Nicht nur in ihrem Arbeitszimmer nehmen die Bü- cher viel Platz ein. Aenne Hirmers Leben ist geprägt vom gleichnamigen Verlag, den sie mit ihrem Mann Max aufgebaut hat.

Münchner Verlagsgründerin wird 105

Aenne Hirmer: „Man sollte sich nie zu früh aufregen“

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Mit Gelassenheit und Tatkraft hat Aenne Hirmer in 105 Jahren einen Verlag mitaufgebaut und drei Kinder großgezogen. Ein Gespräch mit einer beeindruckenden Frau. 

München - Am Vormittag geht Aenne Hirmer spazieren. Jeden Tag. Mindestens eine halbe Stunde. Da ist sie diszipliniert. „Wenn man in meinem Alter anfängt nachzulassen, ist es vorbei“, sagt sie. 105 ist sie vor Kurzem geworden. „Einfach unglaublich“, beschreibt CSU Stadtrat Marian Offman, der ihr im Namen der Stadt gratuliert hat, ihre gute Verfassung. Vielleicht liegt es auch an ihrem wachen Interesse für alles, was in der Welt so passiert. Die tägliche Zeitungslektüre – selbstverständlich. Ihre Einschätzung: „Zu meinem 100. Geburtstag war die weltpolitische Lage noch deutlich besser.“ Sie nimmt einen Schluck Tee und schaut in den Garten, wo gerade ein Vogel laut zwitschert. Der Lärm der Großstadt – weit weg. Aenne Hirmers Zuhause in Nymphenburg ist eine Oase der Ruhe. Fast so wie damals, als der Stadtteil noch Dorf war.

1955 hatten Aenne Hirmer und ihr Mann Max das Haus gekauft. Lange war es Sitz des Hirmer Verlags, der hier zu einem der weltweit renommiertesten Kunstbuchverlagen heranwuchs. Hier wurden Bilder sortiert, Bücherserien gelegt, Pakete geschnürt – und mittendurch wuselten die drei Kinder des Paares. „Unser Leben war ganz ausgefüllt vom Verlag“, sagt Aenne Hirmer. Und: „Wir haben immer viel Glück gehabt.“ Dass viel harte Arbeit in ihrem Lebenswerk steckt, hört man nur zwischen den Zeilen. Allenfalls ein „ja, das war nicht einfach damals“ ist ihr zu entlocken.

Als junge Frau packte sie im Verlag tatkräftig mit an und hielt zuhause die Stellung, während ihr Mann auf Fotoreisen war.

Leise, aber detailliert, jede Jahreszahl stets parat, erzählt sie ihre Geschichte. Und man kann nur erahnen, wie viel Angst und Unsicherheit sie ertragen musste. Geboren wurde sie im Ruhrgebiet, der Vater, Bergmeister im Staatsdienst, leitete ein Kohlebergwerk. Die Mutter kümmerte sich um Aenne und deren zwei Geschwister. Beide Eltern scheinen starke Persönlichkeiten gewesen zu sein. Aenne Hirmer erinnert sich an den Tag, als die Franzosen vor der Haustür standen, um den Vater abzuholen, weil er sich geweigert hatte, Kohle an sie zu liefern. „Meine Mutter sagte ganz seelenruhig, sie sollten warten, weil mein Vater noch frühstücken müsse“, erzählt Aenne Hirmer. Und die Franzosen warteten.

„Kinder, regt euch nie zu früh auf, später braucht ihr eure Nerven“, habe die Mutter immer gesagt, erinnert sich die Seniorin. Ein Spruch, den sie sich zu Herzen nahm. Ärgern bringt nichts. Man muss handeln. „Alle in der Familie waren recht tatkräftig“, sagt sie.

1934 heiratet sie ihren Max, den sie kannte, seit sie zehn war. Im gleichen Jahr zieht sie mit ihm nach München, wo er als Botaniker eine Professur an der Universität innehat. Die erste gemeinsame Wohnung beziehen sie an der Maria-Ward-Straße, wo gerade mal zwei Häuser stehen. Das unbeschwerte Eheglück währt nur kurz. 1936 wird Max Hirmer wegen „politischer Unzuverlässigkeit“ von den Nazis von seinem Posten entlassen. „Mein Mann hat immer offen seine Meinung gesagt, auch als er wieder aus der Partei ausgetreten ist“, sagt Aenne Hirmer.

Als kleines Mädchen (re. mit etwa vier Jahren) wuchs sie im Ruhrgebiet auf. Mit ihrem Mann Max zog sie nach München.

