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Sichtbare Geschichte: ;ichael Kammerloher und Pfarrerin Susanne Trimborn betrachten die Ausstellung.

Ausstellung in St. Paulus

Geschichte der Protestanten in Perlach: Es begann mit Flucht und Not

München - Die Geschichte der Protestanten in München ist wechselvoll und hat erstaunliche Parallelen zur Gegenwart. Eine Ausstellung in St. Paulus in Perlach, Münchens ältestem evangelischen Gotteshaus, schildert die Probleme der ersten Protestanten.

Es waren Wirtschaftsflüchtlinge, die 1816 vor den Toren Münchens standen und Land und Teilhabe begehrten. Europa erlebte damals dramatische Hungerjahre. Der Vulkan Tambora auf der indonesischen Insel Sumbawa war ein Jahr zuvor derart heftig ausgebrochen, dass seine Asche noch im folgenden Jahr die gesamte Atmosphäre verdunkelte und zu Missernten führte. Die Pfälzer Weinbauern standen vor dem Ruin. Da kam der Aufruf des bayerischen Königshauses gerade recht. Tenor: Kommt zu uns, hier könnt ihr euch eine neue Existenz aufbauen!

Friederike Wilhelmine Karoline von Baden, zweite Frau von König Maximilian I. von Bayern, hatte die Kolonisten angeworben. Als erste Königin Bayerns mit evangelischem Glauben hatte sie mit ihrem Pfälzer Gefolge gerade die erste evangelische Gemeinde in München gegründet. Zudem war Karoline sehr sozial eingestellt. „Steht Dir die Not bis obenhin, so gehst Du zu der Karolin!“ hieß es im Voralpenland.

St. Paulus Perlach ist Münchens älteste noch erhaltene protestantische Kirche.

Dass die Obrigkeit damals tatsächlich dachte, die „Überrheiner“ könnten mit ihren Rebsorten in München Weinbau betreiben, war recht blauäugig. Die Perlacher waren auch nicht sonderlich begeistert von den neuen Mitbürgern, die sich hier diverse Hofstellen kauften und erfolgreich auf Gemüseanbau umsattelten. Neid und Missgunst trübten den sozialen Frieden derart, dass ein Minister die alteingesessene Bevölkerung aufrufen musste, die Zuwanderer nicht zu beschimpfen und zu schmähen.

Beharrlich kämpften die pfälzischen Einwanderer in Perlach nicht nur um ihre Existenz, sondern auch um eine angemessene Möglichkeit, ihre Religion auszuüben. Der Kirchgang von Perlach zur ersten evangelischen Kirche Münchens, die 1825 auf Höhe Landwehr-/Sonnenstraße entstand, war beschwerlich. Die „Stachuskirche“ wurde später in St. Matthäus umbenannt und 1939 von den Nationalsozialisten gewaltsam abgebrochen, nach dem Zweiten Weltkrieg dann am Sendlinger-Tor-Platz wieder errichtet.

Das Schicksal der Perlacher Protestanten war ein Politikum, das damals ganz Deutschland und selbst höchste Kreise beschäftigte. Der protestantenfeindliche Innenminister Karl von Abel versuchte alles, um einen Kirchenbau zu verhindern. Er untersagte nicht nur Geldsammlungen, sondern auch die sonntäglichen Gottesdienste in Perlach. In ganz Deutschland berichteten die Zeitungen über die fatale Situation der Protestanten in der kleinen bayerischen Gemeinde.

König Ludwig I. persönlich genehmigte schließlich eine München- und auch reichsweite Sammlung für den Bau eines protestantischen Bethauses in Perlach. Am Ende fehlten 1000 Gulden für den Bauplatz. Das Projekt drohte am Geld zu scheitern, ähnlich wie es gut 160 Jahre später Imam Benjamin Idriz mit seiner Idee eines Islamzentrums erging. Doch anders als Idriz, der vor wenigen Wochen seine Hoffnungen begraben musste, hatten die Protestanten damals einen potenten Fürsprecher: „Seine Majestät, der König von Preußen“ steuerte die halbe Summe „allerhuldvollst“ bei. 1848 entstand die heutige St.Paulus-Kirche in der Sebastian-Bauer-Straße 21, erbaut vom berühmten Münchner Architekten Georg Friedrich Ziebland, einem bekennenden Protestanten.

1904 kam das neue Pfarrhaus nach den Plänen von Theodor Fischer direkt daneben hinzu. Beide Gebäude stehen heute unter Denkmalschutz. Das Pfarrhaus wurde zuletzt aufwändig saniert, bei der Kirche sind nach dem Kirchturm noch Fassadenarbeiten nötig, um den ursprünglichen Ziebland-Charakter wiederherzustellen.

St. Paulus ist die Wiege zahlreicher Tochtergemeinden in München und im Umland, von Berg am Laim und Ramersdorf über Unterhaching bis nach Ottobrunn. In Perlach ist derzeit Pfarrerin Susanne Trimborn im Amt.

Im Gemeindepavillon von St. Paulus findet von Samstag an die Ausstellung „200 Jahre Protestanten in Perlach“ statt. Michael Kammerloher vom Kirchenvorstand und Ulrich Walter vom Heimatverein „Festring Perlach“ haben sie maßgeblich konzipiert. In vielen Archiven und Schränken haben sie interessante Pläne, Bilder und Details gefunden und die Informationen in Schautafeln umgesetzt. Bei längeren Texten gibt es einen QR-Code. Wer ein Smartphone hat, kann sich die Texte mittels dieses Codes vorlesen lassen – aber bitte mit Kopfhörern, appellieren die Veranstalter.

Die Ausstellung

„200 Jahre Protestanten in Perlach“ im Gemeindepavillon der St.-Paulus-Gemeinde (Sebastian-Bauer-Straße 21) ist vom 3. bis 11. September jeweils von 15 bis 18 Uhr geöffnet. Zusätzlich gibt es zum „Tag des Offenen Denkmals“ am 11. September von 11 bis 18 Uhr Führungen durch Kirche und Ausstellung. Zur Ausstellung gibt es das Themenheft „200 Jahre Protestanten in Perlach 1816-2016“ mit weiteren Informationen zum Preis von 4 Euro.

Carmen Ick-Dietl

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