Autos stehen in München im Stau.
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Staus in der Münchner Innenstadt: Eine neue Gebühr soll helfen.

Gebühr gegen Blechlawine

Mautpläne für München: Müssen Autofahrer künftig blechen? Verbandsvertreter reagiert mit markigen Worten

  • vonAndrea Stinglwagner
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München steht kurz vor dem Verkehrskollaps. Eine Lösung muss her. Eine Gebühr für Innenstadt-Fahrten soll gegen das Verkehrsproblem helfen. Was sie kosten soll und wer zahlen muss.

München - München, die Stau-Stadt! Die Blechlawinen werden immer schlimmer. Jetzt hat das ifo-Institut mit Unterstützung der Industrie- und Handelskammer München und Oberbayern (IHK) eine mögliche Lösung des Verkehrsproblems erforscht: eine Anti-Stau-Gebühr für alle Kraftfahrzeuge, die innerhalb des Mittleren Rings unterwegs sind! Die Rechnung: Je teurer es wird, desto weniger Leute fahren ins Zentrum. Die tz erklärt die Details:

Wie hoch wäre die Gebühr? Sechs Euro pro Tag pro bewegtem Fahrzeug – ob Lkw, Auto oder Motorrad.

Wer muss zahlen? Jeder, der unterwegs ist, auch Anwohner oder Taxifahrer.

Was ist das Ziel? Autofahrer sollen dazu bewegt werden, auf Bus, Tram, Bahn oder das Radl umzusteigen, um sich die Gebühr zu sparen. Wer das nicht kann, profitiert von weniger Verkehr auf den Straßen. Laut Studie könnte die Gebühr den Verkehr innerhalb des rund 28 Kilometer langen Mittleren Rings um durchschnittlich 23 Prozent senken, in Spitzenzeiten sogar um 33 Prozent.

Wie soll die Gebühr erhoben werden? Die technischen Fragen wurden in der Studie zunächst nicht behandelt. Es gebe „viele Möglichkeiten“.

Was ist mit Leuten, die wenig Geld haben? Es soll keine Ausnahmen geben – auch nicht für Ältere oder Gehbehin­derte. Soziale Härten durch die Gebühr könnten mithilfe der Einnahmen abgefedert werden – zum Beispiel durch eine verkehrsmittelunabhängige Mobilitätshilfe oder Sozialtickets für den MVV. Die Gebühr solle auch in den Ausbau des ÖPNV-Netzes fließen.

Was bringt die Anti-Stau-Gebühr im Vergleich zu anderen Konzepten? Bei einer Pkw-Maut stehe die Erzielung von Einnahmen im Vordergrund – bei der Anti-Stau-Gebühr dagegen wolle man das gerade nicht. Ziel sei, dass Autofahrer auf andere Verkehrsmittel umsteigen oder gleich daheimbleiben. Würden nur die öffentlichen Verkehrsmittel günstiger, würde das auch nur eine mögliche Alternative fürs Auto begünstigen.

Auswirkungen auf Handel und Tourismus: Die Fahrten von Touristen und Kunden in die Innenstadt würden durch die Gebühr „nicht merklich weniger“. Das zeigten Vergleiche mit Städten wie London mit ähnlichen Gebühren.

Wann könnte die Gebühr kommen? Laut den Forschern in der zweiten Hälfte der 2020er Jahre. Die Gebühr sei nun erst einmal zur Diskussion gestellt. Jetzt kann sich die Politik damit beschäftigen.

