Richter Peter Lemmers (65) vor seinem Büro am Lenbachplatz
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Richter Peter Lemmers (65) ist Vorsitzender der Arzthaftungskammer des Landgerichts am Lenbachplatz

Er verhandelt dramatische Fälle am Landgericht München I

Peter Lemmers ist der Richter, der Ärzten auf die Finger schaut - seine Verhandlungsführung verblüfft

  • Andreas Thieme
    vonAndreas Thieme
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Er hat Waffenschieber und Räuber verurteilt, Juristen ausgebildet und die Persönlichkeitsrechte von Promis geschützt. Zum Ende seiner Laufbahn ist Richter Peter Lemmers (65) nun Chef der Arzthaftungskammer des Landgerichts. Und dort gefällt es ihm so gut, dass er über die Pensionsgrenze hinaus weitermacht.

  • Peter Lemmers (65) ist seit über 30 Jahren Richter
  • Aktuell leitet er als Vorsitzender die Arzthaftungskammer des Landgerichts
  • Dort prüft er schwere Operationsfehler - und verschiebt dafür seine eigene Pension

Pension? Nein, danke! Auch nach 30 Jahren als Richter hat Peter Lemmers (65) noch nicht genug. „Ich gehe noch immer jeden Tag gerne zur Arbeit. Denn ich mag den Kontakt zu Menschen – auch in schwierigen Situationen, das reizt mich“, sagt der Vorsitzende der Arzthaftungskammer am Landgericht München I. Dort entscheidet er über Fälle, bei denen etwa Operationen schiefgegangen sind. In der Corona-Krise hat der Richter seine Tätigkeit nun bis 2022 verlängert. „Ich brenne noch“, sagt Lemmers. Der Jurist blickt auf eine beeindruckende Karriere zurück. Er war Staatsanwalt, Richter, Ausbilder und Mediator. Seine wichtigste Entscheidung? Dass er nicht Anwalt wurde! „Da hätte ich mehr Geld verdient. Aber ich liebe die Vielfältigkeit des Richterberufs, und mir liegen die Fälle und die Verantwortung.“

Davon gibt es am Landgericht reichlich: Jede Woche landen Klagen gegen Münchner Kliniken auf Lemmers’ Schreibtisch. „Jeder macht Fehler, aber in keinem Beruf haben diese so schlimme Folgen wie bei Ärzten“, sagt Lemmers. Sein Job erfordert viel Sensibilität. Der Richter muss entscheiden, ob Patienten entschädigt werden. „Ich weiß durch meinen Beruf, was bei einer medizinischen Behandlung alles schiefgehen kann.“ Die Fehler der Münchner Ärzte seien selten, „aber wir erleben diese Fälle am Landgericht eben regelmäßig“, sagt Lemmers. Hunderte Fälle mit verstorbenen oder behinderten Patienten hat er verhandelt – oft sehr emotional, mit weinenden Angehörigen oder auch betroffenen Ärzten. Nicht immer sind die Mediziner aber schuld am schlimmen Schicksal von Patienten.

Ärztepfusch in München: Diese Fälle kann der Richter nicht vergessen

Dramatisch in Erinnerung ist Lemmers ein türkischer Familienvater. „Sein Leben war vorbildlich.“ Erfolg im Job, Eigentumswohnung, drei Kinder. Doch nach einer Routine-Behandlung war er plötzlich gelähmt. „Es gab den Verdacht auf einen Rückenmarkstumor, da darf man nicht lange zögern“, erklärt Lemmers. In einer Münchner Klinik wurde operiert, um das betroffene Gewebe zu entfernen. Die Diagnose: zum Glück unauffällig. Doch nach zwei Tagen bekam der Mann plötzlich eine starke Schwellung im Gehirn, seither sitzt er im Rollstuhl und muss zeitweise beatmet werden. „Dass es ihn so schlimm erwischt hatte, lag an einer Komplikation. Ein seltener medizinischer Fall. Es war schlichtweg Pech.“

Richter Peter Lemmers in seinem Verhandlungssaal am Landgericht

Für den Patienten und seine Familie unvorstellbar – sie klagten, so wie viele andere. „Wenn Fälle sehr dramatisch sind oder trotz großer Tragik ein verletzter Patient vor Gericht nicht gewinnen wird, bin ich immer sehr ehrlich: Ich sage dann am Ende der Verhandlung, wie wir vermutlich entscheiden werden. Das haben die Kläger ganz einfach verdient.“ Die meisten Klagen werden abgewiesen – was auch daran liegt, dass die Beweislast beim Kläger liegt. Gutachter schätzen ein, ob ein Ärztefehler vorliegt. Dann entscheidet Peter Lemmers.

