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München international: Oliver Böhm und Stefanie Schmidhuber auf der Landwehrstraße. 

Große Serie: Polizeiinspektionen in München

PI 14: Vom Bahnhofs-Basar bis zur Isar

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Der Münchner Merkur und die tz starten ihre große Serie über die Münchner Polizei. Brennpunkte, Schwerpunkte und kuriose Fälle: Wir haben das für jedes Viertel zusammengefasst. Heute: die PI 14 für die Ludwigs- und Isarvorstadt und das Westend. 

München - Es ist ein riesiger Basar mit ganz eigenen Regeln, ein Sammelbecken der Kulturen, gewachsen in Jahrzehnten: das südliche Bahnhofsviertel. Schwer durchschaubar, meistens friedlich – und ganz plötzlich doch auch ein Pulverfass mit sehr kurzer Lunte. Wenn sich Ärger anbahnt, sind die Beamten der Beethovenwache zur Stelle. Die Zuständigkeit der PI 14 reicht bis weit in die Isarvorstadt. 

An manchen Tagen streifen Polizeihauptkommissar Oliver Böhm (50) und Polizeiobermeisterin Stefanie Schmidhuber (30) bewusst in Zivil durch die Straßen des südlichen Bahnhofsviertels – seit Monaten der Dauer-Brennpunkt in der Stadt. Denn: „In der Uniform sind wir hier oftmals nur Zweiter.“ Der Beweis ist schnell geführt: Angesichts der beiden Uniformierten verstummen Gespräche, Blicke werden wachsam. „Wir haben es hier oft mit Menschen zu tun, die in ihren Herkunftsländern schlechte Erfahrung mit der Polizei gemacht haben“, erzählt Böhm. Einige Männer wechseln tatsächlich die Straßenseite, andere verschwinden im nächsten Laden. Wieder andere grüßen betont lässig. Ja, man kennt sich. Aber man hält Abstand. Der Bettler, gerade noch sehr aktiv, bedeckt rasch seine Verstümmelung und erstarrt. „Sobald wir weg sind, singt er wieder und klappert mit der Geldbüchse,“ vermutet Oliver Böhm. Meistens bleibt es bei einer Ermahnung. Auch mit einem Lächeln. Empathie ist Teil des ungeschriebenen Leitbildes der Beethovenwache, die Polizeidirektor Hans Reisbeck (57) sogar konkret fordert von seinen 40 weiblichen und 130 männlichen Beamten. Einige von ihnen sprechen türkisch, serbisch, italienisch und die pakistanische Amtssprache Urdu – sehr willkommen in einem Inspektionsbereich, in dem 32 Prozent der Bewohner Ausländer sind.

Die Bettler sind nicht das Problem

Die Bettler sind nicht das große Problem. Auch nicht der Hauptbahnhof selbst, der seine eigene Inspektion hat. Das Problem sind die Trinker, die im Umfeld des Bahnhofs pöbeln und schlägern. Auch die Dealer und ihre Kunden sowie junge, unbegleitete männliche Flüchtlinge, die auch mal ethnische Konflikte auf der Straße austragen. Und dann ist da noch die Partyszene aus der Innenstadt, die nachts ins Bahnhofsviertel kommt.

Die PI 14 bearbeitete 2015 insgesamt 2852 Delikte der Straßenkriminalität, darunter 65 Wohnungseinbrüche, 232 Kfz-Delikte, 60 Trickbetrügereien und 43 Fälle illegaler Prostitution. Zudem ereigneten sich 96 Raubüberfälle, 398 gefährliche und schwere Körperverletzungen, 55 Sexualdelikte sowie fünf vollendete und versuchte Tötungsdelikte. Zudem wurden 1334 Drogendelikte verfolgt – ein Kontrolldelikt, das ständig steigt, weil gerade rings um den Hauptbahnhof immer mehr kontrolliert wird.

Strenges Vorgehen gegen Drogenkonsum

Wo Gewalt und Drogen im Spiel sind, endet augenblicklich jede Empathie. Das gilt auch für die Szene im Nußbaumpark. Böhm: „Wir dulden keinen Drogenkonsum und schon gar keine Spritzen am Spielplatz.“ Zum PI-Bereich gehören 800 Gaststätten und 150 Hotels – 60 Prozent der gesamten Übernachtungskapazität in München.

Nußbaumpark: Treffpunkt für Trinker und Süchtige. 

