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Liebt seinen Hauptbahnhof: Alexander Schwandner ist hier als Kontaktbeamter unterwegs.

Kontaktbeamter der Polizei erzählt

„Ich mag die Menschen im Hauptbahnhof“

München - Alexander Schwandner ist Kontaktbeamter der Polizei, und das nicht irgendwo. Im Interview er erzählt er von Brennpunkten und Begegnungen in seinem Alltag.

Seit 20 Jahren ist Alexander Schwandner (44) als Polizist im Münchner Hauptbahnhof im Einsatz. Seit 16 Jahren kümmert er sich als Kontaktbeamter um die großen und kleinen Nöte der Menschen vor Ort. Zuletzt geriet sein Einsatzort immer wieder als Hort der Kriminalität in die Schlagzeilen. Im Interview erzählt er, dass das so ganz nicht stimmt, warum sein Job trotzdem kein Spaziergang ist und was den Hauptbahnhof für ihn so besonders macht.

Herr Schwandner, was braucht man, um ein guter Kontaktbeamter zu sein?

Zum einen sollte man seinen Bereich gut kennen. Zum anderen muss man kommunikativ sein und viel reden können. Wenn man es runterbricht, sind wir quasi die Polizei zum Anfassen. Und ja, ich weiß, es gibt das Klischee, dass Kontaktbeamte den ganzen Tag nur spazieren gehen und ein ziemlich leichtes Leben haben. Aber sich auf jede Situation, die an einen herangetragen wird, spontan einstellen zu können und im Idealfall eine Lösung zu finden, ist schon herausfordernd.

Was sind die besonderen Herausforderungen eines Bahnhofs?

In anderen Bezirken hat man zumindest theoretisch die Möglichkeit, sich im Streifenwagen zu verstecken und nur seine Runden zu drehen. Das geht am Bahnhof nicht. Man wird quasi zum zwischenmenschlichen Kontakt gezwungen. Es gibt hier auch keine Wohnbevölkerung. Das heißt, ich kümmere mich hauptsächlich um die Menschen aus den Geschäften. Die wechseln relativ häufig und man muss oft von vorne anfangen, sich bekannt zu machen, und um Vertrauen zu werben.

Wie schafft man dieses Vertrauen?

Sehr wichtig ist Zuverlässigkeit. Das beginnt mit Kleinigkeiten. Wenn ich „bis morgen“ sage, muss ich morgen auch wiederkommen. Sonst denken die Leute, meine Versprechen wären mir nicht wichtig. Natürlich hilft es auch, dass ich mich mit Leuten leichttue. Man muss sich auf Menschen einlassen können. Schemata folgen funktioniert nicht.

Der Bahnhof ist ein hartes Pflaster. Wurden Sie da von Anfang an ernst genommen?

Zuerst natürlich nicht. Ich war sehr jung und trug dazu schon damals Brille. Da hatte ich es gerade mit der Drogenszene nicht leicht. Selbst wenn ich in Zivil unterwegs war, haben diese Leute immer schon vermutet, ich wäre Polizist. Wobei viele dachten auch, ich wäre Student (lacht). Aber das gibt sich ziemlich schnell. Zum einen ist unsere Ausbildung sehr gut, zum anderen ist Polizist ein Erfahrungsberuf. Je mehr Umgang man mit Menschen hat, umso mehr lernt man. In dieser Hinsicht bin ich dem Bahnhof sehr dankbar.

Im vergangenen Jahr war der Hauptbahnhof oft in den Schlagzeilen. Er werde zum Brennpunkt, heißt es, der Stadtrat beschließt kommende Woche wohl ein ein nächtliches Alkoholverbot. Ist das Klima aggressiver geworden?

Der Bahnhof war polizeilich gesehen schon immer eine Herausforderung. Die Ansammlung der Szene-Angehörigen auf dem Vorplatz fordert uns derzeit ganz besonders. Aber das variiert einfach. Früher war die Betäubungsmittelszene im U-Bahn-Zwischengeschoss. Jetzt hat sie sich von unten nach oben verlagert. Dann gab es hier mal eine Strichertoilette. Die gibt es nicht mehr und auch die Stricherszene ist weg. Die Anzahl von Alkoholkonsumenten bringt natürlich auch die Gefahr von Eskalationen mit sich, hier bemerken wir schon einen Anstieg, deswegen ist das Klima im Hauptbahnhof insgesamt aber nicht rauer geworden.

Hatten Sie sich ihr Revier damals eigentlich ausgesucht?

Ja! Ich glaube ja, es gibt nur zwei Arten von Polizisten: Die einen mögen den Bahnhof, die anderen können ihn nicht leiden. Ich mag den Bahnhof. Denn hier kann man wirklich Polizeibasisarbeit machen. Man ist immer sofort vor Ort und kann direkt etwas unternehmen. Ich mag auch die Menschen. Einige kenne ich seit Jahren und weiß, dass sie auch auf mich achtgeben.

Was heißt das?

Es gab zum Beispiel mal eine Situation auf dem Bahnhofsvorplatz, in der ich ziemlich angeschrien wurde. Natürlich hatte ich Verstärkung gerufen, aber das hat gedauert. Da kamen aus dem nächsten Geschäft gleich drei Männer und haben sich hinter mir aufgebaut. Als die Kollegen da waren, war die Situation dann schon wieder geklärt. Man unterstützt sich gegenseitig.

Am Bahnhof gibt es aber auch viele Leute, die gar keine Lust auf Kontakt mit der Polizei haben. Wie geht man damit um?

