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Fall Brunner: Erstmals spricht die Mutter eines Täters

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Der couragierte Dominik Brunner wollte Kinder beschützen und bezahlte dafür mit seinem Leben. © dpa

München - Erstmals seit der Ermordung von Dominik Brunner sprach nun die Mutter eines der Täter im ARD-Magazin Report München. Im Zimmer ihres Sohnes ­Markus fand sie erschütternde Zeilen.

In einer bemerkenswerten Dokumentation zeigte das ARD-Magazin Report München am Montagabend noch einmal die Tragödie um den Mord an Dominik Brunner (50) am Sollner S-Bahnhof. Der Geschäftsmann wurde am 12. September von zwei Schlägern zu Tode getreten, als er sich schützend vor vier Kinder gestellt hatte. Die Täter Markus S. (18) und Sebastian L. (17) sitzen in Haft.

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In der Dokumentation spricht erstmals die Mutter eines Täters. Sie fand im Zimmer des Sohnes handgeschriebene Songtexte voller Wut auf sein Leben und die Welt. Erklärungen für seine Tat fand sie nicht, ­begegnet dem Verbrechen mit völliger Rat­losigkeit. Auch Staatsanwalt, Ermittler und Betreuer kommen zu Wort. Der Versu­ch der Aufarbeitung einer unfassbaren Tragödie:

Die Filmemacher

Sie haben Sabine S., die Mutter des Täters Markus S. (18),

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mehrere Male getroffen, stundenlange Gespräche mit ihr geführt: Redakteurin Birgit Kappel und der freie Autor Uwe Walter, die beiden Autoren des Films im ARD-Magazin Report München. „Eine Durchschnittsfamilie“, so beschreiben Kappel und Walter die Verhältnisse, in denen Täter Markus S. aufgewachsen ist. Alle vier Kinder seien Wunschkinder gewesen. Die Mutter habe das Familienleben – zumindest bis zur Pubertät von Markus – als schön empfunden. „Die Frau fragt sich, wie das passieren konnte. Sie ist völlig ratlos“, sagt Birgit Kappel. „Ich kann ihr natürlich nicht in den Kopf schauen. Aber ich nehme es ihr ab. Sie wirkt sehr authentisch.“

Solln: Die Trauer am Bahnsteig

Auf die Sendung gab es eine Flut von Zuschauer-Reaktionen. „Wir hatten Zuschriften von Eltern, deren Kinder ihnen langsam entgleiten. Die sich hilflos fühlen und Angst haben, dass der eigene Nachwuchs in die Kriminalität abrutschen könnte“, sagt Kappel. Was sie mit dem Beitrag erreichen wollte – der Film beschreibt ja in erster Linie das Leben der Täter, die Opferfamilie kommt nicht vor: „Familie Brunner wollte vor der Kamera nicht mit uns sprechen, das haben wir respektiert. Natürlich muss man aufpassen, dass man die mutmaßlichen Täter nicht als Opfer darstellt. Solch eine Tat ist durch nichts zu rechtfertigen. Aber gerade, weil die Mutter so normal wirkt, glaube ich, dass die Menschen noch mehr darüber nachdenken. Es besteht ein großer Diskussionsbedarf bei Eltern, Kindern, der ganzen Gesellschaft.“

Die Mordkommission

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Markus Kraus, Leiter der Münchner Mordkommission: „ Zum jetzigen Zeitpunkt ist es so, dass keiner der Täter irgendwelche Angaben gemacht hat, aber auch nicht irgendwie die Tat bereut oder bedauert hätte.“ Die Tat selbst schilderte Kraus so: „Nach kurzer verbaler Auseinandersetzung kam es dann schon zu den ersten Tätlichkeiten, in deren Verlauf sich auch der Herr Brunner kurzzeitig wehren konnte (...). Das hat dann offensichtlich dazu geführt, dass die Täter so eskaliert sind, dass sie mit Füßen und eben mit den Händen auf ihn eingetreten und eingeschlagen haben.“

Der Psychiater

Professor Dr. Norbert Nedopil, forensischer Psychiater der Uniklinik München: „Wer als Außenseiter Depressionen hat und ein Mann ist – der lebt gefährlich. Die meisten Männer begehen dann Selbstmord oder machen einen Selbstmordversuch (...) oder werden aggressiv. Aggression ist häufig bei Jugendlichen ein Zeichen von Depression.“

