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Für die MVG ist sie ein Erfolg, für einige kleine Händler der Ruin: Die Neugestaltung des Zwischengeschosses im Hauptbahnhof. Filialen der großen Ketten haben dort die kleinen Familienbetriebe verdrängt.

Neues Zwischengeschoss

Hauptbahnhof: Ärger im Untergrund

München - Für die MVG ist sie ein Erfolg, für einige kleine Händler der Ruin: Die Neugestaltung des Zwischengeschosses im Hauptbahnhof. Filialen der großen Ketten haben dort die kleinen Familienbetriebe verdrängt.

Hell, exklusiv und austauschbar: So sieht es aus, wenn die MVG ihre U-Bahnhöfe renoviert. Das neu gestaltete Zwischengeschoss der U-Bahn am Hauptbahnhof ist das beste Beispiel. Rund drei Jahre dauerte der Umbau, seit einigen Wochen strahlt der Durchgang in neuem Glanz. Völlig neu sind auch die Geschäfte, die dort eingezogen sind. Es sind dieselben Ketten, wie man sie schon überall in den Bahnhöfen findet: Yorma’s, Rischart, Hofpfisterei und Co. Die kleinen familiengeführten Läden aus der Zeit vor dem Umbau mussten dafür weichen.

So wie der von Awais Lodhi. Acht Jahre lang betrieb der Münchner mit pakistanischen Wurzeln ein gut gehendes Geschäft für exotische Lebensmittel im Zwischengeschoss – vor der Umgestaltung. Als der Umbau begann, musste er raus. Die MVG, die die Geschäftsflächen vermietet, kündigte allen acht Läden im Zwischengeschoss den Mietvertrag.

„Die MVG teilte uns mit, dass wir uns für die neuen Geschäfte neu bewerben müssen“, erzählt Lodhi. Das tat er auch, mit einem professionellen Konzept, das ihn dreitausend Euro kostete, wie er sagt. Und zunächst machte ihm die von der MVG beauftragte Projektmanagerin auch Hoffnung: Die Bewerbung sei „sehr positiv aufgenommen worden“, schrieb sie ihm. Lodhi wurde eingeladen, sein Konzept dem Entscheidungsgremium der Stadtwerke vorzustellen. „Wir sprachen auf dem Termin über alles – nur nicht über das Geschäft“, erinnert sich der 60-Jährige. Als er später nachhakte, machte ihm die Projektmanagerin unter der Hand klar: „Du hast keine Chance!“

Da beschlich Lodhi der Verdacht, dass das Bewerbungs- und Auswahlverfahren eine reine Alibi-Veranstaltung gewesen sein könnte: „Die hatten vorher schon ausgemacht, wer reinkommt!“, vermutet er. Und tatsächlich: Lodhi wurde abgelehnt. So wie seine früheren Geschäftsnachbarn, die sich ebenfalls wieder beworben hatten. Und das, obwohl sich die Zahl der Läden im Zwischengeschoss mehr als verdoppelt hat, von acht auf 19.

Das neue Zwischengeschoss im Hauptbahnhof

Das neue Zwischengeschoss im Hauptbahnhof

Stattdessen bekamen die üblichen Ketten den Zuschlag. „Geld und Beziehungen“, kommentiert Lodhi. Zwar verweist die MVG auch auf zwei neue Existenzgründungen im Zwischengeschoss, doch sind die dem Konzept nach ebenfalls Filialisten. Lodhi versteht das nicht: „Was können die Großen, was wir Kleinen nicht auch könnten?“ Um belegte Semmeln und Getränke zu verkaufen, brauche es keine Ketten. Außerdem sei das Produktangebot und die kulturelle Vielfalt im Zwischengeschoss früher viel größer gewesen.

