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Eine Kerze für den toten Freund: Die beiden Mitschülerinnen kamen gstern wie viele andere zur Mahnwache.

Unfallrisiko senken

Junge (11) von Lkw überrollt: Politiker fordern ein Verbot

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  • Stefanie Wegele
    Stefanie Wegele
  • Kathrin Braun
  • Daniela Schmitt

Auf Münchens Straßen hat sich erneut eine Tragödie ereignet: Wie berichtet, wurde am Montag ein Bub (11) an einer Kreuzung in der Isarvorstadt von einem Lkw überfahren. Das Unglück reiht sich ein in die traurige Liste an schweren Unfällen im Zusammenhang mit dem toten Winkel. Kritiker fordern, dass die Politik endlich handelt.

Klassenkameraden, Freunde, Lehrer. Rund 150 Menschen haben sich gestern Abend im strömenden Regen an der Unfallstelle zu einer Mahnwache versammelt. Während Pfarrer Rainer Maria Schießler die Glocken der nahe gelegenen Maximilianskirche läuten ließ, legten sie Blumen ab, einige zündeten Kerzen an. Viele hatten Tränen in den Augen. „Er war so ein Lustiger“ sagte eine Mitschülerin über den 11-Jährigen, der am Montag jäh aus dem Leben gerissen worden ist.

Unfall an Kreuzung in Isarvorstadt: Junge in LKW eingeklemmt

Der Bub war am Montag gegen 13.30 Uhr auf dem Radweg der Corneliusstraße stadteinwärts der Schule nach Hause unterwegs. Die Ampel zeigte sowohl für ihn als auch für einen Lkw-Fahrer, der rechts auf die Erhardstraße abbiegen wollte, Grün. Offenbar übersah der Fahrer das Kind. Das Fahrrad des Elfjährigen wurde zwischen Fahrerhaus und Kipper eingeklemmt. Ärzte versuchten noch, das Leben des Buben zu retten. Vergeblich. In der Klinik erlag der Junge seinen Verletzungen.

Zwölf Verkehrsunfälle haben sich in München 2018 im Zusammenhang mit dem toten Winkel ereignet (2017: 23). Der schrecklichste am 7. Mai 2018:Loreeley (9) wurde an einer Kreuzung in Milbertshofen von einem Lkw erfasst und getötet. Im August 2017 wurde die Schauspielerin Silvia Andersen in der Au von einem Lkw überrollt.

Das Totwinkel-Erkennungssystem soll Pflicht werden

„Der tote Winkel zählt zu den Hauptursachen für schwere Verkehrsunfälle in der Stadt“, sagt Dr. Wolfram Hell von der Abteilung Verkehrssicherheit beim Institut für Rechtsmedizin der LMU. Es seien nur Sekundenbruchteile, in denen Lkw-Fahrer Radler oder Fußgänger „ganz kurz in einem Spiegel aufblitzen“ sehen. Hell kritisiert, dass es bis heute keine europäischen Vorgaben gebe, um die tödliche Gefahr einzudämmen. „Mit dem Totwinkel-Erkennungssystem würden sich 60 bis 80 Prozent dieser Unfälle verhindern lassen.“ Bislang ist der Einbau solcher elektronischer Assistenzsysteme freiwillig. Seit 2012 wird auf EU-Ebene über eine Pflicht diskutiert. Im März kam Bewegung in die Sache: Man hat sich geeinigt, die Fahrassistenzsysteme bis spätestens 2024 verpflichtend einzuführen.

Zahl der Schulwegunfälle in München gestiegen

Der Druck auf die Politik ist hoch – denn Abbiegeunfälle gehören zu den gefährlichsten überhaupt. In München wurden vergangenes Jahr 395 Radfahrer bei Abbiegeunfällen verletzt. Das sind 15,9 Prozent aller verletzten Radler. „Kinder sind aufgrund ihrer Größe im Straßenverkehr besonders gefährdet“, sagt Hell. Das belegt die Statistik der Polizei: Schulwegunfälle in München haben von 2017 (85 Unfälle) auf 2018 (119 Unfälle) um 40 Prozent zugenommen.