Menschenmassen im Bahnhofsviertel

Eine große Herausforderung für die Beethoven-Wache ist die Sicherheit der enormen Menschenströme im Bahnhofsviertel. Im Herbst die sieben Millionen Wiesnbesucher, die in allen nur denkbaren Gemütszuständen Tag und Nacht durchs Viertel toben. Dazu täglich 450.000 Reisende am Hauptbahnhof und ständige Touristenströme. Und das alles in einem babylonischen Sprachgewirr. Dazu begleiteten die Beamten im vergangenen Jahr noch 600 Veranstaltungen und 200 Versammlungen.

Bilder: Auf Streife mit der PI 14 vom Westend bis zur Isar

Nicht immer geht alles gut: Während der Oktoberfeste 2014 und 2015 verunglückten zwei Wiesngäste aus Dänemark und Australien auf der Bayer- und Landsberger Straße tödlich. Auch die Lindwurm-, Kapuziner- und Fraunhoferstraße gehören zu den stark befahrenen Innenstadt-Achsen. Immer hat die Beethoven-Wache sieben, oft bis zu zehn Streifenwagen auf der Straße. 3900 Unfälle geschahen 2015. Meist blieb es bei Blechschäden und Parkremplern, aber es gab auch 464 Verletzte und einen Toten. 90.000 Knöllchen (246 täglich) haben die Damen der Parküberwachung verteilt. Parken in zweiter Reihe führt ständig zu Beschwerden.

Problem-Schwerpunkt Klinikviertel

Der Übergang vom Bahnhofs- ins Klinikviertel an der Schillerstraße ist abrupt. Das von Pförtnern und Schranken bewachte Klinikviertel ist kein Kriminalitäts-Schwerpunkt, dennoch arbeitsreich: „Wir begleiten täglich Transporte von psychisch Kranken, Drogensüchtigen oder aggressiven Betrunkenen“, erzählt Böhm. Rund 400 solche Einsätze gab es allein im Jahr 2015.

Jung und lebendig zeigt sich der Mittelpunkt der Isarvorstadt, das Trendviertel Gärtnerplatz. Viele Gaststätten, eine große Open-Air-Szene speziell auf dem Gärtnerplatz – das führt öfter zu Ärger mit den Anwohnern. Die Situation hat sich zwar zuletzt etwas beruhigt. Allerdings sind Ruhestörungen im gesamten Revierbereich mit rund 1500 Beschwerden jährlich ein Dauerthema.

Die Reviergrenze läuft entlang dem Isarufer

Die Reviergrenze verläuft an der Isar und am Europäischen Patentamt. Letzteres ist exterritoriales Gebiet, das die Polizei nur in Absprache betreten darf. Auf dem Gehsteig der Erhardtstraße wurde im Mai 2013 der Ingenieur Domenico Lorusso (31) im Streit von einem Unbekannten erstochen. Ein ungeklärter Mord, bis heute Thema im Viertel.

Hinauf geht die Fahrt zur Schwanthalerhöhe, ins neue Messegelände und tief ins Westend. Das war früher als Glasscherbenviertel verrufen. Doch das alte Arbeiterviertel hinter der Augustiner-Brauerei mit seiner Schwemmen- und Stüberl-Kultur und den verwinkelten Hinterhöfen hat sich herausgeputzt. Finstere Ecken sind heute begrünt, jeder Hinterhof hier hat viele Augen. Böhm: „Praktisch für uns. Einer hat immer was gesehen.“ Früher lebten hier viele Ausländer. Doch ihr Anteil sinkt, wie auch der Anteil der älteren Menschen. Dennoch funktioniert das soziale Miteinander. Genauso wie im Schlachthofviertel, einem traditionelle Wohn- und Handwerkerviertel. Viele alte Münchner leben hier, und unter ihnen so manches liebenswerte Original. Zum Beispiel Maßschneider Georg Dimakopoulos, der in seiner Werkstatt an der Zenettistraße 47 ost Polizei-Besuch bekommt. Der 81-Jährige repariert mit seiner 54 Jahre alten Pfaff-Nähmaschine fachkundig alte Lederjacken.

Ein Original: Lederschneider Georg Dimakopoulos repariert alte Polizeijacken.