Wie das Leben in den folgenden Jahren funktioniert hat, ist schwer vorstellbar. Max Hirmer war von allen Ins-titutionen ausgeschlossen. Wer Kontakt mit ihm hatte, riskierte, selbst die Arbeit zu verlieren. „Wir haben uns von allen zurückgezogen“, erzählt Aenne Hirmer. Selbst ihren Familien erzählte das Paar nichts. Wie das funktionierte? „Wir haben uns irgendwie durchgemogelt“, sagt sie, mehr nicht. In dieser Zeit kamen die drei Kinder zur Welt. Der Sohn 1939, die beiden Töchter 1942 und 1943. „Im Nachhinein habe ich mir oft gedacht, ich muss verrückt gewesen sein, gerade während der schwierigsten Jahre Kinder in die Welt zu setzen.“ Irgendwie schaffte die Familie den Alltag, überlebte. „Ich habe versucht, das ganze Kriegsgeschehen auszublenden.“

Als der Krieg vorüber war, gab es nur den Blick nach vorn. Das Haus an der Maria-Ward-Straße war weitgehend unversehrt geblieben. Die Familie musste zusammenrücken für Bekannte, die wegen der großen Zerstörungen in der Stadt keine Bleibe mehr hatten. Improvisieren war angesagt. In alten Wehrmachtsbaracken baute ein Lehrer eine Schule auf, die die Hirmer-Kinder besuchten – das spätere Nymphenburger Gymnasium.

40 Mark waren das Startkapital für den Verlag, den Max Hirmer schließlich gründete. „Er kam aus einer Verlagsfamilie und hatte sich immer schon für die Fotografie interessiert“, erzählt Aenne Hirmer. Acht Tage nach der Währungsreform bekam er die Zulassung für seinen Hirmer Verlag. Das Problem: Papier war stark rationiert. Allein Fotopapier war zu bekommen. Und so wurde das erste Produkt des Hirmer Verlags ein Mäppchen mit Postkarten von der Wieskirche. Es folgten weitere Postkartenmäppchen des bayerischen Barock und Rokoko. Sie kamen gut an. Max Hirmer fotografierte und schrieb kleine kunsthistorische Texte dazu. Seine Frau kümmerte sich um den Vertrieb. Mit einem alten stabilen Fahrrad strampelte sie die Pakete zur Post. „Wir haben nie Marktforschung betrieben, das Programm entsprach den Interessen meines Mannes“, sagt Aenne Hirmer. Interessen, die offenbar viele Menschen teilten. Es folgten Bücher über griechische Vasen in der Glyptothek, dann ein erstes großes Buch über Ägypten. 1955 reiste das Paar dorthin. Mit dabei: der 15-jährige Sohn, der die Fotoleidenschaft des Vaters teilte.

Max Hirmer unternahm viele weitere Reisen. Seine Frau hielt zuhause die Stellung. Zwei ihrer Kinder stiegen später im Verlag ein, eine Tochter lernte Buchhändlerin. München erblühte dank Wiederaufbau in neuem Glanz. Das Stadtviertel Nymphenburg wuchs und wuchs, ebenso der Hirmer Verlag. Zur Antike und dem Mittelalter kamen weitere Themen wie Architektur, Malerei und wissenschaftliche Publikationen. Wenn Aenne Hirmer im hektischen Alltag unbedingt mal Ruhe brauchte, setzte sie sich auf ihr altes Fahrrad und radelte durch die Gegend.

Ruhe hat sie mittlerweile viel. Ihr Mann ist vor mehr als 30 Jahren gestorben, der Verlag an die Nymphenburger Straße umgezogen. Bücher liebt Aenne Hirmer bis heute, vor allem Werke mit geschichtlichem Hintergrund und Biografien. Aus dem Verlag hat sie sich ganz zurückgezogen – auch wenn sie noch lange mitgeholfen hat. „Mit 95 habe ich noch Bücher lektoriert“, sagt sie. Bis zum 100. Geburtstag reiste sie auch noch alleine. Gerne nach Meran. Den besorgten Kindern zuliebe nahm sie zuletzt ein Handy mit. „Ist ja schon sehr nützlich.“ Näher befassen mag sie sich mit der neuen Technik nicht, – auch wenn sie gerne mal am Computer eine Patience legt.

In die Stadt kommt sie nur selten. „Der ganze Lärm dort, das ist doch verrückt“, sagt sie. „Früher gab es nicht so viel Hast.“ Einsam ist sie trotzdem nie. Da sind Familie, Freunde und Bekannte. Viele hätten sich nach längerer Zeit wieder zu ihrem 100. Geburtstag gemeldet. Aenne Hirmer lächelt: „Da haben sie wohl gemerkt: ach, die lebt ja immer noch.“

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