Polizisten haben mit Anabolika gehandelt

Münchner Polizei-Skandal zieht weite Kreise: Über 200 Beamte sind an den Ermittlungen beteiligt

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  • Laura Felbinger
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  • Andreas Thieme
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  • Stefanie Wegele
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Mehr als ein Dutzend Polizisten aus München stehen inmitten eines handfesten Skandals: Nach einer Razzia wurden jetzt gleich mehrere von ihnen vom Dienst suspendiert.

  • Im Drogen-Skandal rund um die Münchner Polizei wurden die Wohnungen von 18 Beamten durchsucht.
  • Es werden Millionen Chat-Nachrichten, Bilder und Videos untersucht.
  • Der Drogen-Sumpf ist tiefer als angenommen: Jetzt sind nicht nur mehr Beamte der Altstadtwache involviert.

Update vom 27. September, 20.06 Uhr: Die Münchner Polizei wird von einem Drogen-Skandal erschüttert – und die Täter kommen aus den eigenen Reihen. Allein 15 Beamte wurden am Mittwoch (23. September) nach der großen Razzia vom Dienst suspendiert, weitere stehen unter dringendem Verdacht. „Wir ermitteln insgesamt gegen 21 Polizisten“, sagt Ludwig Waldinger, stellvertretender Pressesprecher des Landeskriminalamtes. Sie sollen Drogen und Dopingmittel besessen, konsumiert und teils auch untereinander verkauft haben.

Wie tief der Drogensumpf tatsächlich ist, zeichnet sich mittlerweile immer deutlicher ab. Die Ermittlungen richten sich nach aktuellem Stand gegen Polizisten von neun verschiedenen Münchner Dienststellen, bestätigt die Staatsanwaltschaft. Mehr als zehn der insgesamt 21 verdächtigten Beamten gehören zur Altstadtwache P11 in der Hochbrückenstraße. Nach tz-Informationen soll außerdem auch die Polizeiinspektion 23 in Giesing betroffen sein, wo Beamte mutmaßlich mit Anabolika gehandelt haben. Auch dort wurden mehrere Beamte suspendiert.

Der Drogen-Skandal bei der Münchner Polizei zieht weite Kreise

Des Weiteren steht die Polizeiinspektion Neuhausen im Fokus der Ermittler: Dort wurden ebenfalls zwei Beamte suspendiert. Ein weiterer beschuldigter Beamter verrichtete seinen Dienst bei der Bereitschaftspolizei. Ein anderer verdächtiger Polizist hatte seinen Dienst unterbrochen, um an der Hochschule der Polizei in Fürstenfeldbruck zu studieren.

Die Ermittlungen gegen die Münchner Polizei: Es sind die größten, die es je gegeben hat. Allein 19 Staatsanwälte, 70 LKA-Beamte, 100 Polizisten sowie Diensthundeführer des Zolls und Spezialeinsatzkommandos hatten am Mittwoch die Wohnungen von 18 Polizisten und 37 Dienststellen in München und Umgebung durchsucht. Die Ermittler müssen jetzt allein 20 Mobiltelefone mit 1,6 Millionen Chat-Nachrichten auswerten – sowie auch eine Million Bild- und 25 000 Videodateien.  

Bayerns Ministerpräsident Markus Söder will im Drogen-Skandal bei der Polizei Sonderermittler einsetzen

Update 26. September, 15.32 Uhr: Jetzt hat sich auch Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) zu dem Polizei-Skandal in München geäußert. Auf dem virtuellen CSU-Parteitag am heutigen Samstag sagte er: „Was in München aufgedeckt wird, ist erschütternd“. Die Vorwürfe müssten unbedingt vollständig aufgeklärt werden, forderte er. Auch Sonderermittler sollten zum Einsatz kommen. „Ich stehe zur Polizei“, sagte der Ministerpräsident. Die überragende Zahl der Polizisten gehöre „zu den Guten“ und leiste eine unverzichtbare Arbeit. Söder betonte aber auch, die Polizei müsse deshalb über jeden Verdacht erhaben bleiben. Aus diesem Grund müsse immer, wenn etwas passiere, genau hingeschaut werden.

Update 26. September, 9.21 Uhr: Nachdem am Mittwoch eine großangelegte Drogen-Razzia in den Dienststellen und Privatwohnungen von 18 Polizisten in ganz München durchgeführt wurde, sind bislang 15 von ihnen vom Dienst suspendiert worden. Der Vorwurf der Staatanwaltschaft: schwerwiegende Verstöße gegen das Betäubungsmittelgesetz. Die Münchner Polizisten sollen Drogen gekauft, sich in der Asservatenkammer bedient und auch Unschuldigen Straftaten untergeschoben haben.