Dem Grünen-Politiker Cem Özdemir, Chef im Verkehrsausschuss des Bundestags, dauert das Warten auf den verpflichtenden Einsatz von Abbiegeassistenten zu lang. „Das muss viel schneller gehen“, sagte Özdemir unserer Zeitung. Das von Andreas Scheuer (CSU) geführte Verkehrsministerium setzt derweil weiter auf eine freiwillige Einführung solcher Assistenzsysteme. Er appelierte an die Branche: „Ab jetzt gibt es keine Entschuldigung mehr, Lkw nicht umzurüsten. Wir stehen alle in der Verantwortung.“ Der Münchner Bundestagsabgeordnete Dieter Janecek (Grüne) wertet das als „verantwortungsloses Nichtstun“. Er fordert, dass die Kommunen aktiv werden sollen – etwa „über ein sichereres Kreuzungsdesign, wie es der ,Radentscheid München’ fordert“, sagt Janecek. Zudem könne ein geschulter Sicherheitsbeifahrer die Abbiegevorgänge unterstützen.

Das Tote-Winkel-Problemen: Es gibt diverse Lösungen

Der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club (ADFC) München ist alarmiert. Neben den vom ADFC seit Langem geforderten Abbiegeassistenzsystemen müsse es zudem bauliche Veränderungen geben, verlangt der ADFC-Vorsitzende Andreas Groh. Auch Hell verweist auf alternative Lösungen, um dem Tote-Winkel-Problem Herr zu werden: „In Amerika fahren die Lkw mit Weitwinkellinsen in der Tür, in Holland gibt es eigene Ampelschaltungen für Radfahrer und den Kfz-Verkehr, und die Japaner haben gläserne Türen in den Lastwagen.“

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Der Assistent muss Pflicht werden - Ein Kommentar von Autor Marc Kniekamp

Redakteur Marc Kniekamp

Erst knapp ein Jahr ist es her, da wurde ein neunjähriges Mädchen in Milbertshofen von einem rechtsabbiegenden Lkw überrollt. Jetzt ist schon wieder ein Kind auf einer Münchner Kreuzung ums Leben gekommen. Der Unfall verlief nach dem gleichen Schema: Der elfjährige Schüler war mit seinem Radl auf dem Radweg unterwegs, verhielt sich völlig korrekt. Der Lkw-Fahrer konnte ihn beim Rechtsabbiegen nicht sehen und überfuhr ihn. Kaum eine Woche vergeht in Deutschland ohne eine solche Meldung. Dabei könnte ein großer Teil dieser Unfälle verhindert werden.

Längst gibt es Abbiegeassistenten für die Kolosse auf unseren Straßen. Sie überwachen den toten Winkel, den die Brummifahrer auch mit ihren zahlreichen Seitenspiegeln nicht einsehen könnten. Die Lösung wäre einfach: Alle Lkw müssen mit einem solchen Abbiegeassistenten ausgestattet werden. Eine solche Vorschrift kann eigentlich nicht so schwierig zu beschließen sein. Schließlich haben wir bereits eine Umweltzone, die vorschreibt, welche Fahrzeuge in die Ballungsräume einfahren dürfen. Jedes Auto muss regelmäßig zur Hauptuntersuchung, jeder entdeckte Mangel muss beseitigt werden.

Doch das Verkehrsministerium setzt beim Abbiegeassistenten auf Freiwilligkeit und wartet auf eine europäische Regelung. Die regelmäßigen Schreckensnachrichten von Abbiegeunfällen mit Lkw beweisen leider, dass das zu wenig ist.

Marc.Kniepkamp@merkur.de

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Nicht nur Fahranfänger stellen sich diese Frage: Wer hat in der Sackgasse eigentlich Vorfahrt?

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