In seinen Verhandlungen lässt er den Patienten viel Zeit, um Fragen zu stellen, und er lässt die Gutachter ausführlich zu Wort kommen. „Dadurch akzeptieren manche Patienten besser, was ihnen widerfahren ist oder dass sie den Prozess nicht gewinnen.“ Das zahle sich aus: „Wir haben kaum Berufungen.“ Lebensmut sei häufig der Schlüssel, mit dem Menschen Schicksalsschläge überwinden, sagt Lemmers. „Andere verzweifeln, werden verbittert.“ Und verlieren sich manchmal in langen Rechtsstreitigkeiten. Doch die muss man sich leisten können. Allein die Gutachter kosten pro Fall bis zu 6000 Euro. Wer keine Rechtsschutzversicherung hat, begibt sich finanziell auf dünnes Eis.

Münchner Richter: Schon als Zivi hatte er mit dem Tod zu tun

Mittlerweile blickt Lemmers auf zehn Jahre an der Arzthaftungskammer zurück. Seine Erkenntnis: „Gesundheit ist ein großes Geschenk.“ Mit Kollegen tauscht sich der 65-Jährige aus, wenn er sehr belastende Fälle hat – oder mit seiner Frau, einer Staatsanwältin. „Ich wusste schon früh, dass ich mit krassen Fällen umgehen kann“, sagt er. „Als junger Mann beim Zivildienst habe ich viele Tote gesehen, Menschen reanimiert und Kindern auf die Welt geholfen. Diese Erfahrungen haben mich geprägt.“

Peter Lemmers als junger Jurist

Doch auch der erfahrene Richter kämpft manchmal mit den Tränen – wie in der Verhandlung um eine misslungene Bandscheiben-OP. „Dem Arzt war vermutlich das Instrument verrutscht, die Patientin hatte Lähmungen.“ Fehler wie diese sind nur schwer nachzuweisen, doch der Arzt entschuldigte sich vor Gericht bei der Frau und beide weinten. „Das hat auch mich gerührt“, sagt Lemmers. „Was uns auch sehr mitnimmt, sind Geburtsschäden. Wie bewundernswert Familien damit umgehen, aber wie viel Verzweiflung auch herrscht. Wie Leben völlig verändert werden.“ So wie im Falle eines Kindes, das beim Kaiserschnitt schwere Kopfverletzungen erlitten hatte. „Die Oberärztin wechselte danach den Job im Klinikum. Sie konnte nicht mehr unbefangen operieren. Davor hatte ich großen Respekt.“

Es gibt auch den Kontrast – Ärzte auf Abwegen. In seltenen Fällen werden Mediziner strafrechtlich verfolgt oder erhalten Berufsverbot. „Ich hatte einen Fall, da wurden Magenverkleinerungen durchgeführt. Was der Arzt tat, war medizinisch kaum noch nachvollziehbar.“ Ein Scharlatan. Aber zum Glück eine Ausnahme. „In der Regel erlebe ich Ärzte so, dass ich Hochachtung bekommen habe.“ Auch deshalb setzt Peter Lemmers seine Karriere fort. Jungen Richtern rät er: „Lernen Sie, ernsthaft zuzuhören. Das ist für mich ein Erfolgsgeheimnis im Beruf des Richters.“ 

Zur Person: Das ist Richter Peter Lemmers (65)

Seit 2011 leitet er die Arzthaftungskammer – es ist die bundesweit renommierteste. Als junger Wirtschafts-Staatsanwalt betreute er einen Fall, bei dem es um Saddam Hussein ging: Verhandelt wurde die Ausfuhr von Kriegswaffen – deutsche Raketentechnologie, die über Ägypten und Argentinien schließlich im Irak gelandet ist. „Das war damals fast eine Nummer zu groß für mich.“

Sein erster großer Fall war 1991. Als Strafrichter in Chemnitz musste Lemmers einen Bankraub aufklären. Der Täter hatte drei Sparkassen überfallen und in die Decke geschossen, um Geld zu erpressen. Eine Zeugin sagte: „Nie werde ich seine Hände vergessen.“ Das überführte den Mann, denn er hatte enorme Pranken. Mitte der Neunzigerjahre bildete Lemmers Rechtsreferendare aus – darunter auch den heutigen bayerischen Justizminister Georg Eisenreich (50, CSU). „Ich glaube, der war ganz okay“, sagt Lemmers und lacht. „Er hat eine tolle Karriere gemacht.“

Justizminister Georg Eisenreich (50, CSU) wurde einst von Richter Peter Lemmers als Referendar ausgebildet

Richter Lemmers kommt aus einer Juristen-Familie. „Mein älterer Vetter hatte die Idee, dass ich das auch mache.“ Als Referendar lernte er sein großes Vorbild kennen: einen älteren Amtsrichter in Fürstenfeldbruck. „Bei ihm durfte ich ganz viel machen. Danach war Richter mein Traumberuf.“ Lemmers hatschon Peter Maffay, Heino und Roberto Blanco verhört, denn er ist auch für das Presserecht zuständig. Meist geht es darum, ob öffentliche Aussagen unterlassen werden müssen.

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