Maut für Münchner Innenstadt – eine Vision für die Zukunft? Das Foto entstand an der Leopoldstraße, das Schild haben wir reinmontiert.
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Maut für Münchner Innenstadt – eine Vision für die Zukunft? Das Foto entstand an der Leopoldstraße, das Schild haben wir reinmontiert.

Wird bald bei Autofahrern abkassiert?

Forderung nach City-Maut wird lauter: Bringt sie die Lösung für Münchens Stauproblem?

  • Kathrin Braun
    VonKathrin Braun
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Bekommt München eine City-Maut? Verkehrsexperten plädieren seit Jahren dafür. Jetzt hat sich sogar BMW für die Idee ausgesprochen. Noch ist nichts entschieden – aber es gibt unterschiedliche Ideen: wie etwa die 6-Euro-Maut für den Mittleren Ring.

München – Seit Jahren diskutiert München* über eine City-Maut. Passiert ist bisher nichts. Doch vor einigen Tagen hat die Debatte eine andere Dimension angenommen: Bei der Automobilmesse IAA haben gleich mehrere Verkehrsexperten für eine Innenstadt-Maut plädiert – unter ihnen auch Carl Eckhardt von BMW. „Ich bin überzeugt, dass wir das in den nächsten Jahren sehen werden in Deutschland“, sagte der Leiter des Kompetenzzentrums Urbane Mobilität.

München: Forderung nach City-Maut wird lauter:

Es ist das erste Mal, dass sich einer der Autoriesen Deutschlands für eine Maut in Innenstädten ausspricht – und damit dem Autofahren in Städten ein großes Stück an Attraktivität nehmen will. Eckhardt erklärte: Das sei besser als starre Verbote. Und als der jetzige Zustand.

Denn im jetzigen Zustand droht München der Verkehrskollaps. Auch im Corona-Jahr standen hier Autofahrer laut dem Verkehrsdaten-Anbieter Inrix im Schnitt 65 Stunden im Stau. Das macht München zur Stau-Hauptstadt Deutschlands. „Mittlerweile kann weder der ÖPNV noch der Individualverkehr das Verkehrsaufkommen allein bewältigen“, sagt Maik Böres, Leiter des Bereichs Nachhaltigkeit und Mobilität bei BMW. „Wir brauchen eine Vernetzung zwischen verschiedenen Mobilitätsanbietern.“

BMW-Konzern sucht selbst nach Wegen, wie man den Autoverkehr entzerren kann

Jetzt sucht der Autobauer selbst nach Wegen, wie man den Autoverkehr entzerren kann. „Das ist kein Sinneswandel von BMW“, stellt Böres klar. „Wir wollten schließlich schon immer, dass unsere Kunden einfach und zielgerichtet mit dem Verkehrsmittel ihrer Wahl vorankommen.“ City-Maut sei eine Möglichkeit, aber nicht die einzige. „Es gibt viele Maßnahmen, um Mobilität in Städten zu organisieren.“ Zum Beispiel auch Apps, in denen Bus, Bahn, Taxi und Parkmöglichkeiten organisiert werden.

Innerhalb der roten Zone sollen Autofahrten nach der Idee des ifo-Instituts sechs Euro kosten – auch für Anwohner soll es keine Ausnahmen geben.

Für Oliver Falck geht aber kein Weg an einer City-Maut vorbei. Der Innovationsforscher hat für das ifo-Institut in einer Studie untersucht, was sich in München durch eine Innenstadt-Maut ändern würde. Ergebnis: Mit einer Gebühr von sechs Euro pro Tag innerhalb des Mittleren Rings könnte man den Verkehr um 23 Prozent senken. In Spitzenzeiten sogar um 33. „Alle sind sich einig, dass etwas geschehen muss“, sagt Falck. „Und ich glaube, die City-Maut ist die angenehmste Alternative – im Vergleich zu allen anderen, die gerade im Raum stehen. Wie etwa komplett autofreie Innenstädte.“

Das ist kein Sinneswandel. Wir wollten immer, dass unsere Kunden einfach und zielgerichtet vorankommen.

