Münchens Oberbürgermeister Dieter Reiter.
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Münchens Oberbürgermeister Dieter Reiter.

OB spricht im Interview Klartext

„Jedes Wochenende gleiches Drama“: Verhalten vieler Münchner lässt Reiter zürnen - rigorose Maßnahme denkbar

  • Klaus Vick
    vonKlaus Vick
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Im großen Interview spricht das Münchner Stadtoberhaupt Dieter Reiter über seine Sportbegeisterung, über Geldnot und das Partyproblem am Gärtnerplatz.

  • OB Dieter Reiter (SPD) muss die Stadt München durch das Coronavirus* führen.
  • Im großen Interview spricht das Stadtoberhaupt über seine Sportbegeisterung, über Geldnot und das Partyproblem am Gärtnerplatz.
  • Ein Alkohlverbot für den Feier-Hotspot schließt er nicht aus.

München* - Ein Sommerspaziergang an der Isar: Münchens OB Dieter Reiter (SPD) macht eine Stippvisite an der Floßlände. Seit Juli gibt es dort wieder eine Welle. Reiter unterhält sich mit den Surfern. Die Sportler freuen sich, dass die Floßlände endlich wieder surfbar ist. „So viel Dankbarkeit erlebt man nicht immer“, sagt der OB. Während des Spaziergangs wird Reiter (62) von vielen Passanten, Radfahrern oder Joggern freundlich gegrüßt oder angesprochen. Im großen Interview spricht das Stadtoberhaupt über seine Sportbegeisterung, über Geldnot und das Partyproblem am Gärtnerplatz. Dort musste die Polizei auch dieses Wochenende wieder wilde Feiern stoppen.

Herr Reiter, standen Sie selbst schon mal auf einem Surfbrett?

Dieter Reiter: Noch nie, ich habe lieber festen Boden unter den Füßen. Aber ich bewundere Surfer. Wie sie grazil über die neue Welle gleiten. Toll. Aber es ist nicht mein Sport.

OB Dieter Reiter: „Ich kann nicht zusehen, wie sich Tausende am Gärtnerplatz treffen“

Und was ist Ihre bevorzugte Sportart?

Reiter: Bekanntermaßen interessiere ich mich sehr für Fußball. Ich habe auch selbst 20 Jahre lang leidenschaftlich – allerdings eher erfolglos – gespielt. Auch Tennis und Tischtennis. Alles, was mit Ball und Schläger zu tun hat. Derzeit komme ich übers gelegentliche Radfahren nicht hinaus.

Womit Sie sich fit halten?

Reiter: Na ja, so weit es eben geht. Aber für aktiven Sport bleibt aktuell kaum Zeit. Mein Wunsch war immer, zumindest einen Nachmittag im Büro für Sport freizuschaufeln. Hat bisher in sechseinhalb Jahren Amtszeit nicht geklappt. Aber was nicht ist, kann ja noch werden.

Die Freizeitgestaltung in Zeiten von Corona wird heiß diskutiert. Wie bewerten Sie die Situation an der Isar oder am Gärtnerplatz?

Reiter: Auf der einen Seite habe ich Verständnis für die Menschen, die bei dem schönen Wetter raus wollen. Zugleich haben wir die schlimmste Gesundheitskrise seit Jahrzehnten, weltweit. Deswegen muss man diese Zusammenkünfte unter einem etwas kritischeren Blickwinkel sehen als zu normalen Zeiten. Ich kann nicht zusehen, wie sich an Wochenenden regelmäßig Hunderte oder Tausende am Gärtnerplatz treffen, um unter Alkoholeinfluss gegen die Corona-Vorsichtsmaßnahmen zu verstoßen: Ohne Maske, ohne Abstände. Das kann ich niemandem erklären, der abends allein im Bus sitzt und Maske tragen muss.

Unterstützer einer Online-Petition haben neben dem Gärtnerplatz nun einen weiteren „Brennpunkt der Stadt“ ausgemacht.

OB Dieter Reiter: Alkohlverbot „will ich nicht ausschließen“

Das Feiern am Gärtnerplatz ist nichts Neues.

Reiter: Ich kenne das Thema, da war ich noch Wirtschaftsreferent. Es begleitet die Stadt seit Langem und war immer ärgerlich für die Anwohner. Doch man musste hier abwägen zwischen dem Lebensgefühl einer Millionenstadt und dem, was tatsächlich an Schaden entsteht. Jetzt aber geht es um den Gesundheitsschutz für alle.

