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Der Chef mit seinem Schützling: Simon Haddadin leitet das Münchner Start-up Franka Emika. Sein Team tüftelt an „Garmi“, dem Haushaltsroboter der Zukunft.

Probebetrieb beginnt 2018

Münchner Start-Up entwickelt Roboter „Garmi“ als Alltagshelfer für Senioren

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Die Münchner Firma Franka Emika hat einen flexiblen Roboter konstruiert, mit dem sie für den Deutschen Zukunftspreis nominiert ist. „Garmi“ soll der erste echte Haushaltsroboter werden, der älteren Menschen lästige Alltagstätigkeiten abnimmt. Und das bald: Der Probebetrieb beginnt 2018.

München – Simon Haddadin greift nach „Panda“. Mit sanftem Nachdruck führt er den weißen Roboterarm, etwas wuchtiger als sein menschliches Pendant, über ein Kästchen, in dem mehrere Computerchips liegen. Dann weist er dem Arm, der mit sanftem, geduldigem Surren Folge leistet, den Weg zu einer kleinen Schachtel. Es sieht aus, als bringe der 31-Jährige einem Kleinkind bei, Bauklötze zu sortieren. Und wie ein braves Kind hat „Panda“ aufgepasst: Ein Knopfdruck auf dem Laptop und die Maschine räumt die Chips selbstständig mit ihrem Saug-Greifer in die Schachtel. Am Stützfuß klebt ein Sticker mit der Aufschrift „Made in Germany“.

„Im Moment sind wir weltweit führend“

Mitten in München-Schwabing, hinter den senfgelben Fassaden der ehemaligen Luitpold-Kaserne beginnt in den Räumen des Start-up-Unternehmens Franka Emika gerade die Zukunft. Denn so gelehrig wie „Panda“, so einfach und zügig programmierbar und gleichzeitig so beweglich, ist kaum ein anderer Greifroboter auf der Welt. Und Simon Haddadin hat ihn entwickelt, gemeinsam mit seinem Bruder Sami (37), Professor für Robotik an der Uni Hannover. Warum schafft ein Münchner Start-up, woran Software-Riesen wie Google, das seine Roboter-Sparte so gut wie aufgegeben hat, gescheitert sind? Es liegt an der deutschen Expertise in Sachen Hardware und Regelungstechnik – kombiniert mit einem guten Programmierer-Team, glaubt Simon Haddadin und sagt nach einem fast staunenden Zögern und Räuspern: „Im Moment sind wir weltweit führend.“

Die Haddadins, die am Deutschen Luft- und Raumfahrtzentrum (DLR) in Oberpfaffenhofen (Kreis Starnberg) zur Robotik kamen, haben das Start-up Franka Emika gegründet, das auf gut 90 Mitarbeiter angewachsen ist. Die Firma fertigt seit Kurzem in einer Fabrik im Allgäu und beliefert Kleinunternehmer und die Industrie mit den „Panda“-Roboterarmen. Die sind ab 11 000 Euro zu haben und verrichten einfache Arbeiten wie das Bestücken von Maschinen. In München ist Franka Emika nun dabei, aus „Panda“ einen Roboter für den Privatgebrauch zu entwickeln, zweiarmig und mobil, der mehr kann als nur Staubsaugen oder Rasenmähen. „Hinter solchen Aufgaben steckt keine Intelligenz“, sagt Haddadin. Sein Team wagt den nächsten Schritt.

Wohin der führt, zeigt ein Spaziergang durch die Gänge des Start-up-Unternehmens, die den Charme des kalifornischen Silicon Valley versprühen: Armdicke Kabelbündel verlaufen unter gläsernen Bodenplatten, über die bärtige Mittzwanziger in Kapuzenpullis Kisten mit Kabeln, Roboter-Greifarmen und Computerteilen schleppen. Im Büro des Chefs steht ein Schreibtisch im Kabelsalat, daneben eine E-Gitarre.

Die wahre Attraktion findet sich aber in einer halbdunklen Ecke eines in schlichtem Weiß gehaltenen Raums. Dort steht, etwas einsam, der Roboter „Garmi“. Er wirkt fast menschlich – und doch wie aus einem Science-Fiction-Film: etwa 1,40 Meter groß, ein mit zahlreichen Sensoren bestückter Kopf, der aussieht wie ein Astronautenhelm. Der rundliche Körper ist mit zwei „Panda“-Greifarmen bestückt und ruht auf versteckten Rollen.

Noch ist „Garmi“ nur ein Prototyp, erkennbar darauf ausgelegt, so wenig bedrohlich wie möglich zu wirken. „Hollywood hat uns einen Bärendienst erwiesen“, sagt Haddadin mit Blick auf zahlreiche Filme, die Horrorvisionen von weltbeherrschenden Maschinen zeichnen. Dabei bedeute das Wort Roboter ursprünglich „Sklavenarbeit“.

„Garmi“ ist als braver Diener konzipiert. Schon 2018 soll er sich in einem Probelauf als Alltagshelfer beweisen: In Garmisch-Partenkirchen, daher auch der Name, wird „Garmi“ anfangs noch teils ferngesteuert und ständig überwacht. Er soll zum Beispiel Essenstabletts im betreuten Wohnen ausfahren und älteren Menschen einfache Haushaltsaufgaben abnehmen: die Spülmaschine einräumen, Kaffee kochen, vielleicht sogar ein Spiegelei herausbraten. „Das kann er jetzt schon“, sagt Simon Haddadin. Alles eine Frage der Programmierung.

Die funktioniert per App auf dem Smartphone oder Laptop. Statt einer komplizierten Programmiersprache braucht „Garmi“ nur jemanden, der mit ihm die nötigen Bewegungen übt. Dabei reagiert der Roboterarm so empfindlich wie ein Mensch auf Körperkontakt. Das verhindert Verletzungen und Beschädigungen in seinem Arbeitsbereich. „Wir sind feinfühlig“, sagt Haddadin, der selbst Medizin studiert hat.

Menschliche Helfer braucht es trotzdem

Menschliche Pfleger ersetzen soll „Garmi“ aber nicht. Mehr als drei Kilogramm kann der vergleichsweise zierliche Roboterarm nicht stemmen. Um einen Menschen anzuziehen oder zu waschen, fehlt ihm schlicht das Muskelschmalz. Haddadin hofft aber, dass „Garmi“ irgendwann menschliche Helfer so weit entlasten kann, dass die wieder mehr Zeit für Pflege und Fürsorge haben.

Gedanklich sind die Brüder Haddadin derweil schon einen Schritt weiter. Dank einer Kooperation mit der Technischen Universität München träumen sie von einem „Automation Valley“ in der Landeshauptstadt, einem weltweit führenden Robotik-Zentrum, das eine Vielzahl von Firmen und Wissenschaftlern anlocken soll. Und bei Franka Emika tüfteln sie hinter verschlossenen Türen schon am nächsten großen Ding. Was das ist, verrät Simon Haddadin noch nicht. Wohin die Reise bei der Robotik führt, liegt für ihn aber auf der Hand: „Es muss für die Menschen immer einfacher werden.“

von Josef Ametsbichler

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