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Über 400 Quadratmeter hat die Wohnung der Toten.

Erstmals Blick in Mordwohnung 

Mordfall Böhringer: Was bleibt, ist die Hoffnung

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München - Vor neun Jahren wurde Parkhaus-Millionärin Charlotte Böhringer ermordet. Die Familie des verurteilten Mörders Bence Toth ist nach wie vor von seiner Unschuld überzeugt und will nicht aufgeben. Erstmals gewährte sie Einblicke in die Wohnung. 

In der Wohnung ist es kalt. Die hohen Wände sind klamm, in der Luft liegt ein leichter Moder. Möbel stehen verloren auf Marmorfliesen, abgeschraubte Lampen liegen auf antiken Möbeln, am Boden stehen Kartons, gefüllt mit Nippes. Seit bald zehn Jahren steht das Penthouse an der Baaderstraße schon leer. Seit jenem 15. Mai 2006, an dem die Millionärin Charlotte Böhringer im Penthouse über ihrem Parkhaus unweit des Isartors erschlagen wurde. 

Am Mittwoch tummeln sich viele Menschen hier. Sie sind durch die gelbe Stahltür gekommen, die ins Penthouse führt. Jene Tür, vor der Böhringers Mörder stand. Als sie öffnete, schlug er zu. 24 Mal, mit einem scharfen Gegenstand. Böhringer brach tot zusammen, mit dem Kopf Richtung Treppe, die in die 400 Quadratmeter große Luxuswohnung führt. Hier wurde sie von einem Angestellten und ihrem Neffen Benedikt Toth gefunden. Heute stehen hier Journalisten, Fotografen, der Anwalt, Freunde und die Familie von Benedikt Toth. Es ist die Rückkehr an einen Tatort, der die Familie nicht ruhen lässt. 

Charlotte Böhringer wurde nur 59.

Benedikt Toth soll seine Tante erschlagen haben, aus Angst vor Enterbung, aus Wut, weil sie ihn reglementierte. Seitdem sitzt „Bence“, wie ihn Freunde nennen, in Haft. Die Familie aber glaubt nicht an seine Schuld und führt seit bald zehn Jahren einen scheinbar hoffnungslosen Kampf. Bences Unschuld zu beweisen. Bisher ist es nicht gelungen. 

Die Familie hat zur Pressekonferenz an die Baaderstraße geladen. Wie berichtet, hat die Familie den Journalisten Terry Swartzberg engagiert, um den Fall in der Öffentlichkeit zu halten. Swartzberg sitzt neben Mate Toth, Bences Bruder, in einem kleinen Raum des Penthouses, der zur Terrasse führt. Die Terrasse ist leer, bis auf einen Marmortisch. Die Eltern kauern auf Stühlen in der Ecke. Emese Toth – Böhringers Schwester und Bences Mutter – hat den Kopf gesenkt. Während Sprecher Swartzberg ausgiebig erläutert, warum in dem Fall falsch ermittelt wurde, wischt sie sich unablässig Tränen aus dem Gesicht. 

Vor dieser Marmortreppe wurde das Opfer gefunden.

Viel Neues hat Swartzberg nicht zu berichten. Keine neuen Zeugen, keine neuen Fakten. Es ist eher ein emotionaler Akt, der sich da vollzieht. Auch der Kernvorwurf ist seit Jahren der selbe: Die Ermittler hätten sich allein auf Benedikt Toth als Täter eingeschossen, es sei einseitig und falsch ermittelt worden. Der Fall sei eine Chronologie des Versagens der Justizbehörden. „Wir wollen den Menschen finden, der es getan hat und der noch frei herumläuft“, sagt Swartzberg. Das Urteil, das allein auf Indizien basiert, ist in der Tat umstritten. 

Benedikt Toth hat kein Alibi, aber ein Motiv. Seine Tante hielt ihn aus, er aber brach das Jurastudium ab. Das erzürnte Böhringer, sie drohte mit Enterbung, drehte den Geldhahn zweitweise zu. Nach der Tat wurden DNA-Spuren von Toth an Böhringers Kleidung gefunden und Blutspuren der Ermordeten an einem 500-Euro-Schein in Toths Wohnung. Dort lagen auch mehrere Schlüssel für die Parkgarage und das Penthouse, die Böhringer ihm zuvor abgenommen haben soll. Und im durchwühlten Penthouse lag das Testament auf einem Schreibtisch – mit DNA-Spuren von Bence. Eine überzeugende Indizienkette, befanden die Anklage und Richter Manfred Götzl. 

Bence Toth wird abgeführt.