Drogen-Skandal in der Münchner Polizei zieht weite Kreise

Mehr als zehn der suspendierten Beamten gehören der Altstadtwache P11 an, die unter anderem auch für die vielen Diskotheken und Clubs in der Innenstadt zuständig ist. Nun soll zudem eine weitere Münchner Wache in den Drogen-Skandal verwickelt sein: Gleich mehrere der 15 suspendierten Beamten sollen der Giesinger Polizeiinspektion 23 angehören und mit Anabolika gehandelt haben.

Wie Bild.de berichtet, lastet der Druck auf die beschuldigten Beamten schwer. Aus Sorge um ihre Arbeitsstelle sollen sie deshalb auf Drängen der Ermittler weitere Kollegen belastet haben. Wie weit verzweigt das Drogen-Netzwerk innerhalb der Münchner Polizei wirklich ist, zeigt sich also jetzt erst nach und nach - es ist der „Rattenschwanz“, den die Verantwortlichen der LKA-Ermittlungsgruppe „Nightlife“ bereits befürchtet hatten.

Während der Münchner Polizei-Skandal immer weitere Kreise zieht, wurde Polizeipräsident Hubertus Andrä ins Krankenhaus eingeliefert. Donnerstagnacht wurde er bei einem Unfall auf der A94 verletzt. Das Auto eines 21-Jährgen hatte sich nach einem Zusammenstoß mit einem anderen Fahrzeug überschlagen und war auf der Fahrbahn liegen geblieben. Andrä konnte nicht mehr rechtzeitig bremsen und prallte in die Unfallstelle.

Der Münchner Polizeipräsident Hubertus Andrä wurde in der Nacht zum Freitag in einen Verkehrsunfall auf der A94 verwickelt. (Archivbild)

Update 24. September, 9.17 Uhr: Im Drogen-Skandal um Münchner Polizisten könnte es nach Einschätzung der Deutschen Polizeigewerkschaft (DPolG) womöglich sogar noch mehr Fälle geben als bekannt. „Bei Ermittlungen zu Drogendelikten ist es eigentlich so, dass immer sehr viele Nachfolgedelikte bekanntwerden. Da ist dann ein Rattenschwanz dran“, sagte der Chef des bayerischen DPolG-Landesverbandes, Jürgen Köhnlein, der Deutschen Presse-Agentur in München.

Am Mittwoch hatten rund 170 Ermittler eine großangelegte Drogen-Razzia in Dienststellen und Privatwohnungen von Polizisten durchgeführt vor allem in und um München. Die Staatsanwaltschaft München I ermittelt wegen Verstößen gegen das Betäubungsmittelgesetz gegen 21 Polizeibeamte. „Es können auch, wenn es blöd läuft, in einigen Monaten nochmal zehn mehr sein“, sagte Köhnlein, der um den Ruf der Polizei fürchtet.

Polizei-Skandal München: Drogen-Sumpf noch tiefer als vermutet?

Der Polizeiskandal schlägt auch politisch Wellen. Die Fraktionsvorsitzende der Grünen im Bayerischen Landtag, Katharina Schulze, forderte eine „rasche und umfangreiche Stellungnahme“ von Innenminister Joachim Herrmann (CSU) im Innenausschuss des Landtags. „Neben dem nicht hinnehmbaren Drogenhandel wiegen vor allem die Vorwürfe des Amtsmissbrauchs durch Verfolgung Unschuldiger schwer“, sagte sie.

„Auch die große Zahl der eingeweihten oder beteiligten Polizistinnen und Polizisten schockiert. Da hat sich offensichtlich unbemerkt und vor allem unkontrolliert eine kriminelle Gruppe innerhalb der Polizei gebildet und sich gegenseitig gedeckt - das wirft auch Fragen nach der Führungskompetenz in der Behörde auf.“

Polizei-Skandal in München weitet sich aus: Besonders schlimmer Vorwurf steht im Raum - die bitteren Details

München - Der Drogen-Skandal bei der Münchner Polizei - er ist offenbar viel gravierender als bisher angenommen! 170 Polizisten, 19 Staatsanwälte, Diensthundeführer des Zolls und Spezialeinsatzkommandos anderer Bundesländer haben am Mittwoch ab sechs Uhr früh die Wohnungen von 18 Polizisten durchsucht. Die im Juli im Landeskriminalamt (LKA) eingerichtete Ermittlungsgruppe „Nightlife“ ermittelt zusammen mit der Staatsanwaltschaft jetzt gegen nunmehr 21 Beamte des Polizeipräsidiums München und 17 weitere Beschuldigte - unter anderem Drogenhändler und Verkäufer von Dopingmitteln.

