+
Fast vom Hocker gefallen: Marion Sneujink soll 1122 Euro zahlen – weil ihre Garage zu günstig ist.

Unangenehme Post vom Arbeitgeber

Geldwerter Nachteil: Mieterin soll für Werkswohnung kräftig nachzahlen

  • schließen

Marion Sneujink lebt seit 30 Jahren in einer Wohnung, die ihr von ihrem Arbeitgeber, der Berufsgenossenschaft Bau (BG Bau), vermietet wird. Dass die Miete für ihre Garage sehr günstig ist, hat jetzt ein teures Nachspiel.

Marion Sneujink wohnt zu günstigen Konditionen – 10,05 Euro zahlt die 65-Jährige derzeit pro Quadratmeter für ihre Wohnung an der Lutzstraße in der Nähe der Laimer Unterführung. Als die BG Bau ihre Mieterin aber plötzlich wegen angeblicher geldwerter Vorteile zur Kasse bitten wollte, fiel Sneujink aus allen Wolken.

Für die vergangenen zwei Jahre müsse sie 1122,48 Euro zusätzlich zahlen. So stand in einem umständlich formulierten Brief, den Sneujink vor Weihnachten erhielt. Zwar liegt die Miete sogar über der laut Mietspiegel ortsüblichen Miete, allerdings bemängelt der Fiskus, die Garage sei zu günstig. Für sie zahlt Sneujink 30 Euro, ortsüblich seien 80 Euro. Deshalb würden für die vergangenen zwei Jahre 1122,48 Euro fällig, künftig müsse die BG Bau diesen Betrag gleich vom Lohn einbehalten. „Das ist doch ein völliger Unsinn, ich bin bald Rentnerin“, empört sich Marion Sneujink.

Anwalt: „Ungereimtheiten und Berechnungsfehler“

Ihr Rechtsanwalt Michael Löffler kennt noch weitere Fälle. Er vertritt mehr als 20 betroffene Mitarbeiter der BG Bau. Einem hatte die Berufsgenossenschaft angekündigt, seinen Lohn von 1800 auf 900 Euro zu senken, um so die angeblichen geldwerten Vorteile einzubehalten. „Da gibt es diverse Ungereimtheiten und Berechnungsfehler, zudem ist angeblich eine Vereinbarung mit dem Finanzamt München nicht mehr auffindbar, nach der dieses bis 2025 auf Steuern wegen geldwerter Vorteile verzichtet“, sagt Löffler. In seinen Augen sind die Schreiben „ein undurchdachter Schnellschuss der BG Bau“.

Dennoch weisen sie auf ein großes Problem hin. Das Finanzamt verlangt aktuell von Arbeitgebern, die an ihre Mitarbeiter vermieten, hierbei geldwerte Vorteile an das Finanzamt abzuführen. „Jetzt sind die Arbeitgeber aufgeschreckt und manche reagieren über, so wie die BG Bau“, sagt Löffler.

Steuerrechtlich sind geldwerte Vorteile für Arbeitnehmer genauso zu besteuern wie Lohn. Das gilt für einen Dienstwagen genauso wie für eine günstige Wohnung. Zu versteuern ist die Differenz zwischen tatsächlicher und ortsüblicher Miete. Das Finanzamt zwinge Arbeitgeber durch sein Verhalten, die Miete zu erhöhen, ärgert sich Löffler. Außerdem sei der Mietspiegel ohnehin hoch umstritten, da Bestandsmieten nicht einfließen, was den Mietspiegel nach oben treibe. „Wenn das Finanzamt günstigen Wohnraum sanktioniert, dann ist die Betriebswohnung tot“, sagt Löffler.

Zehntausende Arbeitnehmer in München betroffen 

Betroffen sind in München zehntausende Arbeitnehmer, die in Werkswohnungen leben – von Polizisten über Hausmeister bis zu Pflegekräften und Soldaten. Ein Beispiel: Die Barmherzigen Schwestern vermieten in Berg am Laim 200 Wohnungen an ihre Mitarbeiter. Der Mietpreis für diese Wohnungen beträgt im Durchschnitt neun Euro pro Quadratmeter. Auch hier ist das Finanzamt eingeschritten und verlangt von den Arbeitnehmern mehr Steuern wegen eines sogenannten geldwerten Vorteils.

Lesen Sie auch: So wohnt München: Viel Zuzug, wenig Umzug

Weil das Finanzamt zur Ermittlung der ortsüblichen Miete den Mietspiegel heranzieht, beschäftigt das Problem jetzt auch die Politik. In der Stadt reicht die Spanne der ortsüblichen Miete von 11 bis 17 Euro. In den Mietspiegel, der alle zwei Jahre ermittelt wird, fließen allerdings nur die Mieten ein, die in den vergangenen vier Jahren neu vereinbart wurden. Bestandsmieten bleiben unberücksichtigt. Der Mieterverein München fordert, dass alle tatsächlich bezahlten Mieten in die Berechnung mit einfließen – dadurch würde die ortsübliche Vergleichsmiete deutlich sinken. Auch Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) forderte eine Gesetzesänderung, damit Bestandsmieten und Sozialmieten auch aufgenommen werden können. Er kündigte an, einen solchen Mietspiegel der tatsächlich bezahlten Mieten für die Stadt zu erheben, um die Differenz zu den Mieten laut Mietspiegel aufzuzeigen.

Für Sneujink besteht derweil neue Hoffnung, denn die BG Bau rudert anscheinend zurück. Auf die Anfrage unserer Redaktion schreibt sie: „Sofern es Fehler bei der Berechnung gab, werden wir diese selbstverständlich korrigieren.“ Bald-Rentnerin Marion Sneujink erhielt einen Brief, in dem ihr mitgeteilt wird, dass in ihrem Fall alle Werte noch einmal neu berechnet werden. 

Auch interessant: Gegen den Mietwahnsinn: Jetzt will Reiter reagieren - nach Wiener Vorbild

Auch interessant

Mehr zum Thema

Meistgelesene Artikel

Tragisches Unglück: Partybunker wird für 23-Jährigen zur tödlichen Falle
Ein tragisches Unglück hat sich auf einer Party in München ereignet. Für einen 23-Jährigen kam jede Hilfe zu spät. 
Tragisches Unglück: Partybunker wird für 23-Jährigen zur tödlichen Falle
S-Bahn München: Züge halten wieder am Marienplatz
Pendler sind in München auf die S-Bahn angewiesen. Doch immer wieder gibt es Störungen, Sperrungen und Ausfälle. Wir informieren Sie in unserem News-Ticker.
S-Bahn München: Züge halten wieder am Marienplatz
Aggressive Jugendliche sorgen für Ärger im Englischen Garten - Polizei beobachtet eine provokante Masche
Seit Jahren halten Jugendliche, die auf Ärger aus sind, die Polizei im Englischen Garten auf Trab. Vor allem im vergangenen Jahr eskalierte die Situation mehrmals.
Aggressive Jugendliche sorgen für Ärger im Englischen Garten - Polizei beobachtet eine provokante Masche
Autofahrerin kollidiert mit geparktem Auto - Wagen überschlägt sich
Eine Autofahrerin (91) krachte am Freitagabend mit ihrem Wagen in ein geparktes Auto. Der Wagen der Frau überschlug sich daraufhin mehrmals.
Autofahrerin kollidiert mit geparktem Auto - Wagen überschlägt sich

Kommentare