Aber es gibt auch Spuren, die Toth eher entlasten. Böhringer war aufbrausend, hatte Feinde. Einer Freundin soll sie gesagt haben, sie habe Angst, bald ermordet zu werden. Von wem, sagte sie nicht. Laut Gutachten wurden die tödlichen Schläge von einem Rechtshänder geführt – Benedikt Toth ist Linkshänder. Toth unterzog sich einem Lügendetektortest – und bestand. Und es gibt eine mysteriöse DNA-Spur, deren Herkunft bis heute unklar ist. 

Die Spur wurde an einem Weinglas in Böhringers Spülmaschine gefunden sowie am Griff einer Kommode – und passt zu einer Spur aus einem anderen Mordfall. Dem Fall Ursula Herrmann. Die Zehnjährige wurde 1981 entführt und erstickte in einer Kiste unter der Erde. An einer Schraube der Kiste fand sich eine identische DNA-Spur. Wie die Fälle zusammenhängen, konnte nicht geklärt werden. Die Spur ist aber interessant, weil Böhringer kurz vor ihrem Tod noch einen Besucher gehabt haben könnte, der bei ihr Wein trank. Eine Freundin hatte ausgesagt, sie habe mit Böhringer eine Flasche Wein geöffnet, aber kaum davon getrunken. Gegen 17.20 Uhr sei sie gegangen. Eine gute halbe Stunde später war Böhringer tot. Die Ermittler fanden die Flasche leer vor. Böhringer selbst hat sie aber nicht geleert, das beweist die Obduktion. Wer also hat den Wein getrunken? Benedikt Toth? Oder der Mann, dessen Spur sich am Weinglas in der Spülmaschine fand – und an der Kiste? Hatte Böhringer vielleicht einen bis heute unbekannten Besuch? 

Ein Teddy liegt noch in der Diele auf einem alten Schrank.

„Diese unbekannte DNA-Spur verfolgt uns die ganze Zeit“, sagt Peter Witting, der Anwalt der Familie. Er sitzt neben dem quirligen Swartzberg, wirkt erschöpft. Jahrelang hat er die Zweifel rauf und runter gebetet, ohne Gehör zu finden. Die Revision wurde abgewiesen, der Wiederaufnahmeantrag abgelehnt. Eine Verfassungsbeschwerde ist eingereicht, über diese ist noch nicht entschieden. „Juristisch gesehen ist alles ausgeschöpft, was es gibt“, sagt er. „Ich bin mit meinen Möglichkeiten am Ende, ganz einfach.“ 

Jetzt sucht die Familie andere Wege. „Wir wollen, dass sich die Politik mit dem Fall beschäftigt“, sagt Mate Toth. Ein Ausschuss könnte sich mit dem Fall beschäftigen, hofft der 38-Jährige, „im Landtag oder im Bundestag“. Wo neue Beweise herkommen sollen, weiß er freilich nicht. Man habe Privatdetektive beschäftigt – „die haben unsere Situation nur finanziell ausgenutzt“. Über Hellseher habe man sogar Kontakt ins Jenseits gesucht. Mate Toth sagt das, als sei es das Normalste der Welt. Anwalt Witting schweigt. 

Bences Eltern sitzen immer noch in der Ecke. „Unser Leben ist ruiniert“, sagt Benedikt Toth senior. „Wir haben kein Weihnachten mehr, keine Geburtstage. Aber das Schlimmste ist, dass wir Bence nicht mehr haben.“ Emese Toth wischt sich über die Augen. Sie hat ihre Schwester Charlotte verloren, und ihren Sohn Bence. „Eine doppelte Tragödie“, sagt ihr Mann. Fünf Stunden im Monat ist die Besuchszeit, die sie sich mit anderen teilen müssen. Bences Freunden, seiner Freundin, und einer Journalistin, die zwei Dokumentationen zum Fall gedreht hat. Die erste wird am 14. November bei Vox ausgestrahlt (20.15 Uhr) . Eine zweite soll im Frühjahr im ZDF folgen. Es werde Neues zu sehen geben, sagt Swartzberg. Was, sagt er nicht. 

Das Parkhaus in der Baaderstraße - hier geschah der Mord.

Warum Bence plötzlich Relevantes preisgeben sollte, das er im Prozess verschwieg? Bence habe sich damals ohnmächtig gefühlt, gedacht, ihm glaube sowieso niemand, sagt Swartzberg. „Es war ein Fehler, dass wir uns damals so verschlossen gegeben haben“, sagt auch Mate Toth. 

Nun also läuft die Offensive. Bence schreibt in der JVA Straubing gerade ein Buch. „Über sein unbeschwertes Leben und was dann passiert ist im Mai 2006“, sagt Swartzberg. „Es geht in dem Fall um Fakten.“ Sieht man der Familie ins Gesicht, geht es eher um Hoffnung. Das Gericht hat auf besondere Schwere der Schuld erkannt. „Mit 23 bis 26 Jahren muss man rechnen“, sagt Witting. Benedikt Toth könnte noch lange einsitzen.

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