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Verstehen nicht, dass die Weitervermietung ihrer günstigen Wohnung so lang dauert: Daniel und Nadine Herzog mit ihrer Tochter Emily.

Gewofag

Keiner will diese Traum-Wohnung! Was läuft da eigentlich falsch? 

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Auf eine geförderte Wohnung kommen in München hunderte Bewerber. Familie Herzog versteht darum nicht, warum es keinen Nachmieter für ihre attraktive Gewofag-Wohnung in Neuhausen gibt – seit drei Monaten. Was läuft da falsch bei der Stadt?

München - Was für ein Traum: Familie Herzog wohnt an der Wälsungenstraße in Neuhausen, nahe dem Hirschgarten. Drei Zimmer, Balkon, Parkett, 75 Quadratmeter, 900 Euro kalt, Vermieter ist die städtische Gewofag. Nun ziehen die Herzogs aus. Welcher Münchner schleckt sich nicht die Finger nach einer solchen Wohnung? Aber: „Es gibt kaum Interessenten“, sagt Nadine Herzog. „Das macht mich sprachlos. In München herrscht doch Wohnungsmangel!“ 

Weil die 40-Jährige und ihr Mann Daniel sich fragen, was da los ist, haben sie sich an unsere Zeitung gewandt. Regelmäßig gibt es neue Horrormeldungen vom Wohnungsmarkt. Die Stadt kann aktuell rund 78.500 Wohnungen belegen. Rund 43.800 davon sind Sozialwohnungen mit günstiger Miete. Die anderen 34.700 sind Wohnungen im Belegungsbindungsvertrag, den die Stadt mit den Wohnbaugesellschaften Gefowag und GWG geschlossen hat. In den meisten davon gilt: Wer die Einkommensgrenze einhält, zahlt eine Miete von 20 Prozent unterhalb des Mietspiegels. Vergeben werden alle Wohnungen über das Amt für Wohnen und Migration, das auch die Berechtigungsscheine ausstellt. Doch weil die Fluktuation gering ist, kann die Stadt jedes Jahr nur rund 3200 Wohnungen neu verteilen – während auf der Warteliste 13.000 Münchner mit der allerhöchsten Dringlichkeitsstufe stehen.

In drei Monaten nur ein Interessent

„Wir haben fristgerecht zu Ende Februar gekündigt“, sagt Nadine Herzog. Doch seit der Kündigung im November kam nur eine einzige Interessentin vorbei, im Januar. „Sie huschte herein, grüßte nicht mal, und dann lehnte sie die Wohnung ab“, erzählt Herzog.

Die 34.700 Belegungsbindungs-Wohnungen sind laut Sozialreferat in Kontingente aufgeteilt. 50 Prozent gehen an städtische Dienstkräfte, 20 Prozent an Wohnungslose, 15 Prozent an allgemein Wohnungssuchende, 15 Prozent sind Eigenvergaben von Gewofag und GWG. Im Fall der Herzogs handelt es sich laut einer Gewofag-Sprecherin „um einen normalen Vermietungsprozess“. Zunächst sei die Wohnung drei Eigenvergabe-Interessenten angeboten worden. Diese hätten die Wohnung aber wegen ihres Grundrisses abgelehnt, ohne sie besichtigt zu haben.

Wegen des Grundrisses? Daniel Herzog, der bei den Stadtwerken angestellt ist und als Schichtleiter in einem Schwimmbad arbeitet, ist fassungslos. Wohnzimmer, Schlafzimmer, kleines Kinderzimmer, Küche: „Das ist doch super!“

Warum gibt es keinen Mieter?

Nachdem die Eigenvergabe-Kandidaten abgelehnt hatten, meldete die Gewofag die Wohnung elektronisch an die städtische Plattform Sowon („Soziales Wohnen online“) als frei. Laut Sozialreferat wurde sie dort zweimal für städtische Dienstkräfte angeboten. Doch deren Interesse war offenbar gering. Das dritte Angebot auf Sowon, das am Freitag auslief, war schließlich für alle Zielgruppen geöffnet. Ergebnis: mehr als 100 Interessenten. Von ihnen wählt das Wohnungsamt fünf mit der höchsten Dringlichkeit aus, die die Gewofag dann zur Besichtigung lädt.

Der erste „Lauf“ dauere üblicherweise rund vier Wochen, „dann ist die Wohnung vermietet“, so die Gewofag-Sprecherin. 2017 seien 95 Prozent der Wohnungen so vergeben worden. Das Verfahren sei effizienter geworden, seit es Sowon gibt: Vorher habe es bei jeder vierten Wohnung mindestens zwei Läufe gebraucht. Dass die Vermietung wie bei den Herzogs zwei oder drei Läufe brauche, „kann in manchen Fällen vorkommen“. Sie ist zuversichtlich, dass das Amt in Kürze die Interessenten nennt: „Wir gehen von einer Anschlussvermietung zum 1. März aus, sodass die Wohnung keinesfalls leer steht.“

Für die Herzogs, die mit ihrer vierjährigen Tochter Emily zurück in ihre Heimatstadt Dresden ziehen, erklärt das nicht, warum das Verfahren so lange dauert. Sie sehen nur, dass sie nun unter Druck geraten. Das Paar hätte die selbstgekaufte Küche gerne von einen Nachmieter ablösen lassen – was natürlich nicht funktioniert, wenn es keinen gibt.

Video: So funktioniert der Betrug mit den Wohnungen

So regelt die Stadt München die Wohn-Förderung

Von den 78.500 Wohnungen, über die die Stadt verfügt, sind rund 43.800 Sozialwohnungen in der Förderung. Die anderen 34.700 sind Wohnungen im Belegungsbindungsvertrag mit den Wohnbaugesellschaften Gefowag und GWG. In den meisten davon gilt: Wenn die Mieter unter der Einkommensgrenze verdienen, zahlen sie 20 Prozent unter dem Mietspiegel. Vergeben werden alle diese Wohnungen über das Amt für Wohnen und Migration. Die Belegungsbindungs-Wohnungen sind laut Sozialreferat in Kontingente aufgeteilt. 50 Prozent gehen an städtische Dienstkräfte, 20 Prozent an Wohnungslose, 15 Prozent an Wohnungssuchende, und 15 Prozent sind Eigenvergaben von Gewofag und GWG.

Christine Ulrich

Wohnungssuche in München: Für manch einen ist das der blanke Horror. Ein Jodel-Post hat den Miet-Wahnsinn in der Landeshauptstadt nun humorvoll eingefangen.

Viele wollen raus aus der Stadt. Doch lässt es sich dort noch leben? Hier finden Sie die Mieten im Münchner Umland im Vergleich.

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