Reaktionen auf Anti-Stau-Gebühr - viel Skepsis

Wie sind die Reaktionen? Geteilt – und mit viel Skepsis bei den Entscheidern. OB Dieter Reiter (62, SPD) findet: „Bevor man über so etwas nachdenkt, muss sichergestellt sein, dass der ÖPNV auch entsprechend leistungsfähig ist. Daran arbeiten wir intensiv.“ Laut zweiter Bürgermeisterin Katrin Habenschaden (43, Grüne) könne so eine Maut zwar durchaus ein Instrument sein, um die Stadt vom Autoverkehr zu entlasten – allerdings nur, „wenn wir den Menschen unabhängig vom Einkommen auch attraktive Alternativen zum Auto bieten“. Als „sozial ungerecht“ lehnt der ADAC die Gebühr ab. Und Bernd Ohlmann vom Handelsverband schüttelt den Kopf: „Wenn man jetzt auch noch für die Fahrt in die Innenstadt Wegezoll zahlen muss, dann ist das der Tod für den innerstädtischen Einzelhandel. Dann können wir die Abrissbagger für die Innenstädte bestellen.“ Was Münchner Autofahrer sagen, lesen Sie rechts. (Andrea Stinglwagner, Achim Schmidt)

Anti-Stau-Maut: Das sagen die Betroffenen dazu

Sechs Euro – das ist richtig teuer: Ich fände das nicht gut. Manche haben nicht die Wahl, die müssen mit dem Auto fahren. Und für die wird‘s richtig teuer! Sechs Euro am Tag ist heftig. Wenn die Gebühr käme, hätte die Stadt mehr Einnahmen. Aber weniger Verkehr? Das bezweifle ich. Eine Staugebühr kombiniert mit sehr günstigen MVV-Tickets – das löst das Problem vielleicht. Karola Bergmann (53),Hauswirtschafterin, München

Als Taxler muss ich fahren: Das finde ich Wahnsinn. Wer denkt sich denn so was aus? Wie soll das denn funktionieren? Das ist doch idiotisch. Was kostet denn das alles wieder, das zu überwachen und durchzuführen? Das trifft vor allem uns Berufsfahrer! Ich muss ja fahren, was soll ich denn sonst tun? Wenn eine Partei die Gebühr vorschlagen würde, würde ich die nicht wählen. Rolf Reiß, 77, Taxler seit 20 Jahren

Ich würde aufs Rad umsteigen: Ich finde es grundsätzlich nicht schlecht. Im europäischen Ausland wie in Italien gibt es ja solche Konstellationen schon. Ich wäre bereit, die Gebühr zu zahlen. Sechs Euro am Tag würden mich auch motivieren, mal aufs Rad umzusteigen. Ich glaube aber, es würde das Stau-Problem nicht ganz beheben. Dazu müsste man die Öffentlichen noch besser ausbauen. Marco Gack (36), Ingenieur aus München

Gute Idee – aber nicht für alle: Diese Gebühr ist eine ausgezeichnete Idee. Allerdings würde ich dabei einige Ausnahmen machen. Zum Beispiel soziale Dienste – ich bin selber in dem Bereich unterwegs. Oder Handwerker: Für sie wäre die Gebühr eine Überbelastung. Diejenigen, die ein Vertriebsauto haben, für die wird es irrelevant sein. Man müsste mit Augenmaß agieren und abwägen. Martin von Necker (46), Sozialpädagoge aus München

Verkehr wird so nicht weniger: Ich persönlich finde es gut, weiß allerdings nicht, was meine Firma davon halten würde. Da summiert sich ja einiges – zusätzlich zur Maut auf den Bundesstraßen und Autobahnen. Das zusätzliche Geld würde dann sicher auf die Getränke aufgeschlagen werden. Ich glaube nicht, dass die Gebühr den Verkehr letztlich stark reduzieren würde. Otto Ganghofer (51), Getränkefahrer aus Landshut

Staufalle München

Autofahrer, Radler und Fußgänger haben es derzeit nicht leicht. Fast unweigerlich stoßen sie auf eine der derzeit 80 Baustellen im Stadtgebiet. Der Weg durch München wird zum Geduldsspiel. Zwei Monate während des Corona-Lockdown war es ruhig auf den Straßen: kein Stau in München. Doch jetzt geht in München die Kurve steil nach oben, jedenfalls die Verkehrskurve.

Es wird der Technik-Palast des 21. Jahrhunderts! Google, der Daten-Riese aus den USA, plant einen Standort mitten in München: Büros für über 1000 Leute in der alten Arnulfpost.

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