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Ein Haufen Backfische: Das Foto aus dem Jahr 1950 zeigt die Abschlussklasse der Riemerschmid-Handelsschule, heute Wirtschaftsschule genannt, mit ihrer Lehrerin. Gelb markiert Mathilde Storr (links) und Lydia Pröll.

Klassentreffen der Riemerschmid-Wirtschaftsschule

Freundinnen seit über sechs Jahrzehnten

München - Seit 66 Jahren trifft sich die Abschlussklasse des Jahrgangs 1950 der Riemerschmid-Wirtschaftsschule zum Klassentreffen. Die beiden Ex-Schülerinnen Lydia Pröll und Mathilde Storr erklären, woher der Zusammenhalt kommt.

Zwei Dutzend junge Damen, adrett vor einer Schultafel aufgereiht. Ihre Kleidung wirkt brav. Ihr Lächeln lässt vermuten, dass dieser Eindruck trügen könnte. 66 Jahre alt ist dieses Bild. Vieles hat sich seitdem geändert. Die Freundschaft zwischen den Schülerinnen von damals besteht aber noch immer.

Erinnern sich gerne an alte Zeiten: Die Schulfreundinnen Lydia Pröll (li.) und Mathilde Storr.

Wenn Lydia Pröll, 82, und Mathilde Storr, 84, ihr altes Klassenfoto betrachten, beginnen ihre Augen zu leuchten. „Es war eine Zeit der Hoffnung und des Aufbruchs“, sagt Pröll und lächelt. Vom fünften bis zum 13. Lebensjahr habe sie den Krieg erlebt. Einen Schlussstrich zu ziehen, sei danach nicht möglich gewesen. „Aber da war dieses Gefühl: Die Gefahr ist vorbei, und nun kommt etwas ganz Neues.“ 1947 kamen sie auf die Handelsschule, zwei Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs. „In München hat damals noch viel Schutt aus zerstörten Häusern gelegen. Aber wir Kriegskinder waren froh, dass es wenigstens keinen Fliegeralarm mehr gab, und dass keine Bomben mehr gefallen sind.“

Damals sei alles knapp gewesen. Kleidung habe man nur mit einem Bezugsschein kaufen können, einem Dokument, das bescheinigt, dass sein Besitzer ein bestimmtes Produkt in einer bestimmten Menge kaufen darf. „Viele der Schülerinnen haben ihre Kleider selbst genäht“, erzählt Pröll. „Aber so schlecht waren wir gar nicht angezogen.“

„Wir waren mit dabei, das Wirtschaftswunder anzukurbeln“

Damals hieß die Wirtschaftsschule noch Handelsschule. Für die kriegsgebeutelten Mädchen war sie die Schwelle zu einer hoffnungsvolleren Zukunft. „Eine neue Zeit war angebrochen, und wir waren mit dabei, das Wirtschaftswunder anzukurbeln“, erinnert sich Lydia Pröll. Dieses Gefühl habe die Schulklasse zusammengeschweißt. So sehr, dass die Frauen ihr jährliches Klassentreffen auch heuer noch abhalten – mehr als ein halbes Jahrhundert später.

Die Ausbildung an der Riemerschmid-Handelsschule habe damals als etwas Besonderes gegolten, berichtet Pröll. „Wir haben zum Beispiel das Fach Schönschreiben gehabt.“ Dort hätten alle Mädchen ein einheitliches Schriftbild gelernt. „Das hatte auch einen Grund: Zu unserer Zeit wurde nämlich in vielen Unternehmen die Buchhaltung handschriftlich erledigt.“ Gerade die Riemerschmid-Schülerinnen seien für ihr gleichförmiges Schriftbild bekannt gewesen. „Oft konnte man in den Unterlagen nicht erkennen, wo die eine Schülerin aufgehört und die andere angefangen hat – weil wir alle die gleiche Handschrift haben mussten.“

Daran erinnert sich auch Mathilde Storr noch gut. „Ich habe damals Schwierigkeiten gehabt, weil ich Linkshänderin bin“, verrät sie. Heuer schreibt sie die Einladungen zum Klassentreffen an ihre ehemaligen Mitschülerinnen. „Aber nicht von Hand“, sagt sie und lacht. Die Organisation der Treffen hat Storr übernommen, seit die Dame, die sich zuvor darum gekümmert hatte, im vergangenen Jahr gestorben ist. „Das war sehr traurig“, sagt Lydia Pröll. „Wir waren uns immer sehr nahe.“

Erstes Treffen schon im Oktober 1950

Das allererste Klassentreffen hatten die Riemerschmid-Schülerinnen bereits im Oktober 1950 – nur wenige Wochen nach ihrem Abschluss im Juli. „Die ersten Jahre haben wir uns immer im Hahnhof getroffen, einer Pfälzer Weinstube am Sendlinger-Tor-Platz“, erinnert sich Storr. 27 Schülerinnen seien in ihrer Abschlussklasse gewesen. „Einige haben früh geheiratet und konnten in den ersten Jahren nicht immer kommen, aber der Großteil war da.“

Inzwischen sind es noch 13 bis 15 Damen, die Storrs Einladung folgen. Seit einigen Jahren veranstalten sie die Treffen immer am 11. November im Palais-Keller des Hotels Bayerischer Hof. Gegen 12 Uhr werden die betagten Schulfreundinnen auch heute wieder angeregt plaudern. „Wenn wir uns sehen, wird nicht gefremdelt“, erzählt Lydia Pröll. „Da gibt es keine Pause – wir schnattern wie die Gänse.“ Spätestens um 17 Uhr gehen dann alle wieder ihrer Wege bis zum nächsten Jahr. „Solange, bis uns der Boandlkramer holt.“

Marian Meidel

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