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Meine zehn Stunden von München nach Berlin: Wir haben das 9-Euro-Ticket ausprobiert

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Von: Leonie Hudelmaier

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Für neun Euro von München nach Berlin - wir haben es getestet. Unsere Reporterin setzte sich über zehn Stunden lang in Regionalzüge.

München/Berlin – Von München nach Berlin in viereinhalb Stunden. Klingt wie ein Werbeslogan, ist aber dank gutem Streckenausbau mittlerweile möglich. Doch wer spontan einen Trip in die Hauptstadt plant, muss eine Stunde vor Abfahrt knapp 126 Euro zahlen, eine halbe Stunde vorher klettert der Preis sogar auf 146 Euro. Es geht aber auch fast umsonst – mit dem 9-Euro-Ticket, das es nun für drei Monate gibt. Der Haken an der Sache: Die Fahrt dauert. Lohnt sich das? Ein Selbstversuch im Ticker.

6.30 Uhr: Blauer Himmel, strahlender Sonnenschein – perfektes Reisewetter. Am Münchner Hauptbahnhof ist früh morgens schon einiges los. Beim Bäcker und im Supermarkt stehen die Menschen Schlange. Wie wird es dann wohl erst in den Zügen?

Mit dem 9-Euro-Ticket von München nach Berlin: Zwei Minuten Verspätung zum Start

7.07 Uhr: Der Zug fährt mit zwei Minuten Verspätung ab. In der App der Deutschen Bahn stand eben noch, dass der RE 1 nach Nürnberg zwölf Minuten Verspätung hat – aber ich lasse mich gerne positiv überraschen. Und noch eine Überraschung: Der Zug ist kaum belegt – fast schon leer.

7.30 Uhr: Zeit für Kaffee. In welcher Richtung ist wohl das Bordbistro? Ah richtig, ich fahre mit dem Regio, da gibt es keine Verpflegung – hoffentlich aber eine Toilette. Und gibt es Steckdosen?

7.38 Uhr: Grüne Landschaften und sogar kleine Klatschmohnfelder ziehen an mir vorbei. Eigentlich ganz schön, die Umgebung mal nicht nur im Schnelldurchlauf bei über 200 km/h zu sehen. Die vorbeifahrenden Züge nach München sehen deutlich voller aus als dieser aus München heraus.

Mit dem 9-Euro-Ticket von München nach Berlin: Pünktlich in Nürnberg

7.51 Uhr: In Ingolstadt steigen ein paar Gäste zu, aber noch lange nicht sind alle Plätze besetzt. Bei dem zehnminütigen Halt steht ein paar Gleise weiter ein ICE. Endlich eine Möglichkeit, an WLAN zu kommen. Keine wichtigen E-Mails. Bevor es weitergeht, bläst die Lüftung immer wieder kurz und lautstark kalte Luft in den Waggon – fast so, als würde der Zug ein- und ausatmen. Jetzt ist es kalt hier drin.

8.15 Uhr: Ich werde das erste Mal kontrolliert. Ein Blick vom freundlichen Schaffner – alles passt! Als würde es das 9-Euro-Ticket schon ewig geben. Update: Steckdosen findet man unter dem Sitz und Toiletten gibt es auch.

8.47 Uhr: Überpünktlich kommen wir in Nürnberg an. Am Hauptbahnhof tummeln sich Schulklassen, Pendler und Reisende. Hier geht es erst wieder in 51 Minuten weiter. Zeit für den ersehnten Kaffee.

9.30 Uhr: Der RE 42 nach Leipzig fährt ein. Der Bahnsteig ist gesteckt voll und es dauert sieben Minuten, bis alle Fahrgäste eingestiegen sind. Ich ergattere einen Sitzplatz, in den Gängen stehen die Menschen. Das 9-Euro-Ticket ist Dauergesprächsthema. Ein Rentner-Ehepaar fährt zu einem Wander-Ausflug nach Bamberg. Der gleichaltrige Nebensitzer ist ebenfalls mit dem 9-Euro-Ticket unterwegs – zu seinem Klassentreffen von Stuttgart aus.

