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Unterwegs in seinem "Kiez": Karl Stankiewitz, 87 Jahre alt, hat ein Buch über das Münchner Bahnhofsviertel geschrieben.

Deutschlands dienstältester Lokalreporter

Karl Stankiewitz: Der alte Mann und das Bahnhofsviertel

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München - Er ist nach eigenen Angaben „ältester noch aktiver Lokalreporter Deutschlands“ – und der erste, der ein Buch geschrieben hat, das sich nur dem Bahnhofsviertel widmet: Karl Stankiewitz, 87 Jahre alt. Ein Spaziergang mit einem, der einen ganz eigenen Blick auf die bunte Welt hinterm Bahnhof hat.

Es ist das wuseligste Viertel, die bunteste Ecke der Stadt. Ein Schandfleck, sagen die einen, hier ist das glatte München wirklich Weltstadt, schwärmen andere. Karl Stankiewitz findet das südliche Bahnhofsviertel vor allem eines: spannend. Stankiewitz ist, wie er von sich sagt, der „älteste noch aktive Lokalreporter Deutschlands“. Jetzt hat er das erste Buch geschrieben, das sich nur dem Münchner Bahnhofsviertel widmet. Karl Stankiewitz ist 87 Jahre alt, ein gebürtiger Münchner. So einem gefällt doch nicht, was aus dem Bahnhofsviertel geworden ist, sollte man meinen. Doch Stankiewitz belehrt einen da schnell eines Besseren.

Hier kann man nachts noch einkaufen

Stankiewitz in den 60er Jahren.

Das fängt mit dem Treffpunkt an, den er vorschlägt. Stankiewitz will sich im „Istanbul“ an der Landwehrstraße treffen. „Klein-Istanbul“, so nennen manche Münchner auch die Gegend. Doch Stankiewitz widerspricht. „Die Landwehrstraße wird immer arabischer“, erklärt er bei einem Glas türkischen Tee und einem Teller Reis mit Bohnen. Besonders türkisch sei die Gegend schon lange nicht mehr. Für sein Buch ist er viel im „Kiez“ unterwegs gewesen. Stankiewitz sagt tatsächlich Kiez – so wie die Berliner zu ihren Altbau-Vierteln und die Hamburger zu ihrem St. Pauli. Das Wort gibt es in München eigentlich nicht. Aber wo sollte es besser passen als hier, wo Strip-Lokale, Spielhöllen und arabische Imbisse zusammenkommen und wo man – in München! – tatsächlich nachts noch problemlos eine Tüte Chips oder eine Schachtel Zigaretten kaufen kann.

Wird selbst dieses Viertel bald durchsaniert?

Ob das Viertel seinen eigenen Charme verlieren wird, wenn der Hauptbahnhof neu gebaut wird? Ob dann auch das Bahnhofsviertel, in dem es heute praktisch kein Grün gibt, aber dafür für Münchner Verhältnisse sehr viele Bettler, irgendwann nur noch aus Luxuswohnungen besteht? Das glaubt Stankiewitz nicht. „Der Bahnhof berührt die Leute hier nicht unmittelbar“, sagt er. Das Viertel funktioniere trotz der zentralen Lage autonom. Dennoch ist ihm beim Spaziergang durch die Straßen auch die Sorge um die Entwicklung anzuhören. Eigentlich sei das Viertel geprägt gewesen von den alten Gastarbeitern, die sich „hochgearbeitet“ und eigene Läden aufgemacht hätten, sagt er. „Jetzt kommen immer mehr arabische Investoren. Sie eröffnen Hotels, die sich nur an arabische Gäste richten.“

Ein Viertel, das immer im Wandel war

Vielleicht aber passt auch diese Veränderung zu einem Viertel, das immer im Wandel begriffen war. In Stankiewitzs Buch kann man viel über diesen Wandel lernen. So stellt er „Münchens neuen Immobilienkönig“ vor, einen Kurden, dem tausende Wohnungen gehören. Er schreibt vom „Katastrophenviertel“ und erinnert an den Flugzeugabsturz von 1960 und das Wiesn-Attentat. Und er wirft den Blick hin zu den Menschen hinter den Zahlen: 3200 Bewohner, 20.000 Arbeitsplätze, 43 Spielhallen – das ist das Bahnhofsviertel.

Doch auch Stankiewitz, der altgediente Reporter, der sein Volontariat bei der Süddeutschen Zeitung 1947 begann, hat bei seinen Streifzügen durch das Viertel noch manches Neues gelernt. „An der Dachauer Straße“, erzählt er, „gibt es eine Ecke mit lauter Restaurants und Läden von Persern und Iranern. Das war mir überhaupt nicht bekannt.“ Man müsse eben „immer neugierig“ bleiben, betont Stankiewitz.

Dann verabschiedet er sich und läuft vorbei an türkischen und arabischen Werbetafeln durch die Goethestraße davon. Ob er weiterschreiben wird – trotz seiner 87 Jahre? Diese Frage hat er zum Abschied noch beantwortet. „Ja, was soll ich denn sonst machen“, hat er gesagt und seine Reporter-Augen blitzten dabei. „Nur ins Wirtshaus gehen, das ist nichts für mich.“

Das Buch: Karl Stankiewitz: „Das Bahnhofsviertel. Wo München wirklich Weltstadt ist“ ist erschienen im Sutton Verlag, 128 Seiten, 19,90 Euro. ISBN: 978-3954006465.

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