

93.602

15

11.708

Hadern

64

50.257

5

6306

Pasing-Obermenzing

240

73.320

8

10.321

Aubing-Lochhausen-Langwied

50

43.682

4

6328

Allach-Untermenzing

32

31.882

1

4615

Feldmoching-Hasenbergl

48

61.534

2

8943

Laim

108

55.374

4

5724

Quelle: Kassenärztliche Vereinigung Bayern / Statistisches Jahrbuch 2016

T. Buchka

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Harte Arbeit unter der Erde: Er hält das Grundwasser sauber
Eric Baisi arbeitet im Untergrund - denn er ist Kanalinspekteur. Wir haben ihn bei seiner speziellen Arbeit begleitet. 
Harte Arbeit unter der Erde: Er hält das Grundwasser sauber
Tag 10 des Oktoberfests: Darum tricksen die Imbissbuden bei ihrem Namen
Tag 10 auf dem Oktoberfest 2017. Was alles passiert, erfahrt ihr in unserem Live-Ticker. 
Tag 10 des Oktoberfests: Darum tricksen die Imbissbuden bei ihrem Namen
Michaela May: Zielsicher auf der Wiesn
Als waschechte Münchnerin schaut auch Michaela May gern auf der Wiesn vorbei. Dabei greift sie in jedem Jahr zum Gewehr und liebt den typischen Duft des Festes.
Michaela May: Zielsicher auf der Wiesn
Ticker: So erklärt der KVR-Chef die peinliche Wahlbeteiligungspanne
Wie sehen die Ergebnisse in der Stadt München aus? Was sagen die Kandidaten und Parteien? Alle Infos, Ergebnisse und Stimmen gibt es hier im Live-Ticker.
Ticker: So erklärt der KVR-Chef die peinliche Wahlbeteiligungspanne

Kommentare