Mit dem 9-Euro-Ticket von München nach Berlin: In Fürth steigt niemand aus

9.45 Uhr: Wir fahren mit acht Minuten Verspätung los. Ich wünsche mir die kühle Luft aus dem Nürnberg-München-Express zurück. Nur noch 35 Haltestellen.

9.51 Uhr: In Fürth steigt gefühlt niemand aus. „Bitte aus den Lichtschranken treten“, leiert der Schaffner genervt durch die Lautsprecher.

11.00 Uhr: Alle drei bis vier Minuten hält der Zug in kleinen Dörfern. In den Waggons sitzen Rentner, Studenten, Familien mit kleinen Babys und auch ein Polizist, der seit 4.34 Uhr von Übersee am Chiemsee unterwegs ist. Seine Reise geht mit sieben Zügen nach Bremen, Ankunft 20.25 Uhr. Er will in seiner restlichen Urlaubswoche mal einen Kontrast zu den Bergen und sich als Polizist auch mal „anonym unter die Leute mischen“. Dagegen wirken meine neuneinhalb Stunden Fahrt nach Berlin fast schon wie ein Klacks.

11.18 Uhr: In Kronach läuft am Bahnsteig eine Anzeige: „RE 42 heute voll besetzt, wir empfehlen Alternativen.“ Nach Alternativen sieht es hier allerdings nicht aus. Nur zwei der drei Toiletten sind geöffnet. Ich kämpfe mich durch die Gänge zum nächsten WC. Hier scheint die Klimaanlage zu funktionieren.

11.40 Uhr: Vor Ludwigsstadt ist die Landschaft nicht mehr so grün. Viele Bäume sind abgeholzt, die Landschaft liegt in Brauntönen. Noch 13 Stationen bis Leipzig – momentan mit zwölf Minuten Verspätung. Bei einer Umsteigezeit von ebenfalls zwölf Minuten wird es knapp, den Anschluss zu bekommen.

Mit dem 9-Euro-Ticket von München nach Berlin: Schaffnerin rät zum viel Zeit einplanen

12.29 Uhr: Zwei Bahnangestellte kontrollieren die Tickets. Die Schaffnerin berichtet, dass sie heute gerade mal zwei Fahrgäste hatte, die nicht mit dem 9-Euro-Ticket unterwegs waren. „Und das ist nur der Anfang“, glaubt sie mit Blick auf die Feiertage. Ob wir die Verspätung noch aufholen, hängt von der Ein- und Aussteigezeit in Jena ab. Die Schaffnerin erklärt den nervös werdenden Gästen, dass jetzt drei Monate lang „viel Zeit eingeplant“ werden muss.

12.58 Uhr: In Camburg steigt eine Schulklasse zu. Jugendliche, die im Gang stehen, werden weggeschickt mit den Worten: „Hier braucht ihr es gar nicht versuchen, es ist voll.“ Die Schaffnerin macht eine Durchsage: Alle sollen ihre Gepäckstücke verstauen, damit auch jeder Sitzplatz belegt werden kann.

13.41 Uhr: Langsam wird die Stimmung angespannt. Das Baby im Waggon wird nach über vier Stunden Fahrt unruhig. Eine Frau wirft ihrem Mann vor: „Du wirkst so gestresst.“ Ein billiges Männer-Deo vernebelt die Luft. Zeit auszusteigen. Die Ersten positionieren sich schon an den Ausgängen, um schnell ihren Anschluss zu bekommen.

Mit dem 9-Euro-Ticket von München nach Berlin: Ankunft in Leipzig

13.52 Uhr: Ankunft in Leipzig! Der Anschlusszug fährt gegenüber, die Verspätung wurde eingeholt, also muss ich mich nicht sehr hetzen. Fast alle aus dem Franken-Thüringen-Express wechseln in den RE 12 Richtung Magdeburg Hauptbahnhof. Schön, sich etwas die Beine zu vertreten.