Darf ich das mit einem Zitat aus dem Film Matrix beantworten?

Bitte!

Ich kann Dir die Tür nur zeigen, durchgehen musst du alleine.

Das heißt?

Ich biete mich als Ansprechpartner an, wenn die Leute das nicht wollen, kann ich es nicht erzwingen. Das ganze funktioniert nur, wenn auf beiden Seiten Offenheit herrscht. Als Kontaktbeamter kümmert man sich zum Beispiel häufig um die Nachsorge bei Gewaltopfern. Da merkt man oft eine gewisse Verschlossenheit. Ich schaue dann trotzdem immer wieder mal vorbei und frage, wie es geht. Wenn Leute sich verschließen, muss ich das akzeptieren, aber sie wissen zumindest, ich bin da, wenn sie ihre Meinung ändern.

Wie funktioniert das mit der kriminellen Szene am Bahnhof?

Für die bin ich eigentlich nicht der Ansprechpartner. Aber in Zusammenarbeit mit den Kollegen von der Schicht kann man auch da mal etwas bewirken. Es gab zum Beispiel eine Mutter mit drei Kindern, die es nicht geschafft hat von der Drogenszene hier wegzukommen. Die Kinder hatte sie ständig dabei, entsprechend verwahrlost war die Familie. Die Kollegen haben Druck aufgebaut, vor allem um den Kindern zu helfen. Gleichzeitig habe ich öfter mit ihr einfach nur geredet, um zu zeigen, die Polizei macht nicht nur Druck, sondern hält dir auch die Hand hin, wenn du das möchtest.

Hat das funktioniert?

Gerade mit den Kindern hat das gut funktioniert. Die haben mir irgendwann schon aus der Ferne zugewunken. Inzwischen ist die Mutter weg. Ich hab sie zuletzt getroffen, als sie mit den Kindern unterwegs zur Schule war. Die Familie sah gut und gesund aus. In diesem Fall haben sich Jugendamt, Polizei und Streetworker alle gemeinsam gekümmert. Dieses Miteinander können wir hier am Bahnhof besonders gut aufbauen, weil wir so nah dran sind an den Szenen.

Dieses Jahr war der Bahnhof gleich zweimal im Ausnahmezustand. An Neujahr wegen eines Terroralarms und im Sommer wegen des Amoklaufs am OEZ. Wie gehen Sie mit solchen Extremsituationen um?

An Neujahr war ich nicht im Dienst, dafür während des Amoklaufs. Ich habe damals versucht, die Informationen, die wir als Polizei hatten, so gut wie möglich an die Leute weiter zu geben. Die eigentliche Arbeit aber begann für mich in beiden Fällen erst so richtig danach. Denn obwohl sich Angriffe auf den Bahnhof bisher immer als Fehlmeldungen herausgestellt haben, bleibt die Vorstellung bei den Leuten in den Köpfen. In solchen Situationen sind Kontaktbeamte sehr wichtig. Denn wegen diffuser Unsicherheitsgefühle spricht niemand eine Streife an. Dabei kann man den Leuten schon helfen, wenn man ihnen zuhört und ein paar Verhaltensregeln für den Ernstfall an die Hand gibt.

Wenn Sie eine Sache an Ihrem Arbeitsalltag ändern könnten, was wäre das?

Das Einzige . . . die Uniform. Ich glaube, das Blau würde besser zu meinen grauen Haaren passen (lacht). Aber an meinem Beruf selbst würde ich derzeit nichts ändern wollen. Es gibt immer gute Geschichten zu erzählen.

Dann erzählen Sie mir doch mal Ihre Lieblingsgeschichte.

Vor einiger Zeit bekam ich mal einen Jungen ausgehändigt, so ungefähr sieben Jahre alt. Zwei Damen hatten ihn in der Straßenbahn getroffen, total verzweifelt, hilflos und weinend. Er durfte zum ersten Mal allein zu seiner Nachhilfelehrerin fahren und hatte seine Station verpasst. Wir haben dann die Nachhilfelehrerin ausfindig gemacht und alles ist gut ausgegangen. Zu Ostern hat der Junge uns eine Dankeskarte geschrieben. Ich arbeite wahnsinnig gerne mit Kindern und so etwas finde ich sehr schön. Aber Sie wollten vermutlich etwas Witzigeres?

Nicht zwingend, aber gerne.

Es gibt noch die Geschichte vom falschen Polizisten.

Erzählen Sie!

Der Mann lief in Polizeiuniform durch den Bahnhof, hatte aber seinen Waffengürtel über die Schulter gehängt. Das macht man so eigentlich nicht. Eine Zivilstreife hat ihn angesprochen und wollte den vermeintlichen Kollegen eigentlich nur darauf hinweisen, dass er sich den Gürtel vielleicht besser nicht über die Schulter hängt. Da lief der Mann davon, rannte durch den Bahnhof und sprang in ein Taxi. Die zwei Kollegen in Zivil sind ihm nach. Das wiederum hat dann den Taxifahrer flüchten lassen. Der dachte, zwei Männer verprügeln einen Polizisten, und ist sofort zu uns auf die Wache. Es stellte sich raus, dass der Mann eigentlich Schauspieler war und die Uniform bei einem Dreh bekommen hatte. Er wusste schon, dass er so eigentlich nicht hätte rumlaufen sollen. Aber er wollte halt unbedingt mal Polizist spielen.

Interview: Annika Schall

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