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So sieht der neue „Erinnerungsort aus.

Erinnerungsort vorgestellt

45 Jahre nach dem Olympia-Massaker: So gedenken wir der Opfer

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45 Jahre nach dem Münchner Olympiaattentat soll eine Gedenkstätte am Lindenhügel am Kolehmainenweg an die zwölf Opfer erinnern.

München - Ein markanter Einschnitt in den Lindenhügel am Kolehmainenweg zwischen Mittlerem Ring und Olympischem Dorf: Das ist der Erinnerungsort, mit dem Stadt, Land und Bund 45 Jahre nach dem Münchner Olympiaattentat den zwölf Opfern „ihr Gesicht und ihre Vita wiedergeben“ wollen. So drückte es Kultusminister Ludwig Spaenle (CSU) aus, der die Gedenkstätte am Montag vorstellte. 

Kultusminister Ludwig Spaenle (CSU) bei der Vorstellung der Gedenkstätte.

Die Biografien der Opfer werden hier rund um die Uhr zu sehen sein. Auf einer Videowand ist der blutige Überfall palästinensischer Terroristen auf die israelische Olympiamannschaft dokumentiert und in den historischen Kontext eingeordnet. Architekt Peter Brückner ist es gelungen, einen offenen und dennoch geschützten Raum zu schaffen, der, „die Menschen und ihre Erinnerungen aufnehmen kann“. Morgen soll der „Einschnitt“-Erinnerungsort offiziell enthüllt werden – im Beisein von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, Israels Staatspräsident Reuven Rivlin und Angehörigen der Opfer. Was viele nicht verstehen können: Die deutschen Sportler von 1972 wurden nicht eingeladen! Speerwerfer Klaus Wolfermann: „Das ist mehr als peinlich. Das wäre ein Muss gewesen. Gerade weil wir einige der Opfer auch selbst gekannt haben.“

Das sagen die Bewohner im Haus der Geiselnahme

Hier ist es passiert: Das Haus Nummer 31 in der Connollystraße im Olympischen Dorf stürmten auf den Tag genau vor 45 Jahren acht Mitglieder der palästinensischen Terrororganisation „Schwarzer September“. Sie nahmen elf Mannschaftsmitglieder als Geiseln. Zwei Israelis starben bereits in den ersten Stunden der Geiselnahme, am Abend verloren auf dem nahen Militärflugplatz Fürstenfeldbruck alle verbleibenden neun Geiseln, ein deutscher Polizist und fünf der Terroristen ihr Leben. 

In diesem Haus im Olympiadorf begann die Geiselnahme.

Die Wohnanlage in der Connollystraße ist nach wie vor bewohnt. Seit 1985 lebt Marget Wagener (62) mit ihrem Ehemann direkt gegenüber. „Natürlich sind wir uns der Geschichtsträchtigkeit des Ortes bewusst – man läuft schließlich auch jeden Tag an dem Denkmal vorbei“, sagt die 62-Jährige zur tz. Silvio H. (45) war früher Eigentümer einer der Wohnungen, in denen sich die dramatischen Szenen abspielten. Dass ein neues Denkmal errichtet wurde, hält er für eine gute Idee. Die Gedenktafel vordem damaligen Quartier der Israelis reiche allein nicht aus, um an die schrecklichen Ereignisse zu erinnern. „Das Gedenken ist wichtig, eine schlichte Tafel ist zuwenig, um die Menschen ausreichend darauf aufmerksam zu machen“, findet der Diplomkaufmann. 

„Wie man an der heutigen internationalen Lage sehen kann, haben die Leute nicht genug daraus gelernt.“

jk, kw

„Danach war die Welt eine andere“

Der 3. September 1972 warder goldene Tag von Klaus Wolfermann: Mit 90,48 Metern wurde der Speerwerfer Olympiasieger –die Presse umjubelte ihn als „den kleinen Riesen mit dem goldenen Arm“. So überwältigend der Erfolg – so schrecklich dann das Attentat. Der heute 71-Jährige sagt: „Danach war die Welt eine andere.“

Wolfermann, der heute in Penzberg wohnt, erinnert sich, wie damals alles begann: „Schon allein die Euphorie: Wie wird das Olympiagelände aussehen?“ Dann die Besucherströme, und wie sich alle mit Olympia identifizierten: Das sind unsere Spiele! Und dann erst im Stadion: „Es herrschte pure Begeisterung! Jedem Athleten wurde applaudiert, egal aus welchem Land er stammte. Es war einfach wunderschön.“

Doch dann kam der 5. September. Wolfermann schlief in der Nacht vorher bei seinen Schwiegereltern in München. „In der Früh hat mich mein Schwiegervater geweckt: Da ist etwas passiert.“ Wolfermann eilte ins Deutsche Haus und erfuhr von der Geiselnahme. Es folgte eine atemlose Zeit: „Es gab viele Spekulationen, Warnungen. Man hat Heide Rosendahl und mir geraten, Personenschutz in Anspruch zu nehmen. Alles ist immer furchtbarer geworden, man war bedrückt, kam nicht zum Schlafen. Es herrschte Totengräberstimmung.“

Einer der Geiselnehmer auf dem Balkon.

Für Wolfermann besonders schlimm: Er kannte einige der ermordeten israelischen Sportler, besonders den Gewichtheber Josef Romano, von einem Trainingslager persönlich. „Da siehst du das Ganze noch mal mit anderen Augen. Da kam die Angst durch.“ Dennoch – dass die Spiele fortgesetzt wurden, war das einzig Richtige, meint der Goldmedaillengewinner: „WenndamalsSchlussgewesen wäre – das wäre der Tod der olympischen Idee gewesen.“ Bis heute fragt sich Klaus Wolfermann: Was, wenn sein glorreicher Wettkampf erst nach dem Attentat stattgefunden hätte? „Wir waren geistig erschöpft. Ob ich den Wettkampf dann auch so erfolgreich bestreiten hätte können?“

ast

Ulrike Meyfahrt: „Zu Tode betrübt“

Sie war das „Goldkind“: Hochspringerin Ulrike Meyfahrt (51) war 16, als sie 1972 in München die Medaille holte. In der tz erinnert sie sich: „Die Olympiade war zuerst ein sehr heiteres Ereignis. Der Künstler Otl Aicher hatte ja das Erscheinungsbild für die Münchner Spiele kreiert–eine freundliche, helle, luftige Farbgestaltung. Und genauso war die Stimmung. Ich fand das alles toll.“ Es war ja ein „Heimspiel“, erzählt die Hochspringerin. „Das Publikum stand komplett hinter mir. Wie eine Wand. Nach jedem Sprung ging der tosende Applaus los – irre.“ Von der Geiselnahme am 5. September bekommt Meyfahrt zunächst nichts mit.„Mein Apartment war abgewandt vom Geschehen. Ich habe keine Schüsse gehört, nichts.“ Sie geht morgens in die Mensa, dort hört sie von Hochsprungkolleginnen: Da ist ein Attentat passiert. „Für mich fiel die Stimmung von himmelhochjauchzend zu zu Tode betrübt. Ich konnte es nicht begreifen.“ 

Die Athleten bleiben vor den Fernsehern sitzen. „Wir hatten alle Angst.“ Ulrike Meyfahrt ist froh, dass die Spiele nach dem Attentat nicht beendet wurden. „Es hieß: Jetzt erst recht. Wir können uns dem Willen der Attentäter nicht beugen.“

Die besten und wichtigsten Geschichten aus diesem Teil Münchens posten wir auch auf der Facebookseite „Milbertshofen – mein Viertel“.

ast

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