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Sie sorgen sich um das Bahnhofsviertel: die angestammten Hoteliers (v.l.) Sebastian Sebald, Imke Heidenstecker, Conrad Mayer und Sonja Lutz.

Sorge vor Entmietung

Mega-Hotel-Projekt im Bahnhofsviertel droht Wohnraum zu vernichten

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Immer neue Hotel-Pläne im Bahnhofsviertel machen alteingesessenen Hoteliers Sorgen. Eins der geplanten Projekte könnte Wohnraum vernichten, bei einem anderen ist ein bekannter Club bedroht: Das Harry Klein.

München - Mehrere große Hotelprojekte im Mittelklasse-Bereich sind in unmittelbarer Nähe zum Hauptbahnhof geplant. Und das in jenem Viertel, das eh schon die höchste Hotelbetten-Dichte ganz Europas hat. „Wenn die Projekte so umgesetzt werden, werden etablierte Häuser schließen müssen“, warnen Sonja Lutz vom Helvetia Hotel, Imke Heidenstecker vom Hotel Haberstock, Sebastian Sebald vom Schiller 5 und Conrad Mayer vom Conrad-Hotel de Ville. Ein Projekt würde – wenn es die Stadt genehmigt – sogar Wohnraum vernichten. Bei einem anderen könnte es sein, dass einer der bekanntesten Clubs der Stadt weichen muss: das Harry Klein. 

Nr.1: Hotel bedroht Wohnraum - Schillerstraße 3 und 3a

An der Schillerstraße 3 und 3a soll ein großes Hotel entstehen: Die Häuser hat der Projektentwickler Concrete Capital I gekauft. Dahinter steht der Immobilien-Unternehmer, Investor und Rennfahrer Hubert Haupt. An der Firma beteiligt ist die Hotelkette Motel One – und ein eben solches Hotel mit 280 Zimmern soll auch in der Schillerstraße gebaut werden, wie Haupt bestätigt. Er sagt: „Die Baugenehmigung wird in Kürze beantragt.“

In zwei aneinandergrenzenden Häuser in der Schillerstraße 3 und 3a (linke Straßenseite) soll ein Motel One mit 280 Betten gebaut werden.

Die Kette betreibt bereits neun Häuser in und um München, dasjenige in der Schillerstraße wäre neben dem am Sendlinger Tor das zentralste. Es soll aus einem Vorderbau mit sieben und einem Rückbau mit sechs Stockwerken bestehen. Brisant: Derzeit sind laut Sozialreferat auch Wohnungen in dem Komplex untergebracht, nämlich in der Schillerstraße 3

„Hier greift die Zweckentfremdungssatzung. Generell ist Abreißen verboten“, erklärt Edith Petry vom Sozialreferat. Ein Abriss könne nur in Ausnahmefällen genehmigt werden: „Etwa, wenn man entsprechenden Ersatzwohnraum schafft.“ Und genau das hat Concrete Capital I offenbar vor. Die Zweckentfremdungssatzung werde eingehalten, betonen Hubert Haupt und sein Geschäftsführer Peter Fritsche: „An dieser Stelle sei auch erwähnt, dass wir in Neuperlach über 100 Mietwohnungen, darunter auch geförderte Wohnungen, errichten.“ Dem Vernehmen nach versucht das Unternehmen derzeit schon, den Komplex mieterfrei zu bekommen – auch mit anwaltlicher Hilfe. Concrete-Capital-Chef Hubert Haupt steht nicht das erste Mal in den Schlagzeilen: 2012 hatte er versucht, Mieter aus einem von ihm gekauften Haus in der Blütenstraße 8 zu vertreiben. Letztendlich gab es aber eine Einigung – und die Mieter durften bleiben!

Lesen Sie auch: Zu unsicher: Hotel im Bahnhofsviertel verliert Airline-Crew als Kunden

Hotels in München: Schon jetzt Überangebot

Conrad Mayer ist nicht nur selbst Hotelier, sondern auch Kreisvorsitzender des Bayerischen Hotel- und Gaststättenverbands Dehoga. „Und in dieser Funktion habe ich bereits im Herbst ­davor gewarnt, dass es schon jetzt zu viele ­Hotelbetten in München gibt“, sagt er. Es sei nicht mehr der Markt, der Betten fordere, sondern der Investor. Wenn nichts passiere werde es auf Dauer immer extremere Preise und keine kleinen, inhabergeführten Hotels mehr geben. Mayer: „Es muss mal jemand aufwachen“.

Nr.2: Aus für das Harry Klein?  - Sonnenstraße 8/Schwanthalerstraße 2

Harry-Klein-Betreiber David Süß bangt um den Standort.

