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Fürchten um ihren noch intakten Lebens- und Arbeitsraum: Die Gewerbetreibenden der Fraunhofer Straße 13 (v. li.) Adele Frost, Ingrid Dellner, Felicias Rall-Wirtz, Eva Goroll, Stefan Lerchet und Jo von Beust.

„Das Kleingewerbe blutet aus“

Hinterhof-Idylle soll Luxus-Haus weichen - Mieter verzweifelt

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Auf kaum einer Münchner Straße lastet der Verwertungsdruck so stark wie auf der Fraunhoferstraße, die das Glockenbach- vom Gärtnerplatzviertel trennt. Nun bangt die Mietergemeinschaft der Fraunhoferstraße 13 um ihre Zukunft. 

München - Die frisch renovierte Fassade der Fraunhoferstraße 13 strahlt in warmen Farbtönen. Tritt man in den Innenhof, überrascht ein Idyll. Im linken und rechten Seitenflügel arbeiten Grafiker, Stadtführer, Masseure und andere Selbstständige. Doch seit Kurzem gehen Wut und Angst um. Denn die Privateigentümer verkaufen. In den kommenden Wochen will eine luxemburgische Immobilienfamilie das komplette Ensemble der Fraunhoferstraße 13 – das denkmalgeschützte Vorderhaus und zwei Hinterhausflügel mit 15 Gewerbetreibenden – zu einem Höchstpreis übernehmen.

Die Erbengemeinschaft des Hauses hat sich für diesen Deal entschieden. Die jetzigen Mieter würden gerne den Status quo erhalten, haben sich zu einer Initiative zusammengeschlossen. Doch ihre Chancen stehen schlecht, auch weil für Münchner Hinterhöfe nach Beschluss der Regierung von Oberbayern kein Denkmalschutz mehr gilt und hier auch keine Erhaltungssatzung besteht.

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„Wir kennen uns hier alle“

Eine grüne Oase ist der Hinterhof des Anwesens.

Noch gibt es eine Naturheil- und eine Tierarztpraxis sowie den Malort, einen großen Atelierraum für Kinder und Erwachsene. „Diese Hausgemeinschaft ist über Jahrzehnte gewachsen“, erklärt Jo von Beust vom Malort. „Die liebevolle Sanierung und eine schützende Hand des ebenfalls hier lebenden Miteigentümers haben uns Kreativen sehr geholfen“, ergänzt Grafik-Designerin Felicitas Rall-Wirtz. „Wir kennen uns hier alle, veranstalten Hoffeste und auch offene Ateliertage mit Kunden. Alle fühlen sich verantwortlich.“ Gartenarbeiten, Verschönerungen und sogar das Parken seien locker geregelt, erzählt Rall-Wirtz. „Es läuft einfach unkonventionell.“

Doch das Idyll ist bedroht. Die Gewerbetreibenden haben allesamt nur kurze Kündigungsfristen oder befristete Mietverträge. Mancher spricht schon offen über den drohenden Umzug. „Es ist hart, aber es gibt keinen gesetzlichen Schutz und bei Privateigentum nur minimale Stellschrauben“, erklärt Alexander Miklosy (Rosa Liste), Vorsitzender des Bezirksausschusses. Die Gentrifizierung im Viertel mache Bocksprünge, „das Kleingewerbe blutet aus“.

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Miteigentümer: „Viel lieber hätte ich dieses Hinterhaus einzeln behalten“

Zwischen den Seiten steht der bisherige Miteigentümer, der nicht namentlich genannt werden möchte. „Seit den 70er-Jahren verwalte ich das Haus und habe es schrittweise saniert“, sagt er. Seit fast 40 Jahren lebt der ältere Herr mit seiner Frau hier im linken Hinterhaus: „Viel lieber hätte ich dieses Hinterhaus einzeln behalten. Aber ich bin an meine Geschwister in der Erbengemeinschaft familiär gebunden und wollte eine Mehrheitsentscheidung.“ Diese ist nun für den wesentlich lukrativeren Gesamtverkauf gefallen.

Schuld an dem Preissprung sei der Wegfall des Denkmalschutzes für die Hinterhöfe, so der Noch-Miteigentümer. Wenn er auszöge, bliebe links ein reines Gewerbehaus übrig, rechts gibt es insgesamt nur zwei Mieter im Hinterhaus. Vom Hof aus kann man sehen, was der Fraunhoferstraße 13 in absehbarer Zeit blühen könnte: Das Nachbarhaus ist bereits einem Neubau gewichen. Da steht nun ein neues, hohes Luxuswohnungshaus. Ohne Flair und Gewerbe.

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