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„Mobbing im Netz verfolgt Betroffene Tag und Nacht“: Jürgen Wolf, Sabine Simon, Norbert Ellinger und Gerborg Drescher vom Evangelischen Beratungszentrum sehen sich mit neuen Problemfeldern konfrontiert. 

Evangelisches Beratungszentrum

Mobbing, Wohnungsnot: Sorgen der Menschen im Wandel

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Das Evangelische Beratungszentrum sieht sich mit neuen Themen konfrontiert: Immer häufiger wenden sich Menschen mit psychischen Erkrankungen, jugendliche Mobbingopfer und Migranten an die Mitarbeiter der Einrichtung.

Bei einer Gesprächsrunde am Mittwoch bezeichnete Moderator Jörg Prigge die Beratungsstelle als „Seismograph des gesellschaftlichen Wandels“.

Etwa 35.000 Menschen suchten jedes Jahr Rat und Hilfe bei den Mitarbeitern des Evangelischen Beratungszentrums, sagte Vorsitzende Gerborg Dascher. Und das nicht mehr vor allem über die Telefonseelsorge und das persönliche Gespräch, sondern auch via Chat oder Mail. „Wir müssen auf allen Kanälen unterwegs sein.“ Die Palette an Themen reiche von Paaren, die sich trennen, aber aus Wohnungsnot weiter zusammen leben müssen, bis zu Langverheirateten, die nach Perspektiven für ihre Beziehung suchten.

Die Institution gibt es seit mehr als 50 Jahren. Sie bietet schwerpunktmäßig die Anlaufstellen Telefonseelsorge, Jugend- und Familienberatung sowie Schwangerschaftsberatung. Finanziert wird sie vor allem von der Evangelischen Kirche in Bayern, der Stadt München und dem Sozialministerium.

Telefonseelsorge

Alleine bei der Telefonseelsorge meldeten sich 2015 fast 22.000 Menschen, 2000 von ihnen im Kinder- und Jugendalter. „Die meisten Anrufer leben alleine, sind einsam und haben sonst keine Ansprechpartner“, sagte Telefonseelsorge-Leiter Norbert Ellinger. Auffallend sei, dass immer mehr Menschen anriefen, bei denen eine psychische Erkrankung festgestellt wurde, die in Therapie oder austherapiert seien. „Denen hört sonst niemand mehr zu.“ Freunde und Verwandte seien oft überfordert damit, sich immer wieder die Sorgen anzuhören. „Die Telefonseelsorge ist für diese Anrufer wie Familie.“

Die ehrenamtlichen Berater an den Telefonen blieben anonym, sagte Ellinger. Zum einen, um sie beispielsweise vor Stalkern zu schützen, zum anderen, weil sich mancher Hilfesuchende vielleicht nicht anzurufen trauen würde, wenn er wüsste, dass etwa sein Nachbar für die Telefonseelsorge arbeitet.

Schwangerenberatung

Die Schwangerenberatung kümmert sich um alle Anliegen rund um Schwangerschaft, Familienplanung und Sexualität. Die größten Sorgen bereiteten den Menschen die Wohnsituation, Existenzsicherung, Schwangerschaftskonflikte und Beziehungsprobleme, berichtete Leiterin Sabine Simon. Neu sei die zunehmende Zahl von Migrantinnen, die sich an die Beratungsstelle wenden. Mitarbeiter seien zudem in Schulen unterwegs, um speziell in Übergangsklassen sexuelle Aufklärung anzubieten.

Jugend- und Familienberatung

Eines der großen Themen in der Jugendberatung ist Mobbing, besonders Cybermobbing. „Mobbing im Netz verfolgt einen Tag und Nacht. Man entkommt ihm nicht, auch nicht durch einen Schulwechsel“, sagte der Psychologe Jürgen Wolf. Jugendliche meldeten sich aber auch ganz allgemein wegen Demütigungen in der Familie, in der Clique oder in der Schule. Weitere Themen seien psychische Erkrankungen der Eltern sowie die Trennung der Eltern. Kinder und Jugendliche nutzen vor allem die Möglichkeit, über Mail oder Chat an die Beratungsstelle heranzutreten. Anschließend folge dennoch oft ein persönliches Gespräch, sagte Wolf. Gerade bei besonders sensiblen Themen wie Missbrauch bevorzugten die Betroffen den schriftlichen Austausch. Das sei einfacher, als darüber zu sprechen.

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