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Abschied vom Hallenkönig

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Von: Johannes Löhr

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Der Hallenunternehmer Wolfgang Nöth lehnt lässig lächelnd an einer seiner Hallen in Aubing. Auf der Mauer steht gesprüht „Herrscher des Südens“
Wolfgang Nöth neben einer seiner Hallen in Aubing © Marcus Schlaf

Mit einer bewegenden Trauerfeier haben Familie, Freunde und alte Weggefährten am Donnerstag Abschied von Wolfgang Nöth genommen. Der Hallenunternehmer hat in den 80ern und 90ern Münchens Nachtleben geprägt wie kein Zweiter. Er ist auf dem Nordfriedhof bestattet.

Es ist ironisch: Ausgerechnet der Mann, der ganz Hallen mit Menschen füllte, darf auf seiner letzten Reise nur von einer kleinen Schar begleitet werden – die Aussegnungshalle des Münchner Nordfriedhofs ist Corona-bedingt mit 25 Personen arg spärlich besetzt. Sicher nicht einfach für Witwe Karin und die Töchter Laila und Marcelina zu entscheiden, wer anwesend sein darf und wer nicht. Dabei hat er Massen zum Tanzen und Feiern gebracht – Wolfgang Nöth, durchsetzungsstarker, unkonventioneller, eigensinniger Impresario und „Hallenkönig“. Der mit der Theaterfabrik, den Räumen im Flughafen Riem und dem Kunstpark Ost München wieder zu einer Stadt mit nennenswertem Nachtleben gemacht hat.

„Wolfgang Nöth konnte in die grindigsten Räume Poesie zaubern“

Till Hofmann, Münchner Kleinkunst-Unternehmer

Das Herz trug der Mann mit den langen Haaren, der Alkohol mied, aber ständig eine Rothändle ohne Filter in der schwieligen Pranke hielt, stets auf der Zunge. Und er hatte es am rechten Fleck, war feinsinniger, als mancher es bei seiner rauen Schale vermutet hätte. „Er konnte in die grindigsten Räume Poesie zaubern“, sagt Till Hofmann, der heute auch da ist. „Und genauso, wie er etwas in Räumen erkannt hat, hat er auch in Menschen etwas erkannt.“ Letztlich sei es Nöth um Vertrauen gegangen. „Er war ein Harter-Handschlag-Typ.“ Hofmann selbst hat das gespürt, als Nöth ihm als relativem Frischling 1996 das Lustspielhaus übergab, das er zuvor mit Bruno Jonas geführt hatte – heute gilt der Niederbayer Hofmann als Münchens Kleinkunst-Institution schlechthin (mit Lustspielhaus, Lach- und Schießgesellschaft, Milla, Bellevue di Monaco).

Wolfgang Nöths blumengeschmücktes Grab am Münchner Nordfriedhof. Er wurde in das Familiengrab seiner Frau gebettet. Links ein Gebinde mit Davidstern, das Marcelina Schwenold, seine Tochter aus erster Ehe, gestiftet hat.
Wolfgang Nöths Grab am Münchner Nordfriedhof. Er wurde in das Familiengrab seiner Frau gebettet. Links ein Gebinde mit Davidstern, das Marcelina Schwenold, seine Tochter aus erster Ehe, gestiftet hat. © Privat

Tochter Laila gibt eine Liebeserklärung ab und singt am Grab

Und so stehen später im strahlenden Sonnenschein viele ehemalige Weggefährten an Nöths Grab und hören Stofferl Well zu, der einen anrührenden letzten Abschied auf der Trompete bläst: die Club-Betreiber Jakob Faltenbacher und Frank Bergmeyer etwa, Gabi Scheffel, früher Mitbetreiberin des Kunstparks. Vroni von Quast und Luise Ramsauer, Fraunhofer-Wirt Beppi Bachmaier und Edel-Gastronom Michael Käfer. Aber auch Karin Frey ist hier, Tochter von Herbert Frey, in dessen Unterföhringer Holzhandel Nöth angestellt war. Frey überließ dem kauzigen Unterfranken Anfang der 80er eine Halle – die spätere Theaterfabrik, in der sowohl Deutschlands Hallenkultur als auch Nöths Imperium ihren Anfang nahmen. Wolfgang Nöth hat also nicht nur vertraut, er hat auch Vertrauen genossen.