Die Vorwürfe gegen die Polizisten wiegen schwer: Sie sollen Drogen und Dopingmittel besessen, konsumiert und zum Teil untereinander verkauft haben. In einem Fall soll ein Beamter immer wieder sichergestelltes Kokain abgezweigt haben. Kollegen sollen das mitbekommen, aber nicht gemeldet haben. Als besonders schlimm bezeichnet Oberstaatsanwältin Anne Leiding den Vorwurf der „Verfolgung Unschuldiger“: Polizisten sollen behauptet haben, dass zwei Personen Widerstand gegen Beamte geleistet hätten - den es tatsächlich nicht gab. Dieser Fall landete im September 2017 sogar vor Gericht.

Von einem Drogen-Skandal erschüttert: Die Wohnungen von 18 Münchner Polizisten wurden im Zuge von Ermittlungen durchsucht.

Polizei-Skandal in München: Mutmaßlicher Drogenhändler brachte Stein ins Rollen

Leiding zufolge sind es die wohl umfangreichsten Ermittlungen, die die Münchner Staatsanwaltschaft je gegen Polizisten führte. Sie waren 2018 ins Rollen gekommen.* Ein mutmaßlicher Rauschgifthändler, der vor allem Besucher des Clubs Heart am Lenbachplatz versorgt haben soll, hatte als Kronzeuge Vorwürfe gegen zwei Polizisten erhoben. Danach fanden über Monate hinweg Durchsuchungen statt, toxikologische Gutachten wurden eingeholt.

Die Ermittler werten derzeit auf 20 beschlagnahmten Handys von Polizisten und Zeugen 1,6 Millionen Chat-Nachrichten, eine Million Bilder und 25.000 Videos aus. Am Mittwoch wurden nun 30 Wohnungen und sieben Dienststellen in München*, im Landkreis, in Augsburg, Dachau, Wolfratshausen, Ebersberg und die Polizei-Hochschule in Fürstenfeldbruck durchsucht. In der Landeshauptstadt soll unter anderem die Altstadtwache betroffen sein. Sechs Beamte wurden laut Innenminister Joachim Herrmann (CSU) bereits suspendiert.

Polizei-Skandal in München: Andrä fordert Bestrafung „mit aller gesetzlichen Härte“

Der Chef der Polizeigewerkschaft Bayern, Jürgen Köhnlein, fürchtet um den Ruf der Polizei. „Das tut uns weh. Leider vergeht keine Woche ohne Negativ-Schlagzeilen.“ Münchens Polizeisprecher Andreas Franken sagt: „Wenn sich diese Vorwürfe bestätigen, dann ist das ein ziemlich starkes Stück.“ Polizeipräsident Hubertus Andrä: „Für mich ist das hier im Raum stehende Verhalten der betroffenen Polizeibeamten absolut inakzeptabel und muss, wenn sich die Vorwürfe wirklich bestätigen, mit aller gesetzlichen Härte bestraft werden.“ (S. Wegele, A. Thieme) *tz.de ist teil des Ippen-Digital-Netzwerks

Polizei-Skandal in München: Die Chronologie

Juli 2018: Die Staatsanwaltschaft München I nimmt die ­Ermittlungen gegen Münchner Polizeibeamte wegen mutmaßlicher Drogen-Delikte auf. Erste Hinweise in dem Fall hatte es gegeben, als ein mutmaßlicher Drogenhändler, der vor allem Kunden des Clubs Heart am Lenbachplatz mit Rauschmitteln versorgt haben soll, vor Gericht Vorwürfe gegen Polizisten erhoben hatte.

April 2019: Razzia am Lenbachplatz: Mit einem Großaufgebot hat die Polizei das Heart am Lenbachplatz und dort insgesamt 180 Personen kontrolliert. Es kommt zu zehn Festnahmen.

März 2020: Clubbesitzer Chris K. steht vor Gericht. Im Prozess werden weitere Vorwürfe gegen Polizisten laut, die Kokain gekauft und konsumiert sowie auch weitergegeben haben sollen.

Juli 2020: Im Landeskriminalamt wird eine eigene Ermittlungsgruppe („Nightlife“) gegründet. Hier laufen jetzt alle Hinweise zusammen.

September 2020: Durchsuchungen bei 18 Polizisten, darunter 14 Beschuldigte und vier Zeugen.

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