Bleibt noch als Herzstück die 42 Hektar große Theresienwiese, wo bald das Frühlingsfest und dann der Flohmarkt kommt, wo ab Juli die Wiesn und bald danach das Winter-Tollwood aufgebaut wird. Hier bekommt die PI stets Verstärkung, jedoch arbeiten auch viele Beethoven-Polizisten in der Wiesnwache. Böhms Blick fällt auf das Mahnmal des Wiesn-Attentats vom 26. September 1980 mit 13 Toten. „Es gab 211 Verletzte damals. Die werden oft vergessen.“

Wer so viel sieht, kehrt am Ende seiner Schicht dankbar zurück in das eigene, geordnete Leben. Die Not vieler Menschen hat auch Stefanie Schmidhuber verändert: „Seit ich hier arbeite“, sagt sie nachdenklich, „habe ich einen anderen Blick aufs Leben.“

Der Fall aus dem Viertel: Tödlicher Stich aus verschmähter Liebe

Natallia G. wurde 2013 ermordet.

Sie war einen Schönheit und ihr grauenhafter Tod schockte im März 2013 das Bahnhofsviertel: Aus verschmähter Liebe erstach der Ex-Soldat Jurij S. (47) am 5. März 2013 die Bardame Natallia G. (35) in der Tabledancebar „Kapitol“ an der Arnulfstraße. Es war sein erster Abend in Freiheit, nachdem er wegen versuchten Mordes eine lange Haftstrafe abgesessen hatte. Natallia habe ihn angeblich „kleiner Pinguin“ genannt und eine Beziehung mit ihm abgelehnt. Da drehte S. durch: Er stieß der jungen Frau ein Messer in den Bauch. S. wird den Rest seines Lebens im Gefängnis verbringen.

Die PI 14 in Zahlen: „Die Beethovenwache“

Die ganze Welt tummelt sich im dicht besiedelten Bereich der PI 14 in der Beethovenstraße 5 im Westend. Die meisten Münchner kennen sie als „Beethovenwache“. Im Inspektionsbereich leben fast 83 000 Menschen auf 6,1 Quadratkilometern. Die Reviergrenzen formen auf der Landkarte ein Riesen-Herz mit Delle. In der Herzensmitte die Theresienwiese umfasst das Gebiet das ganze südliche Bahnhofsviertel bis zum Altstadtring, das Gärtnerplatzviertel und das neue Wohnviertel an der alten Messe, das Schlachthofviertel, die Schwanthalerhöhe und eben das ehemals wilde Westend, das so wild gar nicht mehr ist, sondern ziemlich „angesagt“ und damit zunehmend chic und teuer. In der PI 14 arbeiten 170 Beamte. Das entspricht einem Polizisten auf 426 Einwohner. In den Jahren 2015 und 2016 fuhren die Beamten jeweils rund 27.000 Notrufeinsätze. Ebenfalls jährlich müssen 10.000 Straftaten bearbeitet werden. Zum Revier gehören u.a. Justizpalast, Circus Krone, der Zentrale Omnibusbahnhof (ZOB), mehrere Auslandsvertretungen, der Bayerische Rundfunk sowie 30 Schulen.

Das sind die weiteren Folgen:

Maxvorstadt: Das Studentenviertel kämpft mit Dieben und Rasern.

Sendling: Der starke Verkehr beherrscht den Arbeitsalltag der Beamten

Bogenhausen: Einbrüche machen einen Löwenanteil der Straftaten im Nobelviertel aus.

Pasing: Einbrecher und der Verkehr prägen die Polizeiarbeit.

Au & Haidhausen: Tag und Nacht Einsätze in Haidhausen, am Ostbahnhof und in der Kultfabrik

Perlach: Streitereien, Ruhestörungen und Ladendiebstähle kommen hier oft vor.

Westend & Ludwigsvorstadt: Das Südliche Bahnhofsviertel und der Gärtnerplatz halten die Beethoven-Wache auf Trab.

Neuhausen: Einbrüche, Trickdiebstähle und das Strafjustizzentrum sind hier Schwerpunkte.

Giesing: Das Viertel der Geschichte und Geschichten. Fußball ist allgegenwärtig – auch bei der Polizei.

Altstadt: Touristen, Taschendiebe und die Feierbanane machen der Polizei Arbeit.

Olympiapark: Hier sind die Schwerpunkte die vielen Veranstaltungen.

Planegg: Grüne Idylle mit schwarzen Fleckchen. Einbrüche sind hier das Problem.

Grünwald: Die Isar und ihre zahlreichen Sport- und Freizeitmöglichkeiten bestimmen den Arbeitsalltag der Polizei.

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