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Als die Feuerwehrmänner am Mittwoch an dem Wohnblock in Obergiesing ankamen, brannte es aus mehreren Fenstern. Auf dem Balkon der Brandwohnung stand ein 81-jähriger Mann in Flammen. Feuerwehrmann Thomas Mitterer  stieg über die Leiter zu dem 81-Jährigen hinauf und versuchte den Mann vor dem Feuer zu schützen.

Er riskierte für den brennenden Mann sein Leben

Feuerwehrmann spricht nach der Balkon-Tragödie von Giesing

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Obergiesing - Nach dem Feuerdrama in Obergiesing sprachen wir mit Feuerwehrmann Thomas Mitterer, der sein Leben riskierte, um einen Bewohner vor den Flammen zu retten. Der Mann ist später in der Klinik gestorben.

Thomas Mitterer von der Berufsfeuerwehr München

Thomas Mitterer, 44, von der Berufsfeuerwehr München erlebte am Mittwoch den bisher dramatischsten Einsatz seines Lebens: Feuer in einem Haus an der Sintpertstraße in Obergiesing. Ein 81-Jähriger war in brennender Kleidung auf den Balkon geflüchtet. Mitterer stieg zu ihm hinauf und schützte ihn vor den Flammen. Gestern Mittag, kurz bevor er wegen seiner Verbrennungen wieder zum Arzt musste, sprachen wir mit dem mutigen Feuerwehrmann, der bei dem Einsatz sein Leben riskierte. Am frühen Abend meldete die Feuerwehr dann, dass der 81-jährige Bewohner zwischenzeitlich seinen schweren Verletzungen erlegen ist.

Herr Mitterer, wie geht es Ihnen einen Tag nach dem Einsatz?

Thomas Mitterer: Mir geht es den Umständen entsprechend. Ich habe Verbrennungen am Kopf, an den Armen und im Fußbereich. Aber das wird schon wieder.

Können Sie schildern, was gestern passiert ist?

Bei der Ankunft am Gebäude hat es schon aus den Fenstern rausgeraucht und gebrannt. Uns war klar, was das für Ausmaße hat. Der Mann stand auf dem Balkon. Seine Haare und seine Kleidung haben gebrannt.

Was haben Sie dann gemacht?

Meine Kollegen haben die Leiter hochgefahren, und ich bin mit dem Atemschutzgerät auf dem Rücken hoch. Oben habe ich das Feuer an der Kleidung des Mannes mit der Hand ausgeschlagen. Er hat sich am Balkongeländer festgehalten. Ich habe ihm gesagt, dass wir runtermüssen, aber er hat gesagt: „Das geht nicht, das geht nicht.“

Wieso hat der Mann nicht losgelassen?

Ich weiß es nicht. Er hat am ganzen Körper gezittert, hat sich geschüttelt. Wahrscheinlich hat er sich verkrampft. Mir war schnell klar, dass ich ihn nicht wegbring’, also bin ich bei ihm stehen geblieben. Das klingt vielleicht komisch, aber ich habe mich als Schutzschild hinter ihn gestellt.

Wie ging es weiter?

Das Fatale war, dass die Wohnung dann durchgezündet hat. Es gab eine Rauchgasexplosion. Es war vorher schon sehr heiß, aber das waren dann Temperaturen von 1000 Grad. Da habe ich mir dann meine Verletzungen zugezogen. Aber ich konnte nicht weg, ich konnte den Mann nicht allein lassen. Ich habe runtergerufen: „Ich brauch’ Wasser, ich brauch’ Wasser.“ Meine Kollegen sind mit einem Rettungskorb gekommen und haben den Mann nach unten transportiert. Danach haben wir in den anderen Wohnungen die Türen mit der Axt aufgebrochen, um zu schauen, ob da noch Leute sind.

Sie haben nicht Ihre Wunden versorgen lassen?

Ehrlich gesagt, habe ich die Schmerzen in dem Moment noch nicht bemerkt. Das Adrenalin, der extreme Stress. . .

Sie sind seit 15 Jahren bei der Berufsfeuerwehr München. Haben Sie so etwas schon mal erlebt?

Nein, das war mit Abstand das Krasseste, was ich je erlebt habe. Ich war weit über meiner eigenen Grenze, aber da wächst man über sich hinaus.

Hatten Sie Todesangst?

Nein. Mein einziger Gedanke war: Wie lange halte ich diese Hitze aus? Über etwas anderes nachzudenken bringt nichts.

Wie geht es nach so einem Einsatz weiter?

Wir haben eine Einsatzbesprechung, meist am selben Tag. Da gibt es psychologische Betreuung, das hilft ganz gut. Man redet und versteht die Hintergründe.

Sie haben eine Frau und zwei Kinder, wie hat ihre Familie reagiert?

Wir hatten noch keine Zeit zu sprechen. Ich war ja im Krankenhaus. Aber ich werde an diesem Freitag 44 – ich kann jetzt meinen zweiten Geburtstag feiern.

Was Feuerwehrleute bei ihren Einsätzen erleben, können Sie in unserer Feuerwehr-Serie nachlesen

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