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Toter im Glockenbachviertel
Waffennarr versuchte noch, eine Bombe zu zünden
- VonAngelo Rychelschließen
München - Als die Polizei vor seiner Tür stand, hat ein 32-Jähriger versucht, eine selbst gebastelte Bombe zu zünden. Danach erschoss er sich. Die Beamten wollten ihm seine Pistolen abnehmen.
Christian Kaya saß gerade beim Frühstück, als er die Polizisten vor seinem Haus hörte. Er trat auf seinen Balkon und sah, wie immer mehr Beamte vorfuhren. „Das war ein Riesen-Tumult“, sagt der 55-Jährige, der an der Holzstraße 51 im zweiten Stock wohnt. Ehe er sich versah, klopfte es an seiner Tür. Eine Polizistin rief: „Raus jetzt“. Im Treppenhaus kam Kaya weißer Rauch entgegen – aus der Wohnung im ersten Stock, die kurz zuvor eine Spezialeinheit der Polizei gestürmt hatte. Dort fanden die Beamten die Leiche eines 32-jährigen Waffenbesitzers. Der Mann hatte sich selbst erschossen. Zuvor hatte er offenbar noch versucht, eine selbstgebastelte Bombe zu zünden.
Es war ein vermeintlicher Routineeinsatz, der plötzlich eskalierte. Am Mittwoch suchen Mitarbeiter der Waffenbehörde gegen 8 Uhr die Wohnung im ersten Stock auf, um dem Mann zwei Schusswaffen der Marke Glock abzunehmen. Bis September 2013 besaß der 32-Jährige als Sportschütze eine Waffenerlaubnis. Nachdem er jedoch keinem Verein mehr angehörte, wurde ihm die Waffenbesitzkarte entzogen. Weil den Mitarbeitern keiner öffnet, fordern sie einen Schlüsseldienst und Amtshilfe der Polizei an. Als der Dienst die Tür öffnen will, hören die Beamten Zischgeräusche. Dann einen lauten Knall. Weißer Rauch dringt aus der Wohnung. Die Polizisten verständigen ein Sondereinsatzkommando und die Feuerwehr. Jetzt muss es schnell gehen.
SEK-Beamte rammen die Tür auf, drinnen schlägt ihnen dichter Rauch entgegen. Der 32-Jährige liegt tot in der Wohnung, eine Wiederbelebung schlägt fehl. In der Wohnung findet die Polizei zehn 5-Liter-Kanister, an denen Zündvorrichtungen befestigt sind. Darin befindet sich laut Polizei eine „brandfördernde Flüssigkeit“. Drei davon hatte der Bewohner noch versucht anzuzünden, sie waren im Wohnbereich, in der Küche und hinter der Wohnungstür platziert. An ihnen war jeweils eine Leuchtfackel befestigt. „Zu einem richtigen Brand kam es zum Glück nicht“, teilt die Polizei mit. Dann wäre der Schaden vermutlich weitaus größer ausgefallen. Weil die Polizei Explosionen fürchtet, evakuiert sie das Haus. Wenger deutet an, dass es sich bei dem 32-Jährigen um einen „Waffennarr“ handelte. Die Polizei findet noch Gaspistolen sowie Messer, Pfeffersprays und Elektroschocker in der Wohnung.
Bis in den späten Nachmittag durchsucht ein Sprengstoffteam des Bayerischen Landeskriminalamts die Wohnung, öffnet vorsichtig Schublade für Schublade. Die Anwohner werden in einem Bus untergebracht, manche setzen sich in einem Café ins Warme. Unter ihnen ist Thomas T. Der 66-jährige Taxler trägt noch seinen Pyjama. Als die Polizei klopfte, blieb keine Zeit mehr zum Umziehen. „Im Haus kannte ihn niemand“, sagt er über den Nachbarn aus dem ersten Stock – so berichten es auch andere Anwohner.
Auch gegenüber Polizei und Kreisverwaltungsreferat (KVR) war der 32-Jährige bisher nicht auffällig geworden. So erklärt das KVR auch, wieso über ein Jahr verstrich, bis dem Mann seine Waffen weggenommen werden sollten. Denn der Waffenbehörde wurde schon zum Jahreswechsel 2012/2013 durch den Sportverein mitgeteilt, dass der 32-Jährige nicht mehr Mitglied sei. Das KVR wartete einige Monate ab und schrieb ihm im Mai, dass er nachweisen müsse, in einem Verein Schießsport zu betreiben.
Der 32-Jährige antwortete nicht, ebenso wenig auf die folgenden Briefe des KVR im Mai, Juli und August. Am 26. September erhielt der Mann schließlich den Bescheid, dass seine Waffenbesitzkarte widerrufen werde. Laut KVR geschah dies in München vergangenes Jahr insgesamt 50 Mal. Der 32-Jährige wurde vor die Wahl gestellt, die zwei Pistolen einer berechtigten Person, etwa einem anderen Sportschützen, zu übereignen, sie unbrauchbar zu machen oder sie der Waffenbehörde zu übergeben. Wieder erwiderte der Mann auch auf mehrmaliges Nachhaken und Bußgeldbescheide nichts. Laut KVR wurde daraufhin die Sicherstellung der Waffen angeordnet, Mitarbeiter trafen den 32-Jährigen aber nicht in seiner Wohnung an. Im März erwirkte das KVR einen Durchsuchungsbeschluss, der gestern ausgeführt werden sollte.
Toter im Glockenbachviertel - Bilder vom SEK-Einsatz
Toter im Glockenbachviertel - Bilder vom SEK-Einsatz




Sprecherin Kristin Nettelnbrecher betont, der Mann habe bisher „keinerlei auffälliges Verhalten“ gezeigt. Der gestrige Vorfall sei daher „nicht vorhersehbar“ gewesen: „Das war ein völliger Standard-Fall.“ Zudem müsse man bei jedem Schritt „Anhörungsfristen“ verstreichen lassen. Sicherheitsbelange müssten stets mit den Rechten des Waffenbesitzers abgewogen werden.
Angelo Rychel