Der englische Garten in München.
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In München sind immer mehr Menschen von Armut betroffen.

Statistiken bereiten Sorge

„Immer mehr verzweifelte Münchner“: Bedenkliche Corona-Entwicklung - doch trauriger Höhepunkt dürfte erst folgen

  • Andreas Beez
    vonAndreas Beez
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Die Zahl der Hartz-IV-Empfänger in München hat sich dramatisch erhöht. Grund ist das Coronavirus. Der traurige Höhepunkt sei aber noch nicht erreicht, meinen Experten.

  • Das Coronavirus beschert München* riesige Verluste. Am schlimmsten trifft es die, die ohnehin wenig haben.
  • Die Zahl der Hartz-IV-Empfänger steigt rasant an. Und es wird wohl schlimmer.
  • Hier finden Sie die Corona-News aus München. Außerdem bieten wir Ihnen in einer Karte die aktuellen Fallzahlen in Bayern.

München - Corona treibt immer mehr Münchner in die Armut. Nach tz-Informationen hat sich die Zahl der Hartz-IV-Empfänger heuer dramatisch erhöht. Sie stieg auf zuletzt 54 595 (Berichtsmonat Oktober) – ein Plus von 20,6 Prozent gegenüber Februar 2020. „Wir gehen von einem Corona-Effekt aus“, bestätigte der Sprecher des Jobcenters München, Frank Donner, am Sonntag auf Anfrage unserer Zeitung.

Doch damit dürfte der traurige Höhepunkt der wirtschaftlichen Corona-Folgen noch nicht erreicht sein. Experten befürchten, dass die Kettenreaktion aus Umsatzeinbußen der Firmen und Kündigungen 2021 noch stärker durchschlagen könnte. Dazu kommt die Sorge vor einer weiteren Verschärfung und Verlängerung der Schutzmaßnahmen. „In unseren Geschäftsstellen suchen immer mehr verzweifelte Münchner Rat“, berichtet VdK-Landeschefin Ulrike Mascher. In einem tz-Interview fordert sie einen Corona-Aufschlag von 100 Euro monatlich für alle Hartz-IV-Empfänger.

Coronavirus München: Notwendige Käufe von Masken und anderen Hllfsmitteln nicht abgedeckt

Zum Hintergrund: Während der Volksmund von Hartz IV spricht, bezeichnen die Behörden die Sozialleistung als Arbeitslosengeld II oder Grundsicherung (siehe rechts). Sie setzt sich im Wesentlichen aus zwei Leistungen zusammen: einem Regelsatz von 432 Euro monatlich für Alleinstehende sowie der Kostenübernahme für Wohnung und Heizung. Zudem werden mitunter weitere Zuschüsse bezahlt. In München stockt die Stadt den Regelsatz freiwillig um 21 Euro auf.

Trotzdem reicht vielen Hartz-IV-Empfängern das Geld hinten und vorne nicht. Corona habe ihre Not vergrößert, schlägt VdK-Chefin Mascher Alarm: „Viele sind durch Erkrankungen belastet, zählen zur Covid-19-Risikogruppe. Der Mehrbedarf, vor allem durch Einschränkungen bei den Lebensmitteltafeln und dem notwendigen Kauf von Masken und anderen Hilfsmitteln, kann vom Regelsatz nicht gedeckt werden.“

Mit welcher Wucht das Virus die Münchner auch wirtschaftlich trifft, kristallisiert sich an den Statistiken des Jobcenters heraus. „Im Januar und Februar hatten wir gegenüber dem Vorjahr noch einen Tiefststand bei den Leistungsbeziehern verzeichnet“, erläutert Sprecher Donner, „doch dann kam Corona und hat einen rasanten Anstieg der Zahlen verursacht.“ Zu den neuen Hartz-IV-Empfängern in München zählen verstärkt folgende Berufsgruppen:

  • Selbstständige wie Fotografen, Künstler, Grafiker und Taxifahrer.
  • Kurzarbeiter, deren reduzierter Lohn in München nicht mehr zum Leben ausreicht.
  • Geringverdiener bzw. Menschen ohne berufliche Qualifizierung, die eben nicht im Homeoffice arbeiten können: Reinigungskräfte, Küchenpersonal, Hotelmitarbeiter, Beschäftigte im Einzelhandel. Sie gehören oft zu jenen Mitarbeitern, die noch nicht lange in ihrer Firma beschäftigt und damit als Erste von Corona-bedingten Kündigungen betroffen sind.

„In München ist für viele Bürgerinnen und Bürger das Leben ohnehin auf Kante genäht“, weiß VdK-Chefin Mascher. „Die finanziellen Einbußen durch Corona bringen viele Familien schwer ins Schleudern. Da knicken jetzt viele ein, die sich vorher noch von Monat zu Monat retten konnten.“ - Andreas Beez - *tz.de ist Teil des Ippen-Netzwerks.

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