Die Täter

Markus S. (18) wuchs in Johanneskirchen in bürgerlichen Verhältnissen auf. Er ist das zweitälteste von vier Kindern in einer anscheinend glücklichen Familie. Auf allen Familienfotos lacht der blonde Bub fröhlich: Markus mit den Geschwistern, Markus auf seinem Spielzeug-Polizeimotorrad, Markus auf dem Trampolin, Markus beim Eishockeytraining. Den Sprung auf die höhere Schule schafft er nicht, macht mit Mühe den Hauptschulabschluss. Sein Leben gerät aus den Fugen. Er hat Sorgen, aber er spricht nicht darüber. Lieber lungert er im Zamilapark herum, gibt sich cool, prahlt mit seinem Knastaufenthalt wegen schweren Raubes. Sein Vorbild ist sein großer Bruder, ebenfalls ein Krimineller. Hinter der coolen HipHop-Fassade aber verbirgt sich ein zerrissene Seele. Erst nach der Ermordung Dominik Brunners findet die Mutter in seinem Zimmer Dutzende handgeschriebener Songtexte. Ein Auszug: „Zügel Deine Wut. Was ist der Sinn meines Lebens, ich finde ihn nicht. Ich hab kein Vertraun, bin deswegen unberechenbar. Mein Leben is am Ende, es gibt jetzt keine Wende, ich muss jetzt alles beenden, am besten mein Leben. Ich hab Probleme und kann mit keinem drüber reden.“ Er zeichnet auch düstere Bilder und textet dazu: „In einer schlechten Welt, versuchst Du Dich zu betäuben, um Ausgleich zum Alltag zu suchen. Is this good? Ich glaub nicht! Du? Was willst Du tun gegen eine verlorene Seele?“ Im Gegensatz zu Markus schafft Sebastian L. (17) nicht mal den Hauptschulabschluss. Seine Kindheit ist ein Drama: Er leidet unter einer Darmkrankheit. Die Eltern lassen sich scheiden. Die Mutter lebt als Pflegefall im Heim. Der Vater stirbt. Sebastian betäubt sich regelmäßig mit Cannabis und Alkohol. Er lebt eine Weile in einer Giesinger Jugendpension, zieht später ins Sendlinger easyContactHouse für drogengefährdete Jugendliche um. Doch auch dort lässt er sich kaum noch helfen.

Die Skater vom Zamilapark

Markus und Sebastian saßen in der Freizeit oft im Zamilapark herum und sahen den Kids vom Gymnasium beim Skateboarden zu. Ein Skater: „Die hatten viel zu viel Freizeit und kein Ziel. Sie haben halt ihren Tag gefüllt mit irgendwelchen sinnlosen Sachen wie Drogen konsumieren. Wenn man zu viel Freizeit hat, kommt oft was Blödes dabei raus.“

Die Mutter

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Sabine S., die Mutter von Täter Markus. © Report München

Sabine S., die Mutter eines der Täter, kriegt das Bild vom Totschläger einfach nicht zusammen mit dem Bild, das sie von ihrem Sohn Markus hat: „Wir wissen nicht, was schief gelaufen ist, wo was schief gelaufen ist“, sagt sie im Interview mit ­Report München. „Bis er ungefähr 14, 15 war, war eigentlich alles ganz normal.“ „Dass er es nicht auf die höhere Schule geschafft hat, hat nicht gerade positiv zu seinem Selbstbewusstsein beigetragen“, glaubt die Mutter. Sie wollte nicht, dass Markus so oft in den Zamilapark geht, hatte gehört, dass sich dort Drogendealer herumtreiben. Abhalten konnte sie ihren Sohn nicht – und glaubt heute, dass er dort im Park in falsche Gesellschaft geraten und abgerutscht ist. „Wir sehen die Ursache dort, definitiv.“ Über seine Songtexte sagt sie: „Da wird man nachdenklich und auch ein bisschen wütend, weil er sich uns nicht offenbart hat, weil er ja nicht darüber gesprochen hat, sondern alles in sich reingefressen hat.“ Sabine S. fragt sich oft, was sie falsch gemacht hat: „Ich kann jetzt nicht sagen, bei dieser und dieser Situation, da hätten wir vielleicht anders reagieren sollen. Uns fällt nichts ein. Wir würden es wahrscheinlich wieder so machen.“ Nicht, weil es ihr egal ist, wie die Geschichte ausgegangen ist – mit dem Tod des unschuldigen, couragierten Dominik Brunner. „Das finde ich ganz schlimm. Das tut mir wirklich total leid.“ Aber die Mutter weiß einfach nicht, was sie falsch gemacht hat, was sie hätte besser machen sollen in der Erziehung ihres Sohnes Markus. Der mit 18 zum Totschläger wurde.

Die Kollegen

Dominik Brunner war Vorstandsmitglied der Erlus AG in Neufahrn. Die Belegschaft (550 Mitarbeiter) verzichtet heuer auf die Firmen-Weihnachtsfeier und spendet das Geld lieber an die nach ihrem Chef benannte Dominik-Brunner-Stiftung.

Die Therapeuten

Helmut Berger, Leiter der Jugendpension Wohnhilfe e.V.: „Sebastian war ein junger Mann, der sehr schüchtern wirkte, sehr introvertiert, mitunter traurig, als würde er unter einer enormen Last ­stehen.“ Ludwig Lugmeier, Betreuer in der Jugendpension, Wohnhilfe e.V.: „Das war so seine Scheinwelt, in die er sich geflüchtet hat, um mit seiner ganzen persönlichen Problematik nicht konfrontiert zu werden, bzw. so wenig wie möglich konfrontiert zu werden, also einfach flüchten, flüchten, flüchten.“ Frederik Kronthaler, Cheftherapeut, easyContact House: „Wir können keine Garantie abgeben, dass 100 Prozent der Jugendlichen, die wir betreuen, danach keine Drogen mehr nehmen und auch alle eine Berufsausbildung ­beenden und ihren Weg nehmen.“

Die Staatsanwaltschaft

„Niedrige Beweggründe machen als Motiv einen Totschlag zu einem Mord“, sagt Staatsanwalt Laurent Lafleur. „Wenn man jemanden, der bereits am Boden liegt, wehrlos, hilflos, noch weiter gegen den Kopf tritt, gehen wir davon aus, dass der Täter die Möglichkeit erkennt, dass sein Opfer zu Tode kommen wird.“ Passanten hätten sich im Übrigen vorbildlich verhalten: „Alle Zeugen haben ihr Mögliches getan, um einzugreifen.“

tz

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