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Graffiti-Künstler Loomit beim Anlegen des Rasters, an dem sich die Sprayer bei der Arbeit an der großen Wand orientieren. Der starke Regen gestern erzwang allerdings eine Sprühpause. So kam erstmal nur Herr Düsentrieb als Figur hinzu.

Tag 3 für unser Pressehaus-Graffito

Loomit im Interview: „Wir haben in München schon immer Meilensteine gesetzt“

Tag 3 für unsere Mauer am Pressehaus von tz und Münchner Merkur. Künstler Loomit erklärt uns im Interview, was Arbeit des Graffiti-Künstlers ausmacht und warum München eine besonders streetart-freundliche Stadt ist. 

München - Zuerst kamen Fixpunkte, dann wurde ein Raster angelegt, an dem sich die Sprayer orientieren können. Sonst würden Loomit und WonABC an der über 20 Meter hohen Wand bei der tz und Münchner Merkur irgendwann die Orientierung verlieren. Wie es aussieht, wenn es mal noch höher werden sollte, fragten wir den Graffiti-Künstler Loomit. 

Was ist Ihr Höhenrekord? 

Loomit: 48 Meter waren es schon mal. Ab dieser Höhe wird es ohnehin lächerlich. Wenn man den Arm des Steigers dann runterschaut auf das Chassis des Lifts, das eigentlich 16 Meter hat, aber plötzlich so klein erscheint wie dein Daumennagel. Man steht da einfach auf einer 48 Meter langen Stange, die man auch noch bewegen kann. Es ist aber auch so, dass man in 100 Meter Höhe so groß malen müsste, dass es keinen Sinn mehr macht. Das müsste dann ein 100 Meter langes Bild sein. 

Loomit bei der Arbeit. 

Wäre das auf einem Steiger zu gefährlich? 

Loomit: Wenn es zu hoch wird, dann macht es eher Sinn, die Wand einzurüsten. Dann kann man auch zu mehreren arbeiten auf verschiedenen Etagen. Man sieht halt das Ergebnis nicht sofort, wie etwa bei der Hebebühne jetzt. 

Ist ein Projekt schon einmal am Material gescheitert? 

Loomit: Man findet immer irgendwie eine Lösung. Am Material scheitert selten ein Projekt.Wenndie Hebebühne nicht funktioniert, weicht man auf ein Gerüst aus und so weiter

Wenn aber so mehrere am Gerüst arbeiten, ist schnell mal einer runtergefallen, oder? 

Loomit: Man muss schon aufpassen und keine Farben auf Klapptüren stellen, sonst fliegt der Eimer gen Erde. Ein paar Regeln muss man befolgen auf so einem Gerüst. 

Die meisten Menschen denken eher, dass hier Graffiti-Künstler spontan ihre Ideen auf die Mauer bringen ... 

Loomit: Ja, diese Vorstellung, ein paar Jungs laufen da rum und drücken auf Dosen, dann kommen die tollen Bilder raus. Das muss man schon alles zeichnen können, selbst die „wilden Buchstaben“. Das Sprühen ist mehr Handwerk, als es sich die Leute vorstellen. 

Sie haben in den Achtzigern mit Graffiti begonnen. Hat sich das Handwerk und Werkzeug viel verändert seit damals? 

Loomit: Das hat sich komplett verändert. Alleine die Qualität der Lacke. Da ist kein Vergleich zwischen dem, was wir heute verwenden und dem damaligen Material. Jetzt haben wir fast schon paradiesische Zustände. Es gibt die Tätigkeit, etwa eine Wand in einem Krisengebiet über Nacht hinstellen, es gibt Auftragsarbeiten, oder gemeinsame Aktionen mit Kollegen. 

Es wächst und wächst. das Kunstwerk an der wand zum Pressehaus. 

Was macht am meisten Spaß? 

Loomit: Das hängt von vielen Dingen ab. Eine kleine Wand in der Karibik zu gestalten ist schon ein ziemlicher Aufreger, und wenn sie noch so klein ist. Jede Wand, die wir malen, gebiert eine eigene Geschichte. Am Schluss hat man zwar ein fertiges Produkt, aber alles was geschehen ist, bis es fertig war, gehört mit zur Geschichte. Es geschieht ja auch alles im öffentlichen Bereich, da kommt jeder vorbei und gibt seinen Senf ab. Da schreit vielleicht ein Nachbar aus dem Fenster, dass man doch bitte keinen Hund malt, weil er Hunde nicht mehr sehen kann.

Sie haben den Weg aus dem illegalen Sprühen zum legalen gefunden. Gibt es eigentlich noch so viele illegale Sprayer wie in den Achtzigern?

Loomit: Das ist ein gleichbleibender Level. Die Bahn hat mit ihren neuen Schallschutzwänden quasi ein ganzes Arbeitsprogramm geschaffen (lacht). Richtung Dachau oder Rosenheim gibt es Kilometer fette Schallschutzmauern. Das lockt viele, sie auch zu gestalten. Und S-Bahnen werden ja auch immer noch bemalt. 

Woran liegt es, dass München so eine lebendige Szene hat?

Loomit: Man muss einfach akzeptieren, dass München, was Graffiti und Streetart angeht, schon seit 30 Jahren sehr vorbildlich ist. Die Stadt ist einfach kunstaffin. Das war die erste Stadt, in der ein Professor herumgelaufen ist und Graffiti fürs Stadtarchiv fotografiert hat. Die Bewohner sind viel verständnisvoller für Graffiti als in anderen Städten. In Köln und Berlin ist alles ein wenig aggressiver. In München waren immer schon eher die Ästheten. Und das Tiefbauamt hat zum Beispiel immer wieder für Plätze gesorgt. Das ist vorbildlich. Das gibt es in ganz Deutschland sonst nirgendwo. Wir haben in München immer Meilensteine gesetzt. Die ersten großen Wände gab es hier.

Lesen Sie auch: Tag zwei an unserer Streetart-Wand: Graffiti-Star WonABC im Interview: „Wir sprühen weiter!“

Der Steiger - Stairway to Graffiti

Einigermaßen schwindelfrei sollte man sein, wenn man den Korb des 20-Tonnenschweren Steigers betritt. Bis in etwa 40 Meter Höhe kann einen das Fahrzeug emporhieven. Dort oben lässt sich der lange Arm dann noch einmal 24 Meter nach rechts und links schwenken – aber bitte angeschnallt! 

Die Firma Roggermaier stellte den Steiger zur Verfügung für die Georg Elser gewidmete Streetart-Aktion – eine Kooperation von tz, Magic City, der Stadtsparkasse München und der Färberei. Die Graffiti-Künstler Loomit und WonABC sind natürlich versierte Steigerfahrer. Schon oft nutzten sie solche Kräne für ihre Arbeit an großen Fassaden in aller Welt. Über 50 Meter, erklärt Loomit im obenstehenden Interview, sind dann allerdings eher Gerüste sinnvoll, an denen auch mehrere Sprüher gleichzeitig nebeneinander arbeiten können – nach gewissen Regeln. Dafür ist die Übersicht im Steiger aber viel besser.

Braucht ganz schön viel Platz: Der Steiger im Hof des Pressehauses. 

Eine große Streetart-Schau gibt es übrigens bei Magic City in der Kleinen Olympiahalle – bis 3. September. Geöffnet täglich außer Mo. von 10–18 Uhr, Sa., 10–22 Uhr. Karten 15 Euro.

Antonio Seidemann

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