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Florian Scheungraber blickt auf die Namen der Studenten, die ums Leben kamen.

Tragisches Unglück

Münchner Geheimnisse: Was es mit der Eskimo-Tragödie auf sich hat

München - München ist eine Stadt voller Geheimnisse und Geschichten, von denen selbst manche Münchner nichts wissen. In unserer Serie „Münchner Geheimnisse“lüften wir einige von ihnen. Heute geht es um eine fröhliche Studenten-Veranstaltung mit tragischem Ende.

Es ist das größte Kreuz auf dem Alten Münchner Südfriedhof. Aber weil es zwischen hohen Bäumen steht, übersieht man es leicht. „Ruhestätte der am 18. Februar 1881 verunglückten Künstler“, steht auf der Tafel im Sockel. Darunter sieben Namen von Männern, von denen der jüngste 17 Jahre alt war. „Sie waren alle Studenten der Münchner Akademie der Bildenden Künste“, sagt Florian Scheungraber von den Städtischen Friedhöfen München. Das Unglück, das sie alle das Leben kostete, erlangte damals als „Eskimo-Tragödie von München“ europaweit traurige Berühmtheit. Heute kann mit dem Begriff kaum ein Münchner etwas anfangen.

„Die jungen Männer waren alle an einer Theateraufführung bei einer Faschingsveranstaltung in Kil’s Colosseum im Glockenbachviertel beteiligt“, erzählt Scheungraber. „Das Motto hieß ‚Eine Reise um die Welt‘ und sie hatten sich das Thema Antarktis ausgesucht.“ Um das Thema optisch umzusetzen, hatten sich die Studenten für ihren Auftritt im damals größten Vergnügungspalast der Stadt Eisbären- und Eskimokostüme aus Jute, weißer Watte und Schafsfell gebastelt. Keine schlechte Idee – eigentlich. „Zum Stück gehörte es auch, dass sie ein Iglu aus Pappmaché und Eisberge aus Gips und Holz auf die Bühne stellten. Sie entzündeten auf einer Tonne eine Talgkerze und brieten Heringe darüber“, erzählt der Friedhofsexperte.

Das wiederum war keine gute Idee: Schon zu Beginn der Aufführung fing eines der Kostüme kurz Feuer. „Das ließ sich aber noch schnell löschen“, weiß Scheungraber. Die mehr als 3000 Feiernden im Saal des Colosseum nahmen davon nichts wahr. Die Bühnendarsteller ließen sich nichts anmerken, setzten ihr Stück fort und spielten der Katastrophe entgegen. Denn als gegen Mitternacht der 32 Jahre alte Adolf Görke aus Breslau den Flammen zu nahe kam und sich die Watte an seinem Kostüm entzündete, ließ sich das Feuer nicht einfach ausklopfen. Die anderen elf Schauspieler warfen sich schützend auf ihn – ohne Erfolg. „So schnell wie der Gedanke steht der ganze Mann vom Scheitel bis zur Sohle in helllodernden Flammen, im Nu ein Zweiter – in den Saal stürzen zwei Feuersäulen, weit um sich einen gewaltigen Funkenregen verbreitend“, wird ein Augenzeuge später von der Presse zitiert.

Daran, dass sich in jeder Hütte ein Eimer mit Wasser befand, dachten sie in ihrer Todesangst nicht. „Das Kostüm verbrannte blitzartig und die Flammen griffen auf die Verkleidung der anderen Schauspieler über“, sagt Scheungraber. Wie lebende Fackeln seien die Studenten erst über die Bühne und dann durch den Saal gerannt. Diejenigen Zuschauer, die den Ernst der Lage erkannten und nicht für eine spektakuläre Showeinlage hielten, überschütteten die Männer mit Getränken, um sie zu löschen. „Viele im Saal bekamen davon überhaupt nichts mit“, kommentiert Scheungraber kopfschüttelnd. „Die Musik spielte so laut, dass die Schmerzensschreie nicht zu hören waren. Es brach noch nicht einmal Panik aus, obwohl es nur einen Ein- und Ausgang gab.“

Die Feuerwehr griff ein und konnte die Flammen löschen – die Tragödie dauerte nur vier Minuten. Doch für die meisten Studenten kam die Hilfe zu spät. Während die Faschingsparty weiterging, trugen Helfer die sterbenden Bildhauer vor die Tür. Noch in der Nacht erlagen sechs der Männer, deren Namen auf der Tafel am Friedhofskreuz genannt sind, ihren Verletzungen. Drei weitere starben später im Krankenhaus. Sieben Opfer wurden auf dem Südfriedhof beigesetzt. „Der Trauerzug war einer der längsten, die München gesehen hatte“, schließt Florian Scheungraber die Geschichte am Friedhofskreuz. 1881 war der Münchner Fasching damit frühzeitig beendet, ähnliche Veranstaltungen wurden abgesagt. Doch schon im nächsten Jahr ging das bunte Treiben weiter – mit verschärften Sicherheitsbedingungen und erhöhten Brandschutzauflagen.

Das Buch "Münchner Geheimnisse" kostet 14,90 Euro und kann im Internet unter www.heimatshop-bayern.de/geheimnisse bestellt werden. Erhältlich ist es ab Anfang November. 190 Seiten; ISBN 9783981679670.*

Lesen Sie hier die bisherigen Folgen unserer Serie von den "Münchner Geheimnissen":

Als es im Volksbad noch "Hundstage" gab

Das Schöne Tor in der Kaufinger Straße

Christian Ude und die verbotene Party

Wo es in München eine Arme-Sünder-Glocke gibt

Die Zwiebelhauben der Frauenkirche

Die Kanonenkugel vom Alten Peter

Heike Thissen

*Alle Preise inkl. MwSt. und zzgl. Versandkosten.

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