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Diese Bombe war im Juli 2015 am Münchner Westbad entschärft worden.

Wohnviertel geräumt

Zwei Monate Bombenentschärfung: Münchner Familien im Ausnahmezustand

München - Bombenentschärfungen sind immer ärgerlich für Anwohner. Doch selten trifft es sie so hart wie aktuell in München. Zehn Tonnen Sprengstoff sorgen für großen Wirbel.

Überall lagern in Deutschland noch Reste von Kampfmitteln aus dem Zweiten Weltkrieg im Boden, zum Teil noch hochexplosiv. Besonders hart trifft es derzeit die Bewohner einer Siedlung im Münchner Stadtteil Freimann nahe der Allianz-Arena. Gut zwei Monate lang müssen sie unter der Woche tagsüber ihre Häuser verlassen, damit die Sprengmeister ihrer gefährlichen Arbeit nachgehen und ein Munitionsdepot mit zehn Tonnen Sprengstoff entschärfen können. Und damit nicht genug: Die Familie, auf deren Grundstück die Stoffe entdeckt wurden, befürchtet hohe Kosten. Am Montag wurde das Gebiet geräumt, die Arbeiten in Angriff genommen.

Das Wohngebiet ist idyllisch, mit Einfamilien- und Reihenhäusern. Hier und da gibt es Spielgeräte für Kinder. Ein schöner, sonniger Frühlingstag, wäre da nicht dieses Motorenbrummen in der Luft und die rot-weißen Flatterbänder, die eine Sperrzone von 50 Metern rund um den Fundort markieren. Mit schweren Maschinen sind Experten im Einsatz, die Sicht auf den Fundort ist von der Absperrung aus durch Häuser verdeckt. Ein Hund läuft umher, wohl um Sprengstoffe zu erschnüffeln. Dass der Einsatz gefährlich werden könnte, davon zeugt ein Rettungswagen, der bereit steht. Von den Sprengmeistern ist nichts zu erfahren. Sie gehen hochkonzentriert ihrer Arbeit nach und wollen nicht gestört werden.

„Hoffen, dass es irgendwann 16 Uhr wird“

Stattdessen reden die Nachbarn. Rudolf Mende musste sein Haus am Montagmorgen um acht Uhr verlassen. Am Vormittag war der 68-Jährige in einer Behindertenwerkstätte, in der er ehrenamtlich hilft. „Jetzt war ich im Baumarkt und habe mich in der Gartenabteilung auf eine Bank gesetzt und Zeitung gelesen“, erzählt er. Auch für nachmittags hat er Pläne, denn zumindest ein Teil seines Gartens liegt außerhalb der Gefahrenzone. „Dann werde ich mir einen Stuhl holen und mich gemütlich auf die Terrasse setzen und hoffen, dass es irgendwann 16 Uhr wird.“

Zufällig spaziert der Direktor des Deutschen Museums in München mit seinem Hund vorbei, Wolfgang M. Heckl. Er wohnt in der Nähe, ist aber nicht betroffen. Er kann nicht verstehen, warum das Entfernen der Weltkriegs-Überreste für die Eigentümer des Grundstücks so teuer wird. „Wenn sie Öl gefunden hätten, hätte es ihnen auch nicht gehört“, sagt er. „Man kann nicht die Leute auf 200 000 Euro sitzen lassen.“

Eigentümer bleiben auf den Kosten sitzen

Wie hoch die Kosten für die Eigentümer tatsächlich sind, dazu will sich niemand äußern. Nach Auskunft des Kreisverwaltungsreferats (KVR) in München übernimmt der Freistaat den Abtransport, die Entschärfung, die Vernichtung und die Entsorgung der Munition. Die Kosten für die vorbereitenden Maßnahmen müsse aber der Eigentümer tragen, etwa das Aufspüren des Sprengstoffs im Erdreich oder die Vorsichtsmaßnahmen rings um den Fundort. Der Härtefallfonds des Freistaats Bayern gelte nur für Schäden etwa durch Hochwasser oder schwere Stürme, sagt ein Sprecher des Innenministeriums. Ob die Stadt der Familie hilft? Das sei eine politische Entscheidung, hieß es beim KVR. Vielleicht wollen auch Nachbarn Solidarität zeigen. Die Siedlergemeinschaft überlege, ob man sammeln gehe, sagt Museumsdirektor Heckl, der bei derartigen Kriegsfolgen eigentlich die Bundesrepublik in der Pflicht sieht.

Einen ähnlichen Antrag stellte die Münchner CSU-Fraktion. Die Stadträte Richard Quaas und Dorothea Wiepcke taxierten die Kosten im Bereich von einer viertel Million Euro. „Dieser Betrag würde die Familie, die nichts für die vergrabene Munition auf ihrem Grundstück, das früher Teil eines Truppenübungsplatzes war, in akute Existenznot bringen“, heißt es in dem Schreiben an Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD). Nachdem die Munition offenbar von der Wehrmacht stamme, seien Bund und eventuell Freistaat zumindest moralisch gefordert.

dpa/lby

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