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Angela Oeltjen (r.) und andere Bewohner flogen aus dem Boardinghaus.

Nach Zwangsauszug

Boardinghaus: Bewohner wollen Stadt verklagen

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Das Drama um die Menschen, die vor Ostern das Haus Am Neubruch räumen mussten, ist noch nicht ausgestanden. Nun wollen Bewohner die Stadt verklagen. Diese liegt seit Jahren mit dem Betreiber im Clinch.

München - Angela Oeltjen will die Stadt verklagen. Die 60-Jährige gehörtzu den 180 Bewohnern, die am Gründonnerstag überstürzt die Unterkunft Am Neubruch in Moosach räumen mussten. Nun wohnt sie in der Bayernkaserne und sagt: „Die letzten Tage waren die Hölle.“

In Haus 12 auf dem früheren Militärgelände in Freimann sind die Menschen vorübergehend untergekommen. Die chronische Schmerzpatientin Oeltjen, die zuvor ein Einzelzimmer hatte, wohnt nun im Dreierzimmer. Der enge Kontakt zu den anderen Bewohnern – von denen viele psychisch schwer krank sind, Alkoholiker, Drogenabhängige – ist für sie kaum zu ertragen. Eine Frau habe sie bedroht, sie schlafe kaum, hinsetzen könne man sich wegen der Stockbetten nicht und kochen nur draußen in Containern.

Über Ostern seien sie von der Volksküche versorgt worden, auch die Münchner Tafel sei vor Ort. Doch die Auflagen in der Bayernkaserne irritieren Oeltjen. Da Alkohol auf dem Gelände verboten sei, versammelten sich die Trinker vorm Tor. Mit dem Sicherheitsdienst komme sie nicht klar: „Die duzen uns, brüllen uns an.“

Natürlich ist die 60-Jährige froh, dass sie nicht auf der Straße gelandet ist. Dass die Stadt sie vor einem möglichen Rauswurf durch den Hausbetreiber in Moosach, die 2-Rent Group, bewahrt hat. Trotzdem reicht es ihr. Auch weil sie glaubt, dass das Sozialreferat schon früher wusste, dass es mit Firmeninhaber Alexander El Naib Probleme geben würde.

Vertrag soll ungültig sein - Kommt nun eine Sammelklage?

Mithilfe eines Anwalts will sie nun das Wohnungsamt verklagen. Dieses hatte die Belegungsvereinbarung mit der 2-Rent Group geschlossen – doch der Vertrag sei ungültig: El Naib sei rechtskräftig verurteilt gewesen, als er ihn unterzeichnete. Auf dieser Basis will sie gegen die Stadt ziehen: „Ich werde auf jeden Fall klagen.“ Auch andere Bewohner trafen sich gestern mit einem Anwalt, um die Chancen einer Sammelklage auszuloten.

Wie es weitergeht, ist noch unklar. Mitarbeiter in der Bayernkaserne berichten, dass dort gerade ein anderes Haus bezugsfertig gemacht wird mit separaten Trakten für Männer, Frauen und Paare. Das Sozialreferat konnte dies gestern nicht bestätigen.

Derweil gibt es seit Jahren Streit zwischen der Stadt und El Naib. Das Sozialreferat habe „bereits mehrfach negative Erfahrungen“ mit der 2-Rent Group gemacht, so eine Sprecherin. So habe die Firma bereits Bewohner aus einem anderen Objekt vertragswidrig zum Jahresende 2016 vor die Tür gesetzt. Nach diesen Erfahrungen habe die Stadt vor Ostern lieber rasch gehandelt: El Naib hatte die „Einstellung des Betriebes über die Osterfeiertage“ angekündigt.

El Naib sagt, er habe nie mit Rauswurf gedroht. Die Stadt habe für März eine unwirksame Zahlungsanweisung übermittelt und ihre Vorauszahlungen für April bis Juli nicht geleistet. Er wehrt sich gegen Vorwürfe der „Abzocke“: Die 2-Rent Group sei kein Wohnungsvermieter, sondern ein Hotelbetreiber. Zudem beklagt er die „schwierige Klientel: Messies, Fäkalverschmierer“. Das Sozialreferat teilt mit, es habe für März gezahlt, aber keine weiteren Vorauszahlungen geleistet, weil El Naib die Vereinbarung für 2017 nicht unterzeichnet habe. Die Sprecherin bestätigt gerichtliche Auseinandersetzungen.

Im Februar 2016 wurde das Sozialreferat vom Direktorium informiert, dass El Naib rechtskräftig verurteilt ist – unter anderem wegen vorsätzlicher Insolvenzverschleppung. Weil er dann aber die Geschäftsführung abgab, sei eine außerordentliche Kündigung vor dem regulären Datum 31. Juli 2017 nicht möglich gewesen.

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