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Es gibt einige Gärten in der Borstei - der Rosengarten zählt zu den schönsten.

Serie: So wohnen die Münchner

Gelebte Gemeinschaft: Münchner leben in der Borstei ohne Alltagsstress

Wenn man mit offenen Augen durch die Stadt geht, findet man sie noch: unberührte Wohnjuwele, die aus der Zeit gefallen scheinen. So wie die Borstei. Ein Portrait über eine Siedlung, in der die Millionenstadt München noch ein Dorf ist.

Mooasch - Wer an der ockergelben Rauputz-Fassade vorbeifährt, kann nicht erahnen, was für ein Kleinod sich in den Innenhöfen verbirgt. So ging es auch Manfred Gerber, als er zu Studiumszeiten das erste Mal die Borstei betrat - und sich verliebte. Jahre später, als er mit seiner Frau eine Wohnung suchte, erinnerte er sich an seine Jugendliebe an der Dachauer Straße.

„Wir haben in der Borstei vorbeigeschaut und ließen uns auf die Warteliste setzen - es war Glück, dass gerade jemand ausgezogen war“, sagt der 63-Jährige. Das war vor zwölf Jahren. Seither wohnt er mit seiner Frau Susanne Heyn (53) in der Borstei - und will nie wieder weg.

Unter dem Torbogen fällt der Alltagsstress ab

„Wenn wir durch den Torbogen in die Borstei radeln, fällt der ganze Alltagsstress ab“, sagt Gerber. Das Paar ist daheim. Angekommen in einem städtebaulichen Juwel. Bauunternehmer Bernhard Borst ließ die „Mustersiedlung“ in den Jahren 1924 bis 1929 errichten, um Mietern aus der bürgerlichen Mittelschicht ein schönes und sorgenfreies Zuhause zu bieten.

Die dörflichen Strukturen sind nach wie vor erhalten. Die Mieter bekommen die wichtigsten Dinge des alltäglichen Bedarfs in der Ladenzeile mit Supermarkt, Bäcker, Metzger, Café und Apotheke. Eigene Handwerker kümmern sich um anfallende Reparaturarbeiten und auch die Wäscherei gibt es noch.

Fühlen sich pudelwohl: Manfred Gerber und Susanne Heyn sitzen in ihrem Esszimmer und lassen das Alltagsstress vor dem Torbogen.

Original der Eber-Skulptur aus der Innenstadt steht in Borstei

Das Ehepaar wohnt seit zwölf Jahren in der Siedlung im zweiten Stock. Wenn das Fenster offen ist, kann man den Neptun-Brunnen plätschern hören. „In der Siedlung gibt es mehr als 60 Skulpturen. Der Eber, der vor dem Jagdmuseum in der Innenstadt steht, ist nicht das Original. Das steht bei uns.“

Die künstlerisch ausgeschmückten Gärten laden zum Lustwandeln in der Natur ein, und obwohl die Häuser auf den ersten Blick einheitlich wirken, sind die handgeschmiedeten Gitter über den massiven Eichentüren alle individuell gestaltet. „Es wurden nur hochwertige Materialien für den Bau verwendet.“ Die Parkettböden in den Wohnungen sind aus slowenischer Eiche, ebenso die Treppenhäuser. Wer heute in der „kultivierten Mustersiedlung“ wohnt, weiß das zu schätzen. Es gibt eine strenge Hausordnung. „Grillen in den Gärten darf man nicht.“

Bäcker, Metzger, Apotheke: In der Borstei gibt es eine eigene Ladenzeile.

Martinsumzug oder Ostereiersuche für Kinder

Die Bewohner selbst, darunter viele Künstler und Musiker, fördern in zahlreichen Arbeitskreisen das kulturelle und gemeinschaftliche Leben in der Borstei. „Wir veranstalten Feste und Konzerte sowie viele Aktionen für die Kinder, sei es der Martinsumzug oder die Ostereiersuche.“ Die Mietpreise in der Siedlung variieren stark - je nach Lage und Stockwerk können sich auch Menschen in unteren Einkommensgruppen die Miete leisten. „Wir haben auch Alleinerziehende mit mehreren Kindern hier.“

Die Bewohnerschaft habe sich im Laufe der Jahrzehnte gewandelt. Früher hätten viele ältere Leute in der Borstei gewohnt - Väter und Mütter von mittlerweile erwachsenen Kindern, die in den großen Wohnungen wohnen blieben, nachdem ihre Kinder ausgezogen waren. Als sie starben, kamen junge Familien nach. „Jetzt wohnen wieder viele Familien hier. So war es von Bernhard Borst gedacht und das freut uns.“

Hier lässt es sich leben: Blick in den Innenhof der Borstei.

Die bisherigen Teile der Serie

Teil 1: So wohnt München: Bei Uhrensammler Werner Stechbarth in der Au tickt es

Teil 2: 160-Quadratmeter-Bungalow, Pool und großer Garten - und das in München! Zu Besuch bei den Bewohnern

Daniela Schmitt

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