Geschwister-Scholl-Platz

Hunderte Muslime für den Frieden

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München - Im strömenden Regen haben am Freitag Münchner Muslime ein Zeichen gegen Terror und für Toleranz gesetzt. Unter dem Motto „Steh auf gegen Hass und Gewalt!“ versammelten sich hunderte Menschen vor der Universität.

Es regnet und regnet und regnet. Doch das hält die 400 Menschen an diesem tristen Novembernachmittag nicht ab. Sie sind vor die Universität gekommen, weil ihnen ihr Anliegen wichtig ist. Münchner Muslime wollen zeigen, dass sie den Terror ablehnen und mit den Franzosen trauern. So wie Sema, 33, Kopftuch, Frankreich-Fahne am Rucksack. „Ich bin froh, in einer Demokratie zu leben“, sagt Sema ernst. Sie ist alleine hierher gekommen, „um mein Mitgefühl mit den Franzosen zu zeigen.“ Für „grausame Morde“ gebe es keinerlei Rechtfertigung.

Sema ist 33 und sagt, sie sei sehr froh, in einer Demokratie zu leben.

Hunderte Muslime folgen wie Sema dem Aufruf, zum Geschwister-Scholl-Platz vor die Bühne zu kommen, auf der eine Frankreich-Fahne mit der Aufschrift „Wir solidarisieren uns mit allen Opfern“ steht. Initiiert worden war die Aktion unmittelbar nach den Terroranschlägen von Paris durch Imam Benjamin Idriz und seinem Münchner Forum für Islam (MFI). „Steh auf gegen Hass und Gewalt!“, hat er die Demo genannt.

Die Ansprache von Idriz hallt durch den platschenden Regen hindurch zum Hauptgebäude der Universität und zurück. „Wir sind die Muslime!“, ruft Idriz. „Diese unmenschliche Tat zeigt, dass wir Menschen aufstehen müssen, noch lauter und deutlicher über die Menschlichkeit des Islams sprechen und allen, die diese Werte zerstören, zu widersprechen.“ Idriz sagt, die „humanen Werte“ des Islams seien „der beste Schutz gegen Radikalisierung, vor allem der heranwachsenden Menschen“.

Diesen Aspekt betont auch Alt-OB Christian Ude, nach seinem Bühnen-Sturz auf Krücken erschienen, in seiner Rede. Die Demonstration der Münchner Muslime sei einerseits ein „wichtiges Signal für die Mehrheitsgesellschaft“, sagt er. Aber eben auch „an die Jugend, damit sie nicht den Islamisten auf den Leim geht“. Es gehe auch darum, dem Terrorismus „den Nachwuchs zu entziehen“. Die Taten würden schließlich nicht „von einzelnen Verrückten“ begangen. Nach dem Attentat auf die Satire-Zeitschrift Charlie Hebdo etwa habe es in der islamischen Welt durchaus auch „Jubelveranstaltungen“ gegeben. Ude nimmt Münchens Muslime aber auch in die Pflicht. Er sagt, wer eine tolerante Stadt wolle, müsse auch gegenüber anderen tolerant sein.

Das lebt das Münchner Forum für Islam (MFI) vor. Auch am Freitagnachmittag vor der Uni. Bischofsvikar Rupert Graf zu Stolberg vom Erzbischöflichen Ordinariat gehört zu den Rednern, der evangelische Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm grüßt von der Bühne die „lieben Friedensfreundinnen und Friedensfreunde“. CSU-Stadtrat Marian Offman von der Israelitischen Kultusgemeinde (IKG) unterstreicht, wie heilig das menschliche Leben sowohl im Judentum als auch im Islam sei. „Im Koran steht: Wer ein unschuldiges Leben tötet, tötet die ganze Menschheit“, erklärt er im Gespräch mit unserer Zeitung. Den Muslimen in der Stadt sagt er Solidarität zu. „München kann unterscheiden“, sagt Offman. „Zwischen dem Islam des IS und dem Islam, der hier schon seit Jahrzehnten von friedlichen Menschen gelebt wird.“

Ghazzi kam vor acht Monaten aus Syrien nach Deutschland.

Und auch von vielen, die neu nach München kommen. Direkt vor der Bühne steht Ghazzi, der erst vor acht Monaten aus Syrien nach Deutschland kam. Er hält ein Plakat des deutsch-syrischen Vereins in die Höhe. Auf ihm steht: „Wir sind gegen Terror und Extremismus.“ In gebrochenem Deutsch sagt Ghazzi leise, aber bestimmt: „Ich bin gegen Terroristen. In Syrien, in Frankreich, in allen Ländern.“

Es ist eine rührende, selbstbewusste Veranstaltung. Aber viele der Muslime wirken verunsichert. „Die Angst darf unser Leben nicht bestimmen“, sagt Imam Idriz. Und fordert „mehr Mut, mehr Tatkraft“. „Wir wehren uns dagegen, dass der Hass aus anderen Regionen der Welt hierher gebracht werden soll, und arbeiten für ein friedliches Miteinander in Europa, in Deutschland.“ Und, betont Idriz, „in München, wo wir zu Hause sind.“

Dieses Bekenntnis zu München, man hört es an diesem Nachmittag oft. Sema, die Politikstudentin mit dem Kopftuch und der durchnässten Frankreich-Fahne sagt, sie sei „doch ein Münchner Kindl“. Es klingt ein bisschen trotzig. Aber Sema sieht plötzlich auch ziemlich stolz aus. Und gar nicht mehr einsam. Wie sie da alleine im Regen steht. Mitten in ihrer Stadt.

Felix Müller

Rubriklistenbild: © Schlaf

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