14.04 Uhr: Der Zug fährt ab, fünf Stationen bis nach Dessau. Der Regio ist deutlich kürzer und hat nicht die klassisch rote DB-Farbe, sondern ist grau-silbern. Dafür gibt es aber auch WLAN. Mal wieder ist jeder Sitzplatz besetzt.

14.20 Uhr: Wir fahren durch kleinere Dörfer mit verlassenen Fabriken. Ein Vater ist mit seinen zwei kleinen Kindern auf dem Weg in den Urlaub. Sie sind bepackt mit Rädern, Postkisten, in denen sich ihr Gepäck befindet und Mittagessen in Tupperboxen. „Letztes Mal war der Rhabarberkuchen besser“, erklärt ein Kind dem Vater. Dann erklärt er den Kindern Schafkopf mit bayerischen Karten – mitten in Sachsen-Anhalt.

14.47 Uhr: Pünktlichst kommen wir in Dessau an, der nächste Zug fährt in 18 Minuten weiter. Am Bahnsteig stehen nicht mehr so viele Menschen wie an den Stationen vorher. Aber ich erkenne altbekannte Gesichter aus dem Franken-Thüringen-Express.

Mit dem 9-Euro-Ticket von München nach Berlin: RE7 zum Hauptbahnhof

15.05 Uhr: Die letzte Etappe! Der RE 7 fährt nach Zossen und hält auch am Berliner Hauptbahnhof. Mit im Zug ist eine Gruppe Kindergartenkinder. Fröhlich jubilieren sie, dass sie Richtung Berlin fahren. Wahrscheinlich fahren alle in diesem Zug gen Hauptstadt.

15.25 Uhr: Der Blick aus dem Zugfenster erinnert mich an Bayern. Gemütlich grasende Kühe ziehen vorbei, irgendwo zwischen Jeber-Bergfrieden und Medewitz. Im Schnelldurchlauf war ich die letzten eineinhalb Stunden in den Bundesländern Sachsen, Sachsen-Anhalt und Brandenburg.

15.51 Uhr: Immer wieder steigen Menschen zu und wieder aus. Ein kleiner Bub winkt müde dem wegfahrenden Zug. Auch mich überkommt langsam die Müdigkeit. Ich bin froh, dass der Berliner Hauptbahnhof nur noch 45 Minuten entfernt ist. Und offenbar sind wir pünktlich.

16.00 Uhr: Es ist Feierabend in Beelitz-Heilstätten. Der kleine Bahnsteig ist voll mit Menschen, die zusteigen.

16.26 Uhr: Berlin Wannsee. Ich denke an meine Badehose, die ich nicht eingepackt habe. Noch 20 Minuten, dann habe ich es geschafft. Immerhin bin ich hier schon mal im richtigen Bundesland.

Mit dem 9-Euro-Ticket von München nach Berlin: Fernsehturm in Sicht

Unsere Reporterin Leonie Hudelmaier reiste mit dem 9-Euro-Ticket von München nach Berlin.
Unsere Reporterin Leonie Hudelmaier reiste mit dem 9-Euro-Ticket von München nach Berlin. © fkn

16.44 Uhr: Ich kann den Fernsehturm schon sehen. Gleich bin ich in der Hauptstadt. Hinter mir erzählt ein Mann seinem Nebensitzer, dass er extra heute von Dessau in den Zug gestiegen ist, um das 9-Euro-Ticket auszuprobieren.

16.47 Uhr: Angekommen – mit drei Minuten Verspätung! Ich schäle mich aus dem Sitz. Ich habe es geschafft, mit drei Mal umsteigen trotzdem pünktlich zu sein. Klar, es ist noch nicht Ferienzeit, aber wer Muse und Zeit hat, für den ist die 9-Euro-Tour eine sehr günstige Alternative zum ICE für 146 Euro. Außerdem kommt man immer mit Mitreisenden ins Gespräch. Ein kleiner Tipp noch zum Schluss: Am besten unterschiedliche Kleiderschichten anziehen, denn das mit der Wärme- und Kälteregulierung scheint in jedem Zug anders zu sein. VON LEONIE HUDELMAIER

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