Was gedenken Sie zu tun?

Reiter: Ich werde auf jeden Fall als OB diesem Treiben am Gärtnerplatz nicht weiter tatenlos zusehen!

Ein Alkoholverbot wäre demnach denkbar?

Reiter: Das will ich nicht ausschließen.

Permanent?

OB Dieter Reiter: Ich habe mich auf Corona testen lassen

Reiter: Nein. Ich will auch kein generelles Betretungsverbot aussprechen. Aber ich könnte mir ein nächtliches Alkoholverbot vorstellen. Dazu gehört, den Verkauf in einem vernünftigen Umkreis um den Platz zu untersagen.

Wer soll das kontrollieren?

Reiter: Letztlich die Polizei. Aber die hat ein Problem, etwas zu kontrollieren, das nicht verboten ist. Die Stadt muss also die Voraussetzungen schaffen, damit die Ordnungshüter tätig werden können. Die vielen Appelle an die Feiernden haben bisher nicht gefruchtet. Daher bin ich es leid, jedes Wochenende das gleiche Drama zu sehen – und zugleich steigen die Fallzahlen und damit das Ansteckungsrisiko.

Sie haben in Ihrer Position viele Kontakte. Lassen Sie sich regelmäßig auf das Corona-Virus testen?

Reiter: Nicht regelmäßig, aber ich habe mich vor einigen Wochen testen lassen: negativ. Doch ich hatte auch keine Symptome und war in keinem Risikogebiet. Auf jeden Fall ist es immer wichtig, sich strikt an die Regeln zu halten. Wenn ich das Gefühl hätte, mir fehlt was, würde ich mich sofort testen lassen. Mittlerweile habe ich auch einen Crash-Kurs über die Symptome gemacht . . .

Wie bitte, einen Crash-Kurs?

Reiter: Ja, Virologen und Mediziner haben mir gesagt, was die ersten Anzeichen einer Infektion sind.

Nämlich?

OB Dieter Reiter: „Wir werden weiter sozialen Wohnungsbau betreiben“

Reiter: Geschmacksverlust und Geruchsverlust. Wer morgens den Kaffeeduft nicht mehr riecht, sollte sich sofort testen lassen.

Corona schränkt auch den Gestaltungsspielraum der Stadt ein. Macht Ihr Job im Moment noch Spaß?

Reiter: Auf jeden Fall. Meine Interpretation des Jobs ist es, viel mit den Münchnern zu reden. Das wollen die Leute auch weiterhin. Ich will ansprechbar für die Bürger bleiben. Das sehe ich als einen wesentlichen Teil meiner Aufgabe an. Das funktioniert trotz Corona immer noch ganz gut. Natürlich ist es schön, wenn man als Stadt Geld hat. Wir mussten in den letzten Jahren nicht ernsthaft sparen. Es wird nun anspruchsvoller zu regieren, weil man nicht allen Interessen gerecht werden kann.

Welche Projekte sind trotz knapper werdender Kasse unverzichtbar?

Reiter: Ich will es nicht so sehr an einzelnen Projekten festmachen. Wir werden im Sozial- und im Bildungshaushalt künftig noch mehr Geld ausgeben müssen. Zum Beispiel für die Ausstattung von Schulen mit mobilen Endgeräten. Da will ich nicht sparen. Und unser Sozialsystem wird noch mehr Menschen helfen müssen. Das hat für mich Priorität. Wir werden niemanden im Regen stehen lassen, der durch Corona finanziell in Not geraten ist. Außerdem werden wir weiter sozialen Wohnungsbau betreiben. Die Mieten sind einer der größten Preistreiber in der Stadt.

Und was konkrete Projekte betrifft?

Reiter: Es hat keinen Sinn, laufende Projekte wie etwa den Neubau des Volkstheaters zu beenden. Oder das Interimsgelände für den Gasteig samt Philharmonie. Und es gibt Investitionen, auf die ich auf keinen Fall verzichten möchte: nämlich den Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs. Der U-Bahn-Plan und die Tramtrassen müssen realisiert werden. Und dann werde ich den Kämmerer fragen: Wie viel bleibt noch übrig für weitere Investitionen? - Interview: S. Karowski, K. Vick -

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