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Ein Einsatzzug der Bundespolizei im Bahnhof.

Aktion im Problemviertel

Münchner Hauptbahnhof: Hier räumt die Polizei auf

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Große Kontrollaktion am Hauptbahnhof! Im Viertel rund um den Bahnhof haben Polizeibeamte am Donnerstag gezielt kontrolliert. Bis tief in die Nacht dauerte der Einsatz. So lief die Aktion ab.

Ab 7 Uhr morgens bis spät in die Nacht waren Dutzende Einsatzkräfte von Bundes- und Landespolizei, Zoll, Gewerbeaufsicht und Kreisverwaltungsreferat (KVR) an den neuralgischen Stellen im südlichen Bahnhofsviertel unterwegs. Gezielt untersuchten die Beamten die Szenen der Schwarzarbeiter, Alkoholiker, Drogensüchtigen und illegalen Prostituierten. Jetzt räumt die Polizei auf!

Seit Wochen berichten Bürger und Geschäftsleute vom zunehmenden Gefühl der Unsicherheit rund um den Bahnhof. Jüngst schlugen Kinobetreiber und Anwohner des Nußbaumparks Alarm. Boris Belich (47), der sich im Mathäser Filmpalast um das operative Geschäft kümmert, sagte auf der Bürgerversammlung Ludwigsvorstadt-Isarvorstadt: „Es fühlt sich ganz anders und viel unsicherer an als früher.“ Bettelbanden würden Gehwege blockieren und Fixerutensilien Seitenstraßen und Hinterhöfe verdrecken. Jetzt setzen die Behörden ein deutliches Zeichen!

So kontrollierte die Polizei

Die Kontrollen waren den Tageszeiten angepasst, heißt: Am Morgen standen Schwarzarbeiter im Fokus, ab Mittag die Drogen- und Rauschgiftszene, zu später Stunde inspizierten die Fahnder das Rotlichtmilieu.

Polizeihund Machete am Münchner Hauptbahnhof im Einsatz.

Über 100 Polizisten durchkämmten das Gebiet, darunter auch Rauschgifthundeführer Hans Götz (34), der mit seinem belgischen Schäferhund Machete an Bayer-, Schiller- und Schwanthalerstraße auf der Suche nach Drogen war. Er und seine Kollegen traten nicht im großen Rudel auf, das hätte das Klientel vorgewarnt und den Erfolg der Aktion gefährdet. Polizeisprecher Marcus da Gloria Martins beschreibt es so: „Wir gehen minimalinvasiv vor.“ Kleine Nadelstiche seien nachhaltiger als der große Hammer.

Eine wichtige Rolle spielte bei der gestrigen Großaktion auch die Bundespolizei, wie Sprecher Wolfgang Hauner erklärt: „Auch wir haben unsere Einsatzkräfte und Streifen mit zusätzlichem Personal verstärkt. Die Tätigkeit der Bundespolizei beschränkt sich zwar meist auf die Bereiche im Inneren des Bahnhofs sowie die dortigen Zugänge zu den S-Bahnen, die Zuständigkeit endet aber keineswegs an den Treppenabsätzen der Eingänge. Hauner: „An der Arnulfstraße ist der Vorplatz ausgewiesenes Bahngelände und fällt somit in unsere Zuständigkeit.“ 

Auch Delikte und Auseinandersetzungen, die im Innenbereich entstehen und sich nach draußen verlagern, werden konsequent verfolgt. Die Sicherheit im Hauptbahnhof ist laut Hauner viel höher, als sie in der Öffentlichkeit häufig wahrgenommen wird. Denn: „Die vielen Straftaten, die durch unsere Kräfte verhindert werden, finden in der Berichterstattung keinen Platz, werden häufig auch von uns gar nicht erfasst.“ Laut Hauner sei die beste Methode, Kriminalität einzudämmen, eine gute Kommunikation mit der sich dort versammelnden Klientel.

Der Großeinsatz von Polizei und allen beteiligten Behörden dauerte noch bis tief in die Nacht. Als Initiator und Durchführer der Aktion will das Polizeipräsidium heute eine Bilanz ziehen.

Schwarzarbeiter

Am sogenannten Arbeiterstrich, der sich seit Jahren an der Kreuzung der Landwehrstraße mit der Goethestraße etabliert hat, wurden Personalien aufgenommen und Platzverweise ausgesprochen. Laut Polizei bieten sich hier vor allem Tagelöhner aus Rumänien und anderen osteuropäischen Ländern an. Die Männer kommen überwiegend in der Baubranche zum Einsatz – meist zu fatalen Konditionen. Der Mindestlohn auf dem Bau liegt bei 13 Euro pro Stunde, Schwarzarbeiter bekommen laut Polizei mit fünf bis sechs Euro nicht selten weniger als die Hälfte und sind dazu nicht mal krankenversichert. Die Arbeitgeber melden ihre Kräfte auch nicht offiziell an, zahlen keine Abgaben. Beide Seiten bewegen sich dann im absolut illegalen Bereich. Die Kontrollen begannen gegen 7.30 Uhr und dauerten etwa eine halbe Stunde.

