Schrumpfkur für das Sorgenkind

Klinikum Schwabing wird erheblich verkleinert

München - Das Klinikum Schwabing wird in den nächsten Jahren erheblich schrumpfen, Personal und Betten werden abgebaut. Die Klinikleitung sieht keine Alternative, um aus den roten Zahlen herauszukommen.

Im Jahr 1909 eröffnete das Klinikum Schwabing am nördlichen Ende Münchens. Es war eines der modernsten Krankenhäuser Europas und zeichnete sich dadurch aus, dass 95 Prozent der Patientenzimmer gen Süden ausgerichtet waren. Der Sonnenschein sollte zur Erholung beitragen.

Lobeshymnen singt man 106 Jahre nach Gründung nicht mehr über das Klinikum. Im Gegenteil. Unter betriebswirtschaftlichen Gesichtspunkten ist das Schwabinger ein Desaster für die Städtische Klinikum München GmbH. Jetzt will die Chefetage Betten, Personal und Abteilungen abbauen und sich in der Fläche auf nur noch rund 25 Prozent des Areals beschränken.

Betrachtet man die städtische Gesellschaft mit ihren vier großen Kliniken, dann ist Schwabing der Standort mit den größten Nachteilen. Das hängt mit der Weitläufigkeit des Geländes und dem Denkmalschutz zusammen. 50 Prozent des Verlustes, den der Klinikverbund im Vorjahr eingefahren hat, geht auf das Konto des Schwabinger Klinikums. Der große Hemmschuh ist der Denkmalschutz, der auf den meisten der insgesamt 32 Häuser liegt, besser gesagt lastet. Dadurch sind größere bauliche Veränderungen nicht möglich. „Wenn man ein Fenster wechseln muss, dann kann man nicht einfach in den Baumarkt gehen, sondern muss es eigens anfertigen lassen oder auf Ebay danach suchen“, nennt Alexander Reissl, SPD-Fraktionschef und Mitglied im Aufsichtsrat der Klinikum München GmbH, ein Beispiel. Zwar schätzten Patienten und Angestellte die Zimmer mit zum Teil vier Meter hohen Wänden, „aber wenn ich mir die Heizkosten ansehe, wird mir schlecht“, sagt Günter Milla, Chef des Schwabinger Krankenhauses.

Das Gelände ist durch seine Großzügigkeit und den alten Baumbestand kaum von einem Park zu unterscheiden, der Nachteil ist, dass Ärzte und Schwestern zwischen den verstreuten Gebäuden Fußmärsche zurücklegen müssen, die auch mal zehn Minuten dauern können. Tagsüber behelfen sich die Angestellten mit einem Golfwägelchen, nachts wird auch mal durch die Gänge geradelt. „Statt sich mit den Patienten zu befassen, müssen die Angestellten hier hin- und herlaufen. Das ist alles Arbeitszeit“, sagt Klinik-GmbH-Chef Axel Fischer.

Hinzu kommt, dass die Bettenhäuser im Jahr 1912 errichtet wurden und nicht mehr den Komfort bieten, den Patienten im Jahr 2015 erwarten. „Wer liegt schon gerne in einem Vierbettzimmer mit Toilette auf dem Gang?“, sagt Reissl. Entsprechend gering ist die Auslastung. Stadt und Klinikleitung wollen deshalb das Schwabinger im Sinne der Patienten und Angestellten modernisieren. Von den aktuell 870 Betten soll rund die Hälfte abgebaut werden, auch einige der 1600 Arbeitsplätze werden gestrichen. Die Stadt hat angekündigt, betriebsbedingte Kündigungen vermeiden zu wollen.

Von den 32 bestehenden Häusern werden nur noch einige wenige Teil des Schwabinger Klinikums bleiben, vor allem im Osten des Geländes. Der Rest soll in Wohnungen umgewandelt werden, etwa für Klinik-Angestellte. Auch Einrichtungen der Altenpflege oder Arztpraxen sind denkbar. Bis Ende 2016 will die Stadt Vorschläge für medizinnahe Nachnutzungen erarbeitet haben.

Zwar bietet das Schwabinger Klinikum auch in Zukunft eine Notfallversorgung an, es wird aber vermehrt vorkommen, dass Patienten an eines der anderen städtischen Häuser verwiesen werden, eben weil in Zukunft nicht mehr an allen Standorten alle Fachrichtungen vertreten sein werden. So steht es im Sanierungskonzept, das der Stadtrat im Juli wie berichtet gebilligt hat und mit dem die Klinik-GmbH aus den roten Zahlen kommen will.

Schwabing soll vor allem bei der Kinder- und Jugendmedizin, Geburtshilfe und Gynäkologie einen Schwerpunkt setzen. Nächstes Jahr beginnt der Neubau einer Kinderklinik mit 199 Betten. Die Zahl der Geburten soll von 2200 im Jahr auf 3000 steigen. Die Dermatologie wird im Jahr 2022 aus Thalkirchen nach Schwabing verlegt werden, bereits im kommenden Jahr zieht die Kinder- und Jugendpsychosomatik in ein saniertes Haus auf dem Gelände. In einigen Jahren soll das neue Schwabinger Klinikum dann wieder modernsten Ansprüchen genügen. Wie vor 106 Jahren.

Ulrich Lobinger

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

“Bedauerliche“ Banner-Aktion am Rathaus: Stadt will sich Löwen-Sponsor zur Brust nehmen
Dem Hauptsponsor des TSV 1860 München, der Versicherung „die Bayerische“, droht Ärger mit der Stadt. Das Unternehmen hatte ohne Genehmigung Werbung auf das Rathaus …
“Bedauerliche“ Banner-Aktion am Rathaus: Stadt will sich Löwen-Sponsor zur Brust nehmen
Ist sie Ihnen aufgefallen? Seit Sonntag gibt es eine akustische Neuerung in U-Bahnen und Trams 
Schluss mit „Nächster Halt“: Ab sofort erklingt in U- und Trambahnen nur noch ein kurzes Klingelsignal, bevor die Haltestelle genannt wird. Die Rückmeldungen sind …
Ist sie Ihnen aufgefallen? Seit Sonntag gibt es eine akustische Neuerung in U-Bahnen und Trams 
Nürnberger Fußball-Fans verprügeln Münchner (21) - weil er bisexuell ist? Kripo ermittelt
Ein 21-Jähriger ist in München offenbar Opfer eines homophoben Angriffs geworden. Fußballfans sollen ihn in der U-Bahn geschlagen und getreten haben. Er erlitt eine …
Nürnberger Fußball-Fans verprügeln Münchner (21) - weil er bisexuell ist? Kripo ermittelt
Signalstörung führt zu Beeinträchtigungen: Dieser S-Bahn-Abschnitt ist betroffen
Pendler sind in München auf die S-Bahn angewiesen. Doch immer wieder gibt es Störungen, Sperrungen und Ausfälle. Wir informieren Sie in unserem News-Ticker.
Signalstörung führt zu Beeinträchtigungen: Dieser S-Bahn-Abschnitt ist betroffen

Kommentare