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Hinterhof am Frankfurter Ring 228: ­Roland Suttner vor dem ­Eingang zur Boxfabrik.

Das Aus nach 30 Jahren

Aus und vorbei: Technischer K.o. für die Boxfabrik

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München - Die Boxfabrik in Milbertshofen muss nach über 30 Jahren schließen. Das Gebäude wird abgerissen. Es entsteht - natürlich - ein modernes Geschäftshaus.

Der Frankfurter Ring 228, die Heimat der legendä­ren Boxfabrik. Ein paar Meter östlich werden Autoteile verkauft, hundert Meter westlich beginnt die A9, es gibt schönere Gegenden in München. Im vorderen Teil des Gebäudes, das bald abgerissen wird, versucht sich ein asiatischer Schnellimbiss, geht man ein paar Schritte weiter nach hinten in den Hof, steht man vor dem Eingang – wenn man aufmerksam ist, denn das Gym mutet mehr einer Baustelle an. „Es war eine schöne Zeit“, sagt Roland Suttner.

Die Betonung liegt auf war, die Boxfabrik, Suttners Baby, in der Größen wie Virgil Hill und die Klitschkos trainierten, muss nach über 30 Jahren schließen. Der Grundstückseigentümer wollte lange alles plattmachen, Suttner versuchte das zu verhindern. Jetzt ist Schluss, es entsteht ein feines Geschäftshaus – technischer K.o. für die Boxfabrik. Suttners Familie ist in den Osten der Republik umgezogen. Er selbst ist noch hier, weil es immer noch den Boxsportartikelhandel gibt und weil Suttner einen Traum hat: „Ein Sportcafe im Erdgeschoss, kombiniert mit einem Boxmuseum im ersten Stock, das wär’s.“ Adäquate, bezahlbare Räumlichkeiten hat er noch nicht gefunden, über die Hilfe der Stadt oder eines Boxgönners wäre er froh. „Das Museum stelle ich mir als größere Ausstellung für Boxnostalgiker vor. Schmeling und Maske sind den heutigen Jugendlichen ja oft kein Begriff mehr.“

Wer die 32 Stufen hinauf steigt in Suttners altes Reich, passiert verblichene Fotos vieler Boxhelden, die an glorreiche Zeiten erinnern. Die Umkleideräume sind vollgepackt, teilweise mit potenziellem Museumsmaterial, nur ein Boxring ist noch übrig, der hintere Teil des 1000 Quadratmeter großen Areals ist entkernt. Suttner erzählt der tz noch einmal die Geschichte der Boxfabrik, seiner Geschichte. Wer ihm zuhört, merkt schnell, Boxen, das ist sein Leben.

Menschlich verbindet ihn mehr mit Hill, finanziell mit den Klitschkos

Das Gebäude steht kurz vor dem Abriss.

Der gebürtige Nürnberger war Ausbilder bei der Bundeswehr, das Studium zog ihn nach München. Mit dem Boxsport kam er 1977 in Verbindung oder 1978, Suttner weiß es nicht mehr so genau. Jedenfalls hatte es mit Muhammad Ali zu tun, der früher Cassius Clay hieß. „Ich habe seinem Trainer Angelo Dundee ein Fahrrad besorgt, damit der im Englischen Garten neben Ali herfahren kann, wenn der joggt“, erzählt Suttner. Auch die deutschen Stars Graciano Rocchigiani, Axel Schulz & Co. buckelten bei ihm. Mit Virgil Hill verbindet ihn eine enge Freundschaft, er war sein Trainer und Manager. Auch Vitali und Wladimir Klitschko kennt er gut. „Vitali ist authentischer und russischer, der lag mir näher. Ihn habe ich als 17-Jährigen in Paris gesehen und wollte ihn für eine Kickboxgala gewinnen, aber damals standen noch Sportfunktionäre im KGB-Stil um ihn herum“, sagt Suttner. Menschlich verbindet ihn mehr mit Hill, finanziell mit den Klitschkos. Er wählte Sparringspartner aus, was einfacher klingt, als es war, organisierte Kämpfe und war mitverantwortlich für deren Vorbereitung im mondänen Stanglwirt. Beinahe wäre er Wladimirs Coach geworden, aber sein Stil passte dem nicht.

Suttner ist autoritär und geradlinig, er machte keinen Unterschied zwischen dem Nachbarsjungen oder einem hohen Tier seines Projekts Managerboxen: „Man muss die Menschen mögen, das tue ich, das bedeutet aber nicht, dass man besonders nett sein muss. Ich spiele nie eine Rolle. Den Suttner kann man nicht mieten, den gibt es so, wie er ist, oder nicht.“ Punkt. Aus.

Ökonomisch ist das nicht. „Ich habe zu wenig Geld verdient, ich habe nie auf Geld geschaut, sonst hätte ich nur Managerboxen veranstalten dürfen, das ist eine Schwäche von mir.“ Erfolgreich war die Boxfabrik trotzdem. Mit der TU München hatte Suttner über viele Jahre einen Vertrag, pro Semester schwitzten 50 bis 100 Stundenten bei ihm. Zudem organisierte er den ersten Frauenkampf, der unter Aufsicht des Amateurboxverbands stattfand. Und logisch, auch Regina Halmich boxte bei ihm. Finanzielle Unterstützung durch das Rotlichtmilieu war nie nötig. „Wir haben das Boxen da rausgerissen, das Rotlicht hatte nie Einfluss bei uns.“ Im Gegenteil, auch Georg „Hammerschorsch“ Steinherr reihte sich in die illustre Gästeliste, machte aber nie auf dicke Hose.

Noch nicht ausgeträumt

Neben den Sportlern fand auch der Film gefallen an der Boxfabrik, die für rund 200 Streifen als Kulissen diente. Götz George, Horst Tappert und Helmut Dietl, Suttner hat sie alle getroffen. Besonders Dietl behielt er in Erinnerung. Der war vor zwei Jahren bei ihm, um einen Boxsack für seine Tochter zu kaufen. Die beiden unterhielten sich, am Ende klopfte ihm Dietl auf die Schulter: Wir sehen uns nicht mehr, ich habe Krebs.

Bisher konnten die Mitglieder noch trainieren, während des tz-Termins schaute ein BMW-Manager vorbei. Selbst wenn Suttner wollte, die neuen Mietkosten könnte er sich nicht mehr leisten. Früher berappte er über 10 000 Euro im Monat, der Betrag würde sich verdoppeln. Aber wie gesagt, ganz ausgeträumt hat Suttner noch nicht. Mit Aktion Handschlag, einem Projekt für den fairen Umgang untereinander, will er durch Deutschland touren. Und ein bisschen Boxtraining würde er gerne in der Cafe-Museums-Kombination anbieten. Nur nicht mehr im Ausmaß der legendären Boxfabrik, die zeitweise 1000 Mitglieder fasste und das größte Boxgym in Deutschland war. Diese schöne Zeit ist vorbei. 

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