Auch an der Sonnenstraße 8/Schwanthalerstraße 2 soll ein Hotel entstehen – es gibt bereits einen Bauvorbescheid. Betreiber soll die Berliner Amano-Gruppe sein. Eigentümer des Komplexes ist die Sonnenstraße Immobilien GmbH, hinter der der Unternehmer Harry Habermann steht. Der rechtliche Vertreter der Gesellschaft, Kurt Kürzinger, bestätigt: „Es ist richtig, dass ein Hotel Gegenstand der Planungen ist.“ Die Pläne seien noch nicht hundertprozentig sicher. Aber „es wird sicherlich eine Änderung in der Mieterschaft geben“. Der bekannte Techno-Club Harry Klein befindet sich genauso im Komplex wie die Diskos Jack Rabbit und X-Cess. David Süß vom Harry Klein befürchtet, dass sein Club letztendlich ausziehen muss. Süß sagt: „Es kommt doch niemand nach München, weil die Hotels so schön sind.“ Es müsse auch Unterhaltung wie eben das Nachtleben geboten werden. Und Mathias Scheffel, einer der Betreiber des Jack Rabbit, sagt: „Wir haben einen langfristigen Mietvertrag mit Verlängerungsoption. Doch der neue Eigentümer sieht das anders…“

In der Ludwigsvorstadt sind schon wieder neue Herbergen geplant. 

Das sagt der Stadtteil-Experte

Einerseits zeige der Hotel-Boom, dass das Viertel positiv bewertet werde, meint Fritz Wickenhäuser vom Verein „Südliches Bahnhofviertel“. Andererseits: „Wenn das Viertel nur noch aus Hotels besteht, will das auch der Tourist nicht.“ Dann gebe es auch für die Einheimischen keine Angebotsvielfalt mehr.

Prof. Fritz Wickenhäuser.

Nr.3: Das war’s dann mit der Bank

Dieser Komplex liegt schräg gegenüber der Schillerstraße 3 und 3a (siehe Hotel-Plan Nr.1 oben): Das Haus an der Bayerstraße 25, Ecke Schillerstraße hat im Frühjahr 2017 der Hamburger Immobilienentwickler DC Values gekauft. Die Hypo-Vereinsbank, die sich derzeit noch im Gebäude befindet, zieht deswegen aus, wie Pressesprecherin Madeleine Beil von DC Values bestätigt. „Derzeit wird ein passendes Konzept für den Standort erarbeitet – und wir prüfen dabei sämtliche Möglichkeiten, um eine optimale Lösung zu finden.“ Die Befürchtung alteingesessener Hoteliers: Dass auch in diesem Haus ein Hotel einziehen wird.

Das Haus an der Bayerstraße 25.

Das ist freie Marktwirtschaft

Manuel Pretzl (42) Fraktions-Chef der Rathaus-CSU.

„Ein Preisdumping-Wettbewerb bei Hotels tut der Stadt und der Qualität des Angebotes nicht gut“, findet Manuel Pretzl (42), Fraktions-Chef der Rathaus-CSU. Es sei für die Stadt aber fast unmöglich, einzugreifen – das sei freie Marktwirtschaft. Grundsätzlich dürfe bei einer Gewerbeimmobilie jeder ein Hotel bauen, solang man sich ans Baurecht halte. „Wir können lediglich verhindern, dass Wohnungen in Hotels umgewandelt werden.“

Herbergen in München: 89.000 Hotelbetten im Raum München

Das Münchner Bahnhofsviertel ist schon jetzt laut Hotel- und Gaststättenverband Dehoga das Viertel mit der höchsten Hoteldichte in ganz Europa – trotzdem wird weiterhin ein Hotel nach dem anderen gebaut. Vor Kurzem erst eröffneten etwa das 25 hours-Hotel am Bahnhofplatz oder das Edel-Hotel Roomers an der Landsberger Straße. 

Vor 15 Jahren gab es noch um die 48.000 Betten im Großraum München, jetzt seien es89.000, sagt Dehoga-Kreisvorsitzender Conrad Mayer. In einer Phase der Niedrigzinsen würden Projekte auch an Standorten geplant, an denen früher nie gebaut worden wäre, sagt Mayer – er warnt vor einer Immobilienblase. In den vergangenen zehn Jahren seien jedes Jahr um die 2500 Betten mehr geschaffen worden, in den vergangenen zwei Jahren sogar je 3500. Für Mayer „völlig neu“ ist der Fakt, dass für neue Hotels nun auch in Betracht gezogen wird, Wohnraum zu vernichten. „Ich dachte immer, Wohnraum sei für München das Wichtigste.“ Mayer warnt vor einer „Entmenschlichung der Innenstadt“. Denn: Dazu würden Ersatzbauten führen, die für den zerstörten Wohnraum am Rande der Stadt geschaffen würden.

Lesen Sie auch: München bekommt neues Hotel der Superklasse: Das „Rosewood“ Hotel wird fünf Sterne deluxe oder Nobel-Suiten in München: Ein Whirlpool mit Fernseher

Die besten und wichtigsten Geschichten aus diesem Teil Münchens posten wir auch auf der Facebook „Ludwigsvorstadt – mein Viertel“.

Ramona Weise

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