Familienbetrieben wie seinem „Lahori“-Markt habe die MVG es zu verdanken, dass das Zwischengeschoss wieder attraktiv wurde. „Als wir vor zehn Jahren runter gingen, wollte da doch kein anderer hin!“ Erst der Erfolg von Läden wie seinem Geschäft für orientalische, afrikanische und asiatische Lebensmittel habe gezeigt, dass man im Zwischengeschoss gutes Geld verdienen könne.

Lodhi ärgert, wie die MVG mit ihm umspringt. „Ich habe immer pünktlich die Miete gezahlt und mich an alle Auflagen gehalten!“ In der neuen Bewerbung hat er 20 Prozent mehr Miete geboten. Doch das war der MVG nicht genug: „Ihr Gebot lag erheblich unter den Offerten der anderen Bewerber“, schrieb ihm Wirtschaftsreferent Dieter Reiter, den Lodhi später um Hilfe bat.

Der Auszug aus dem Zwischengeschoss war für den Geschäftsmann der wirtschaftliche GAU. „In einer Woche habe ich alles verloren, was ich mir zehn Jahre lang aufgebaut habe: meine Existenz!“, beklagt sich der Vater von drei Kindern. An seinem neuen Standort, sechs Kilometer vom Hauptbahnhof entfernt an der Dachauer Straße, mache er nun erhebliche Verluste. „Ich habe 90 Prozent meiner Kundschaft verloren“, sagt Lodhi.

Die MVG verteidigt ihr Vorgehen: „Von den ehemaligen Bestandsmietern hatten alle die Möglichkeit sich zu bewerben“, sagt Pressesprecher Matthias Korte. Manche hätten das aber gar nicht gewollt. „Darüber hinaus hat einer der Bestandsmieter einen bereits unterschriebenen Mietvertrag nicht angetreten.“

Der Anstieg der Mieten sei im marktüblichen Bereich. „Wir verdienen uns damit keine goldene Nase.“ Aus den Einnahmen hole sich die MVG einen Teil der Modernisierungskosten von zirka 20 Millionen Euro zurück. Außerdem habe die Ladenzeile durch die Filialisten klar an Attraktivität gewonnen. „Sie spricht nun deutlich mehr Kunden an als früher.“ Zahlen hat die MVG dafür nicht.

Korte gibt zu, dass man bewusst einen harten Schnitt herbeigeführt habe. „Wir haben die Ebene komplett entrümpelt.“ Die frühere Gestaltung sei für Ketten und Kunden nicht attraktiv gewesen. Das wollte man im Zuge der Umgestaltung ändern.

Für CSU-Stadtrat Marian Offman ist die Bevorzugung der Ketten unverantwortlich: „Man muss sehen, dass hier bürgerliche Existenzen vernichtet werden!“ Wenn ein privater Vermieter sich Filialisten ins Haus hole, gehe es um Gewinnmaximierung. Das sei nachvollziehbar. „Wenn das aber ein städtischer Vermieter wie die MVG tut, ist das nicht hinnehmbar!“ Die Stadt müsse da mehr Druck auf die Stadtwerke ausüben.

Zuständig wäre hierfür das Wirtschaftsreferat des gewählten Oberbürgermeisters Dieter Reiter. Das teilt aber mit, dass die Stadt als Gesellschafterin der SWM auf die Vergabe von Geschäftsflächen keinen Einfluss nehme.

Auch die regierende SPD toleriert das Vorgehen der MVG. Man wisse, dass die SWM eine private Vermarktungsagentur eingeschaltet habe und auf Gewinnmaximierung aus sei. „Ich muss aber zugeben, dass wir uns da nicht eingemischt haben“, sagt SPD-Fraktionschef Alexander Reissl.

Für Awais Lodhi gibt es im Moment kaum Hoffnung, dass er an seinen alten Platz im Zwischengeschoss zurückkehren darf. Aber er gibt nicht auf. Lodhi will sich weiter für frei werdende Standorte in U-Bahnhöfen bewerben.

von Florian Müller

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