Wie sehr er auch Familienmensch war, davon bekommt man einen Eindruck, als Tochter Laila in ihrer Rede von ihrem innigen Verhältnis erzählt – die Liebeserklärung ist der bewegende Höhepunkt der Trauerfeier. Laila singt später mehrere eigene Lieder am Grab. Die selbstbewusste junge Frau war zuletzt als „Münchner Kindl“ Aushängeschild des Oktoberfests. Mit ihrem Vater hat sie in jüngster Zeit zusammengearbeitet, etwa Räume in Freimann gestaltet.

Wolfgang Nöth war Jude und überlebte den Holocaust nur knapp - ein Davidstern am Grab erinnert daran

Hinter Wolfgang Nöths Urne sind in der Aussegnungshalle ein Gebinde mit weißen Rosen drapiert – darin ein weißer Davidstern. Gestiftet hat es Marcelina, Nöths Tochter aus erster Ehe. Wie Flügel hängen rechts und links Gebinde aus weißen Rosen mit den Namen der Enkel Charmaine und Kevin und deren Familien, die heute ebenfalls am Nordfriedhof trauern. Nöth war zwar kein frommer Mensch, doch er hatte jüdische Wurzeln. Seine Familie ist im Holocaust umgekommen, seine Mutter rettete ihm nach seiner Geburt 1943 das Leben, als sie ihn in einem Persil-Karton vor einem Gasthaus in Würzburg abstellte. Er verhehlte nie, dass er Jude war - an die große Glocke hängte er seine Herkunft aber auch nicht – er habe selbst erst mit 16 davon erfahren, als man es ihm in dem Heim erzählte in dem er aufwuchs, sagte er später.

Wohl auch deshalb kümmerte sich Wolfgang Nöth um Menschen in Not – Geflüchtete ebenso wie um Händler auf seinen Flohmärkten, die er zum Essen zu sich nach Hause einlud, wenn sie in Schwierigkeiten steckten. „Bei all der Energie, die dich antrieb und die immer raus musste, war klar, dass tief in dir ein weiches Herz schlug.“ Diesen Satz hat Bruno Jonas für eine Traueranzeige verfasst.

Weil von offizieller Seite der Stadt kaum Resonanz kam, schalteten Nöths Freunde eine ganzseitige Todesanzeige in den Zeitungen

Weil von offizieller Seite der Stadt wenig Reaktion auf den Tod des für die Verwaltung durchaus unbequemen und doch für München so wichtigen Unternehmers kam, schalteten Freude und Mitstreiter am 23. Januar im Münchner Merkur und anderen großen Zeitungen der Stadt eine ganzseitige Annonce – ein wuchtiges Statement, natürlich ohne schwarzen Trauerrand: „Du hast München mit Kreativität, Tatkraft und Durchsetzungsvermögen zum Leuchten gebracht. Du hast einer ganzen Generation von Menschen in die Schuhe geholfen. Danke, Wolfgang. Gute Reise!“ Unterschrieben von Prominenten: von Ottfried Fischer über Georg Ringsgwandl und Konstantin Wecker bis zu Christian Ude.

Alt-OB Christian Ude erinnert an Nöths Sturheit und seine Liebenswürdigkeit

Letzterer ist denn auch an diesem Vormittag gekommen. In seiner Ansprache erinnert der Alt-OB an das ambivalente Verhältnis, das die Stadt zu Nöth gehabt habe. „Er genoss es schon auch, Hallenbesitzer, Immobilien-Verwalter und ganze Rudel von Beamten überrumpeln zu können. bloß weil sie ihn unterschätzten.“ Nöth habe nicht viel Aufhebens um sich selbst gemacht, lieber mit seinen Erfolgen überzeugt, sobald sie nicht mehr aufzuhalten waren. „Er hat München interessanter, jugendlicher, urbaner gemacht. Er entwickelte fortwährend Initiativen und ließ andere die Bedenken tragen – wobei er im Laufe der Jahrzehnte schon lernte, warum es Fluchtwege und Lärmgrenzen braucht und diese möglichst schon vor der Eröffnung gesichert sein sollten.“ Ude erinnert sich an sein eigenes Credo: „Nöth ist eine Strapaze für die Verwaltung, aber ein Segen für die Stadt.“

Nach dem letzten Segen für den Verstorbenen verlassen die Trauergäste den Friedhof – wissend, was Wolfgang Nöth vorgelebt hat: Es ist ein ständiger Kampf, unsere Stadt lebendig und lebenswert zu machen. Einen Kämpfer wie ihn wird es nicht mehr geben.

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