Als die Polizisten in ihren schwarzen Anzügen anrückten und die Männer auf dem Bürgersteig einkreisten, wurden schnell Reisepässe und Aufenthaltsgenehmigungen gezückt. Laut Polizei befand sich unter den Kontrollierten auch ein Mann, der von der Münchner Staatsanwaltschaft zur Aufenthaltsermittlung ausgeschrieben war. Polizeisprecher Benjamin Castro-Tellez: „Ziel ist es, zu erfahren, mit welcher Klientel man es zu tun hat.“

Kontrolle am Arbeiterstrich an der Landwehrstraße.

Drogenmilieu

Der Königsplatz ist wegen seiner Nähe zum Hauptbahnhof in der Drogenszene ein beliebter Treffpunkt. Artur Mitterer, stellvertretender Leiter der Polizeiinspektion 16, die sich um den Bahnhof und die umliegenden Außenbereiche kümmert, erklärt das aktuellste Drogenproblem: „Wir haben es vermehrt mit sogenannten Kräuterzigaretten zu tun, die aus Tabak und chemischen Substanzen bestehen.“ Zwei Züge an einer Zigarette würden die Konsumenten in einen gefährlichen Rauschzustand versetzen. 

Gestern fanden die Beamten sieben Afrikaner, die betäubt auf Lüftungsschächten lagen. Auch im Nußbaumpark wird fleißig gedealt. Dort beobachtete eine Anwohnerin eine Aktion zur Mittagszeit. Zivilpolizisten mischten sich unter Dealer und Konsumenten, filzten Verdächtige und stellten Drogen sicher. „Es gab Festnahmen und Haftbefehle“, bestätigt Polizeisprecher Benjamin Castro-Tellez. Nur 45 Minuten nach der Aktion, als Polizisten außer Sichtweite waren, hatte die Szene den Park aber schon wieder in Beschlag genommen. Die Anwohnerin sagt: „Die Zustände dort sind extrem. Ich verurteile diese Leute aber nicht, sie sind ein Spiegelbild unserer Gesellschaft.“ Mit derlei Aktionen würde man die Szene zwar kurzzeitig verdrängen, „das Problem aber bleibt“.

Rotlichtszene

Vor allem zur Wiesnzeit floriert das Geschäft mit der illegalen Prostitution am Hauptbahnhof, gänzlich zum Erliegen kommt es aber auch davor und danach nicht. Regelmäßig spürt die Polizei leichte Damen in versteckten Zimmern und schummrigen Hinterhöfen auf, die ungeniert ihre Freier beglücken – und das mitten im Sperrbezirk! Bei der gestrigen Kontrolle sahen die Beamten deshalb auch im Rotlichtmilieu besonders genau hin.

Schon Ende September waren die Polizisten fündig geworden. Elf Frauen und ein 18 Jahre alter Ungar wurden auf frischer Tat ertappt. Die Prostituierten stammten aus Bulgarien, Ungarn, Rumänien, Frankreich und Russland. Die Damen boten nicht nur im Internet ihre Dienste in Verbindung mit Hotelbesuchen an, sie sprachen potenzielle Kunden auch offensiv auf der Straße an.

Die Polizei kontrollierte jetzt zudem eine Shisha-Bar an der Adolf-Kolping-Straße. Die Bilanz: Bei etwa 25 Personen bestand der Verdacht auf Schwarzarbeit. Laut Polizei gab es in diesem Zusammenhang auch mehrere Festnahmen.

Rotlichtszene im Hauptbahnhof Viertel: Im Fokus standen Nachtclubs und Bars.

„Ich lebe seit Jahren auf der Straße“

Er hat sein Dach über dem Kopf verloren, seine Würde lässt sich Frederico Betlem deshalb aber nicht nehmen. „Ich lebe seit sechs Jahren auf der Straße“, erklärt der 51-Jährige im Gespräch mit der tz. Im Hintergrund wuseln Polizisten auf dem Bahnhofsvorplatz, kontrollieren, durchsuchen, nehmen fest und verwarnen. Betlem schlägt sich die eiskalten Nächte auf Steintreppen gegenüber an der Postbank um die Ohren. In eine Männerunterkunft will er nicht gehen. „Die da drin klauen wie die Raben“, sagt er und nippt zitternd an seinem Bier. „Ich war eine Weile dort, habe meine Schuhe beim Schlafen hinter mein Kopfkissen geklemmt. Am nächsten Morgen waren sie weg.“ Er sei sowieso ein Einzelgänger, dazu Kampfsportler – für ein Leben in einem Männerwohnheim ohnehin nicht die besten Voraussetzungen, sagt er schmunzeld.

Früher, nachdem er aus seiner Heimat Neapel nach München gekommen war, da ging es ihm gut. Betlem hatte eine Gebäudereinigungsfirma. Nach einem Streit mit dem Miteigentümer stürzte er ab und landete auf der Straße. Seine fünf Enkelkinder sind sein ganzer Stolz. „Meine Tochter ist wieder schwanger“, erzählt er.

Die härteren Kontrollen finden er und Kumpel Sascha gut. „Hier werden gefährliche Drogen verkauft.“

Frederico B. (l.) mit Kumpel Sascha H. am Bahnhof.

Der Hauptbahnhof sowie sein direktes Umfeld gilt als Münchens heftigste Ecke - ein absoluter Brennpunkt für die Polizei

Nachrichten aus dem Viertel posten wir auch auf der Seite „Ludwigsvorstadt - mein Viertel“.

Johannes Heininger

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