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Bariton Christoph von Weitzel im Hauptbahnhof. 

Am Freitagmittag

Mann sieht aus wie ein gewöhnlicher Obdachloser - dann staunen die Reisenden am Münchner Hauptbahnhof

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Während die Menschen durch den Hauptbahnhof München am Freitagmittag hetzten, hörten sie die Lieder aus Schuberts „Winterreise“– live dargeboten von einem als Obdachloser verkleideten Opernsänger.

Am Freitag staunten die Reisenden nicht schlecht: Ein Obdachloser verblüffte alle als Obdachloser. Er präsentierte Lieder aus Schuberts „Winterreise“ am Freitagmittag. Bariton Christoph von Weitzel machte damit auf die Lage der Obdachlosen in München aufmerksam. Die Passanten sollten für die prekäre Situation dieser Menschen sensibilisiert werden. Veranstalter ist das „Münchner Netzwerk Wohnungslosenhilfe“. 

Hier sehen Sie den beeindruckenden Auftritt des verkleideten Opernsänger:

Vorbericht: Opernsänger verkleidet als Obdachloser am Münchner Hauptbahnhof

München - Der Opernsänger Christoph von Weitzel schlüpft in das Gewand eines armen Menschen. Er hat einen schäbigen Koffer in der Hand. Und präsentiert Oper für Obdach – ein Projekt, mit dem er diesen Außenseitern in unserer Gesellschaft eine kräftige Stimme verleiht. Weitzel wird, begleitet von einem E-Piano („Das trägt spielend“), mit einem Headset singen: „In Bahnhöfen ist es teilweise furchtbar laut, die Zuggeräusche, die Rollkoffer“, weiß Wetzel aus Erfahrung etwa vom Hauptbahnhof in Berlin. 

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Aus insgesamt 24 Liedern der Winterreise (siehe links) singt der Bariton neun, die mit Abschied, Trauer, falschen Hoffnungen und Sehnsucht nach Ruhe und Frieden zu tun haben: Gute Nacht – Wasserflut – Die Post – Rast – Der stürmische Morgen – Der Wegweiser – Täuschung – Das Wirtshaus und zum Schluss Der Leiermann. Also jenes Lied, mit dem auch Schubert seinen Zyklus von 1827/1828 beendete und das die Isolation des einsamen Wanderers zum fatalen Tiefpunkt führt – ohne Geld, Liebe, Hoffnung und Freude fristet er ein Leben als Bettler. 

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Es gibt ein Erlebnis, das Weitzel die entscheidende Emotion für seine Winterreise als Obdachloser gab: „Ich ging 2005 im Winter bei Eis und Schnee über den Odeonsplatz. Kurz zuvor war die Tsunami-Katastrophe, und es kamen Hunderte Millionen an Spendengeldern zusammen. Auf dem Odeonsplatz standen ein paar Pfleger, die auf Missstände in psychiatrischen Abteilungen aufmerksam machten.“ Doch auch sie sah – wie den Leiermann in der Winterreise – keiner an. „Alle hasteten vorbei, keiner drehte sich um. Und ich dachte mir: Das gibt es doch gar nicht!“ Diese Szene ließ den Bariton nicht mehr los – er entschloss sich, die Inszenierung in Verkleidung eines Wohnungslosen gestalten zu lassen. „Denn Obdachlose haben überhaupt keine Lobby – und meist auch große psychische Probleme.“ Eine Aufführung dauert rund 35 Minuten. Kalt lässt die Aufführung erfahrungsgemäß niemanden. Weitzel: „Ich zeige auch die Härte und die Schroffheiten in der Musik sehr direkt. Für mich ist es das größte Kompliment, wenn nach der Aufführung kein Beifall ertönt. Dann merke ich: Die Menschen haben Empathie und Mitleid mit meiner Figur – und wenn es optimal läuft, denken sie über Obdachlose nach und spenden Geld.“ 

Mit im Boot der Veranstaltung am Sonntag (mehr siehe Textende) sind die Deutsche Bahn Stiftung und Musik ins Leben e.V. Die Schirmherrin des Netzwerks ist Petra Reiter. Die Gattin des Oberbürgermeisters ist „begeistert, dass das Netzwerk mit einer solchen Veranstaltung in den öffentlichen Raum geht und dort auf die Situation Obdachloser und Wohnungsloser aufmerksam macht“, teilt sie mit. Und Christoph von Weitzel wird weiterziehen: „Ich habe Aufträge aus dem In- und Ausland und mache das sehr, sehr gerne. Es gibt genügend Stücke in der Klassik, die für uns absolut relevant sind. Wenn die Leute stehenbleiben, zuhören und nachdenklich werden, dann ist dadurch schon viel ­gewonnen.“

Das müssen Sie über den Auftritt im Münchner Hauptbahnhof wissen:

Die Aufführungen um 13, 14, 15 und 16 Uhr werden unter dem Motto Oper für Obdach vom Netzwerk Wohnungslosenhilfe veranstaltet.

Schuberts Winterreise: Es gibt keine traurigere ­Musik als Franz Schuberts Liederzyklus Winterreise, die der Komponist 1827 und 1828 – seinem Todesjahr im Alter von 31 – komponierte. Er nahm 24 Gedichte von Wilhelm Müller zur Vorlage und erhob sie zur großen Kunst: Ein junger Mann fällt nach einer enttäuschten Liebe aus der Gesellschaft heraus. Isoliert und ziellos durchstreift er die Welt. Bis er schließlich, im letzten der 24 Lieder, einen Leiermann sieht. „Keiner will ihn hören, keiner sieht ihn an“, heißt es im Text. Der Wanderer schließt sich dem „wunderlichen Alten“, dem Leiermann, an.

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