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Die Bewohner mussten am Mittwoch raus aus ihren Zimmern am Neubruch.

„Das klang wie ein Räumungskommando“

Raus hier, Sie haben 3 Stunden! Wohn-Drama um 180 Münchner

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180 Wohnungslose mussten am Donnerstag binnen weniger Stunden aus ihrer Unterkunft Am Neubruch in Moosach raus. Nach Angaben der Stadt wollte der Betreiber sie an Ostern auf die Straße setzen. Die Menschen kamen in der Bayernkaserne unter.

München - Vor dem Haus für Wohnungslose Am Neubruch 39 bis 41 in Moosach stapeln sich am Gründonnerstag Umzugskisten. Daneben Fahrräder, Wäscheständer, vollgepackte blaue Säcke und Einkaufstüten. Es ist das Hab und Gut der Bewohner, die ratlos und wütend daneben stehen. Innerhalb weniger Stunden mussten sie alles zusammensuchen. Kurz vor den Osterfeiertagen mussten sie raus aus ihren Wohnungen. Ein kurzes Klopfen an der Tür, und plötzlich hieß es für 180 Bewohner: alles einpacken.

Die Bewohner mussten vieles zurücklassen

„Das klang wie ein Räumungskommando“, erinnert sich Samantha (19). „Wir konnten noch nicht einmal alles mitnehmen, so schnell musste alles gehen“, sagt ihr Freund Damian. Vor allem Lebensmittel blieben in den Kühlschränken liegen. Auch Michael Gregorz (53) musste vieles zurücklassen. „200 bis 250 Euro einfach in die Tonne“, sagt er wütend. „Das erstattet mir doch keiner!“ Bewohner, die morgens in die Arbeit gefahren waren, kamen abends zurück und fanden ein leeres Haus vor.

Samantha C. und Damian S.

Angela Oeltjen (60) ist chronische Schmerzpatientin, darf nicht mehr als ein Kilo heben. „Da war das schnelle Packen fast nicht möglich“, sagt sie aufgewühlt. Trotzdem ist sie froh, dass die Stadt zumindest eine Ersatzunterkunft in der Bayernkaserne gefunden hat. „Die wollten uns schließlich am Ostersonntag einfach vor die Tür setzen!“

Der Betreiber drohte mit Kündigung an den Feiertagen

„Die“, das ist die 2-Rent Group, die Wohnungen auf Zeit anbietet und in diesem Fall mit der Stadt zusammengearbeitet hat. Diese hatte hier wohnungslose Münchner untergebracht. Der genaue Grund für die Kündigung ist unklar. In einer Stellungnahme der Stadt wurde der abrupte Umzug in die Bayernkaserne mit einer angedrohten Kündigung von Seiten der 2-Rent-Group begründet. Hier heißt es, die Betreiberin drohte damit, den Betrieb einzustellen und die Verträge mit den Bewohnern über die Ostertage zu kündigen. Damit diese an den Feiertagen nicht plötzlich auf der Straße stehen, musste gehandelt werden.

Am alten Quartier Am Neubruch hängt inzwischen ein Zettel der 2-Rent Group. Hier ist die Rede von ausstehenden Zahlungen seitens der Stadt und einer damit zusammenhängenden Schließung über die Feiertage. Auch die Bewohner kennen die Gründe für ihren überstürzten Umzug nicht. „Irgendwas läuft krumm“, mutmaßt Michael Gregorz. „Von welcher Seite auch immer.“ Dass das Haus geschlossen werden soll, sei hingegen keine große Neuigkeit, sagt der 53-Jährige. „Das ist seit zwei Jahren Thema.“

Die Stadt brachte die Menschen in die Bayernkaserne 

Untergekommen sind die Menschen vorübergehend im Haus 12 in der Bayernkaserne. Dort sind auch die offiziellen Kälteschutzräume der Stadt. Betreut werden die Menschen dort von Mitarbeitern des Evangelischen Hilfswerks. Am Mittwochnachmittag erreichte Bereichsleiter Anton Auer der Hilferuf der Stadt, man müsse dringend Menschen aus dem Haus Am Neubruch vorübergehend in der Bayernkaserne unterbringen. Kurzerhand wurde dafür der ganze Westflügel des Hause, wo zum Teil Familien untergebracht waren, komplett geräumt. Die letzten Bewohner zogen in den Ostflügel um. „Mittwochnacht wurde noch alles grundgereinigt“, sagt Auer. Hinter dem Haus wurden Küchencontainer mit 14 Kochstellen für die neuen Bewohner aufgestellt. Die Lösung ist nur vorübergehend: In ein bis zwei Wochen sollen sie in zwei andere Häuser auf dem Gelände kommen, die momentan renoviert werden.

Betreiber fiel schon öfter auf

Es ist nicht das erste Mal, dass die 2-Rent Group GmbH wegen ihres Mietgebarens auffällig wurde. Bereits im Mai 2013 war sie in die Schlagzeilen geraten, weil eine vierköpfige Familie im gleichen Haus auf elf Quadratmetern lebte – für eine Miete von 578 Euro. Ein ähnlicher Fall sorgte zwei Jahre später für Aufsehen: wieder eine vierköpfige Familie, diesmal auf 20 Quadratmetern zum stolzen Preis von 950 Euro. Vermieter in beiden Fällen: die 2-Rent Group.

Wut und Enttäuschung sitzen bei den Bewohner tief. „So kann man doch mit Menschen nicht umgehen“, sagt Gregorz. „Und es war auch noch mein Geburtstag.“

Lisa-Marie Birnbeck und Doris Richter

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