Maik Böres von BMW

Die ifo-Studie hat schon vergangenes Jahr eine hitzige Debatte in München ausgelöst: Zuspruch kam etwa von CSU und Grünen. Protest von SPD sowie Vertretern der Einzelhändler und Handwerker. Denn laut der Studie soll niemand von der Innenstadt-Maut ausgenommen werden – auch nicht Anwohner oder Wirtschaftsverkehr. „Der Sinn der Maut ist ja nicht – wie etwa bei der Autobahn-Maut – Kosten für die Wartung der Straßen zu decken“, argumentiert Falck. „Es geht darum, dass jeder Einzelne die Kosten für seine Fahrt spüren soll. Und sich darüber Gedanken macht, welche Alternativen es gibt.“ Handwerker würden nach Berechnungen des ifo-Instituts durch die Maut sogar Geld sparen. „Die Zeit, die Handwerker durch die Verkehrsentlastung sparen, ist – nach Stundenlohn gerechnet – mehr wert, als die Maut kostet.“

Um Fahrten in die Innenstadt nicht zu einem Luxusgut werden zu lassen, schlägt Falck Mobilitätspauschalen vor. „Zum Beispiel für die Bäckereifachverkäuferin, die frühmorgens, wenn noch keine Bahn fährt, den Laden aufschließen muss“, sagt er. „Solche Menschen könnten eine jährliche Pauschale aus den Einnahmen der Maut bekommen.“

Oliver Falck, Innovationsforscher

Eigentlich sind solche Ideen in der Autoindustrie bisher immer auf breite Kritik gestoßen. Und bis auf BMW äußern sich Vertreter auch jetzt negativ. „Es muss andere Möglichkeiten geben, um den Verkehr zu regeln“, sagt Alexander Kreipl, verkehrs- und umweltpolitischer Sprecher des ADAC Südbayern. „Eine City-Maut schafft eher Schranken, als dass sie Alternativen aufzeigt.“ Man müsse den Nahverkehr stärken und an Innovationen arbeiten. „Wie zum Beispiel Elektro-Shuttlebusse im Münchner Umland“, sagt er, „oder mehr Park-and-Ride-Flächen an S-Bahn-Stationen.“ Mit einer Maut für alle würde man sozial benachteiligte Menschen ausgrenzen, findet Kreipl. Auch von Mobilitätspauschalen für Härtefälle hält er nichts. „Das Geld sollte man lieber zielgerichtet in den Ausbau des ÖPNV stecken.“

Um eine Bepreisung der Stadt-Autofahrten kommt man nicht rum – aber es wäre klüger, mehr mit Belohnungen zu arbeiten.

Klaus Bogenberger von der TU

Ähnlich äußern sich andere Autobauer. Es sollte „weniger darum gehen, regulativ einzugreifen“, heißt es etwa von Volkswagen. Man sollte stattdessen positive Anreize schaffen. „Sinnvoll sind aus unserer Sicht die Stärkung nachhaltiger Mobilitätslösungen und die intelligente Vernetzung von Individualverkehr und öffentlichem Nahverkehr.“

Experte von der TU München hält eine City-Maut in München für unausweichlich

Klaus Bogenberger sieht das anders. „Man hat schon so viele Alternativen ausprobiert“, sagt der Verkehrswissenschaftler der TU München. „Natürlich haben zum Beispiel intelligente Ampelschaltungen eine Wirkung. Das Problem ist: Sobald sich der Verkehr entzerrt, verschwindet die Wirkung wieder.“ Viele Leute würden wieder zurück aufs Auto umsteigen, sobald sich der Verkehr verbessere und sich die Straßen leeren.

Auch Bogenberger hält eine City-Maut in München für unausweichlich. „Aber keine Maut im herkömmlichen Sinne“, sagt er. „Um eine Bepreisung der Autofahrten in die Stadt kommt man zwar nicht rum – aber es wäre klüger, mehr mit Belohnungen als Bestrafungen zu arbeiten.“ Der Lehrstuhl für Verkehrstechnik der TU München arbeite deshalb an der Entwicklung von MobilityCoins – eine Art digitale Währung für Münchens Verkehrssystem.

Alexander Kreipl, ADAC Südbayern

„Jeder kann eine gewisse Zahl an Coins zu Jahresbeginn erwerben“, erklärt er, „und damit kann man die Maut für die Fahrt in die Innenstadt bezahlen. Aber auch Fahrten mit der S- oder U-Bahn – nur die kosten dann weitaus weniger Coins.“ Für komplett emissionsfreie Wege wie etwa Fahrradfahrten* würde man hingegen Coins geschenkt bekommen. „Das macht den entscheidenden Unterschied. Denn Fußgänger und Radfahrer können diese Coins für echtes Geld verkaufen – und werden so für ihr ökologisches Verhalten belohnt.“ Die Coins würde man über eine Smartphone-App verwalten. Bogenberger meint, ein solches System könne von der Gesellschaft besser akzeptiert werden als ein normales Maut-System.

Das bayerische Verkehrsministerium hat das Projekt bereits mit 200 000 Euro bezuschusst. „Man muss die Details natürlich ausarbeiten“, sagt er. „Aber man sollte zumindest den Mut haben, über solche Ideen nachzudenken.“ *tz.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA

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