Tödlicher Unfall auf der Fürstenrieder Straße, 15. November 2019
+
Auf der Fürstenrieder Straße kam es am 15. November 2019 zu dem tödlichen Unfall. Raser Victor B. (36) war vor der Polizei geflohen.

Keine Tränen wie beim Prozessauftakt

Nach Todesfahrt wegen Mordes verurteilt: Viktor B. legt Revision ein - „Das Urteil ist ein Fehlurteil“

  • Andreas Thieme
    vonAndreas Thieme
    schließen

Victor B. (36) flüchtete vor der Polizei und fuhr im November 2019 einen Schüler (14) tot. Vor Gericht musste er jetzt die Konsequenzen tragen: lebenslange Haft. Es ist der erste Raser-Fall in München, der als Mord gewertet wurde.

Als Victor B. (36) den Saal A 101 des Landgerichts betritt, klicken die Auslöser. Etliche Kameras sind auf den Angeklagten gerichtet, obwohl es schon so viele Bilder von ihm gibt. Vom Prozessauftakt, als er gestanden hat. Von den Plädoyers, als die Staatsanwaltschaft ein Urteil wegen Mordes gefordert hat. Das erste, das es in München je bei einem Raserfall geben würde. Für Victor B. geht es also um lebenslange Haft, er faltet die Hände und schaut zu Boden. „Bitte erheben Sie sich“, sagt Richterin Elisabeth Ehrl. Dann spricht sie ihr Urteil. Lebenslänglich wegen Mordes.

Victor B. rührt sich nicht. Er weint nicht, wie bei der Verlesung der Anklage, als erstmals in allen Details klar wurde, was er getan hatte. Die Flucht vor der Polizei mit 122 Kilometern pro Stunde auf der Fürstenrieder Straße. 1,8 Kilometer lang war B. am 15. November 2019 als Geisterfahrer unterwegs, abends um 23.20 Uhr. Zwei Gramm Kokain hatte er geschnupft und Bier getrunken. Und war dann in eine Gruppe Schüler gerast, die hinter einem Bus hervorgetreten waren. Der damals 14-jährige Maxi war sofort tot. Eine Freundin von ihm wurde schwer verletzt und ist, wie zwei Mitschüler und Autofahrer, die dem BMW des Rasers ausweichen mussten, bis heute schwer traumatisiert.

München: Vor Gericht werden die schrecklichen Details geschildert

Dafür muss Victor B. nun die Verantwortung tragen. Er rückt die Maske in seinem Gesicht zurecht und setzt er sich auf die Anklagebank. Dann beginnt die Richterin mit ihrer Urteilsbegründung. „Es gibt nur wenige Verfahren, die sich so schwer in Worte fassen lassen“, sagt Elisabeth Ehrl. „Es sind nur wenige Sekunden, die über Leben und Tod entschieden haben“, fügt sie an und zeichnet den Raserfall in seinen schrecklichen Details nach.

Victor B. (36) hatte zum Prozessbeginn ein Geständnis abgelegt.

In München hatte der Bad Heilbrunner einen Freund getroffen, dem er seinen 306 PS-starken BMW 135i zeigen wollte. Am Abend wollte er zurück, verfuhr sich aber. Auf der Landsberger Straße hatten Beamte dann versucht, Victor B. zu kontrollieren, weil er im Koks-Rausch illegal gewendet hatte. Danach raste B. Richtung Süden. Mehrere Autos mussten ihm ausweichen. So auch vier Sekunden vor dem tödlichen Zusammenstoß mit Maxi. Doch Victor B. gab erneut Gas – und traf den Schüler tödlich.

Eine fatale Entscheidung des BMW-Fahrers, denn genau darauf basiert jetzt das Mordurteil: Victor B. hätte auch nach mehreren überfahrenen roten Ampeln oder Beinahe-Crashs noch stoppen können, um einen tödlichen Ausgang zu verhindern. Doch er beschleunigte. Immer wieder aufs Neue – und nahm so den Tod von anderen in Kauf. Auch den von Maxi: 0,8 Sekunden vor dem Aufprall hatte Victor B. ihn gesehen. 0,3 Sekunden vorher bremste er ab. Zu spät! Die rechte Flanke des BMW 135i traf den Schüler erst am linken Bein, lud ihn dann auf die Motorhaube. Maxi starb schon durch die Rotationsbewegung. Sein Körper wurde noch 51 Meter weit geschleudert, bis er auf der Parallelfahrbahn liegen blieb. Danach kam jede ärztliche Hilfe zu spät.

München: Anwältin kündigt Revision gegen Urteil an

„Wie durch ein Wunder“, sagt die Richterin, hätten die anderen Jugendlichen überlebt, ein Mädchen wurde schwer verletzt. „Viele Kleinigkeiten haben sich in diesem Fall summiert“, sagt Ehrl. So war die Gruppe auf einer Party, die nicht geplant war. Maxi war es, hatte eine Freundin ausgesagt, der dort habe hingehen wollen. Die Jugendlichen nahmen den Bus zurück, verpassten ihn fast, doch Maxi habe ihn aufgehalten. Nach dem Aussteigen blieben die Schüler für Sekunden noch stehen – zum Ratschen. Dann erst traten sie auf die Fürstenrieder Straße. Den schwarzen BMW von Victor B. konnten sie nicht sehen. Wäre er fünf Sekunden vor- oder nachher vorbeigerast: Vielleicht wäre nichts passiert. So aber gibt es einen toten Buben. Und einen Raser, der nun ein Mörder ist.

Viktor B. will die Entscheidung des Gerichts anfechten. „Das Urteil ist ein Fehlurteil“, sagte seine Anwältin Daniela Gabler am Tag nach der Urteilsverkündung in München. „Wir werden in Revision gehen, haben unsere Beweisanträge in der Hauptverhandlung auch schon in Vorbereitung auf die Revisio nausgerichtet und rechnen uns gute Chancen aus.“ Zum Prozessauftakt hatte sie gesagt: „Es handelt sich hier um eine Mordanklage, die vor vier oder fünf Jahren wohl nicht erhoben worden wäre. Wie kommt man dazu, davon auszugehen, dass unser Mandant vorsätzlich Personen ermorden wollte?“ In ihrem Schlussvortrag kritisierte sie den Verlauf des Verfahrens scharf.

Auch interessant

Mehr zum Thema

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion