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Warten auf Arbeit: Atanas Stefanov (rechts) und seine Tagelöhner-Kollegen verbringen notgedrungen viel Zeit im Bahnhofsviertel. 

Rund um die Landwehrstraße

Bahnhofsviertel: Tagelöhner wehren sich gegen Sicherheitsdienst

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    Moritz Homann
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München - Die Tagelöhner im Bahnhofsviertel fühlen sich von einem privaten Sicherheitsdienst drangsaliert. Und kritisieren, dass die Stadt den Dienst auch noch bezuschusst. Dort heißt es, man bezahle nur eine Lotsen-Funktion – und baut langfristig darauf, dass die Tagelöhner reguläre Jobs finden.

Atanas Stefanov fuchtelt wild mit den Armen, zieht die Schultern nach oben und reiht seine bulgarischen Vokabeln so schnell aneinander, als wären sie nur ein Wort. Dann sagt er „Verboten“, immer wieder. Es klingt wie „Verbotten, verbotten“. Es scheint, als wäre es das einzige deutsche Wort, das er weiß.

58 Jahre ist Stefanov alt, seit sechs Jahren ist er mittlerweile schon in München. Eigentlich kommt er aus Bulgarien, dort hatte er sogar eine Wohnung. Hier nicht. Arbeit hatte er aber auch dort nicht, hier wollte er eine finden. Deshalb steht er seitdem Tag für Tag als Tagelöhner auf der Landwehrstraße. Arbeiterstrich heißt die Ecke zur Goethestraße.

Doch von dort wird Stefanov immer wieder vertrieben. Ahmed, der seinen Nachnamen nicht nennen will, geht es genauso. Er ist 57, schläft neben Stefanov auf der Straße. Auch in ihrem bulgarischen Heimatdorf waren sie schon Nachbarn, bis sie es beide in Deutschland versuchen wollten. Sechs Jahre ist es bei ihm her, seither hofft auch Ahmed jeden Tag auf ein Auto, das ihn in der Landwehrstraße einsammelt.

Initiative setzt sich für Tagelöhner ein

„Ist ja nicht so, dass wir hier auf der Straße um Arbeit betteln wollen“, übersetzt eine Dolmetscherin seine hektischen Worte. „Aber die Stadt hilft uns nicht“, ganz im Gegenteil, jetzt will die Stadt sogar den unabhängigen Sicherheitsdienst finanzieren, den die Geschäftsleute im Bahnhofsviertel bestellt haben (wir berichteten). Spricht man die Tagelöhner auf den zivilen Aufpasser an, werden sie noch hektischer. „Die diskriminieren uns“, sagt Ahmed, und damit will er für sich selbst und alle anderen sprechen. „Sobald wir zu diskutieren anfangen, rufen sie die Polizei dazu und die erteilt Platzverweise.“ Das soll jedoch nicht die Zukunft in der Landwehrstraße sein – die „Initiative Zivilcourage“ setzt sich für die Tagelöhner ein.

„Der Sicherheitsdienst darf nicht im öffentlichen Raum aktiv werden“, sagt Lisa Riedner von der Initiative. Stattdessen vetreibe der Sicherheitsmann die Tagelöhner ständig von einem Gehweg auf den anderen. „Dabei beobachten wir hier weder Ärger noch Müll oder Urin“, so Riedner. Und was die Initiative am Schlimmsten findet: Die Stadt hat beschlossen, den Sicherheitsdienst zu bezuschussen. Bis zu 20 000 Euro für ein Jahr soll die Theatergemeinde (TheaGe) erhalten, die den Sicherheitsdienst finanziert. Denn hier, direkt vor dem TheaGe-Schaufenster, stehen die Tagelöhner oft.

Öffentliches Geld für einen privaten Sicherheitsdienst?

Öffentliches Geld für einen privaten Sicherheitsdienst, der Tagelöhner vertreibt? Das sei doch ein krasser Gegensatz, findet Riedner von der Initiative Zivilcourage. „Das ist die Abschreckungs- und Vertreibungspolitik, die die Stadt fährt“, schimpft sie.

In der Stadtpolitik sieht man das freilich anders. „Wir bezahlen nur die Lotsenfunktion des Sicherheitsdiensts“, erklärt SPD-Stadträtin Simone Burger. Denn der Sicherheitsdienst soll Tagelöhner bald auf das Beratungscafé an der Sonnenstraße hinweisen, das Migranten Orientierung, Sprachkurse und Selbstorganisation ermöglichen soll. Der Mietvertrag ist mittlerweile unterschrieben, im Herbst soll das Café eröffnen. „Und der Sicherheitsdienst soll den Tagelöhnern beispielsweise Flyer des Beratungscafés in die Hand drücken“, so Burger. Und auch das sei erstmal nur ein Modellversuch.

Die „TheaGe“ verteidigt unterdessen den Sicherheitsdienst: „Wir verstehen die Bedenken, aber wenn man die Situation vor Ort sieht, relativiert sich das“, sagt TheaGe-Sprecherin Katrin Kaiser. Natürlich seien Tagelöhner die Ärmsten der Armen, aber sie belagerten nunmal Ladeneingänge, was geschäftsschädigend sei. „Und der Sicherheitsmann ist äußerst dezent“, so Kaiser. Für die Zukunft setze man vor allem auf das Beratungscafé.

Unterwanderung des Mindestlohns

Auch die Stadtpolitik hofft, dass dadurch mehr Tagelöhner eine reguläre Beschäftigung finden. „Im Moment ist das ja ein Unterwandern des Mindestlohns“, sagt CSU-Stadtrat Manuel Pretzl. Tagelöhner meldeten sich als Selbstständige an und könnten so den Mindestlohn umgehen – was den Arbeitgebern freilich entgegenkommt. Aber mit entsprechender Beratung, hofft Pretzl, wechseln die Tagelöhner in reguläre Jobs.

So wie einer von Stefanovs Kollegen. Er hat es geschafft. Auch er sagt, er heiße Ahmed. Der Arbeiterstrich im Bahnhofsviertel gehört jetzt zu seiner Vergangenheit. Nach 13 Jahren in Deutschland hat er es geschafft, einen festen Job zu finden: Seit vergangenem Jahr arbeitet er als Busfahrer. Mit mehr Gehalt – und vor allem Sicherheit.

von Moritz Homann und Franziska Bär

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