Ärger um Nockherberg-Rede

Luise Kinseher: „Ich brauche keine Gnade der CSU“

  • schließen
  • Johannes Löhr
    Johannes Löhr
    schließen

München - Ungewohnt scharf haben CSU-Politiker am Mittwoch auf die Fastenpredigt von Luise Kinseher auf dem Nockherberg reagiert. Auch am Tag danach zeigt sich der besonders gescholtene Finanzminister Markus Söder noch dünnhäutig – aber auch betont gnädig. Kinseher sagt: Auf Gnade sei sie nicht angewiesen.

Luise Kinseher hatte den Unmut der CSU natürlich schon während ihrer Rede deutlich gespürt. Als die „Mama Bavaria“ hinterher in die Umkleide gekommen sei, so berichten Mitglieder des Singspiel-Teams, habe sie geseufzt: „So schlecht ham’s mich noch nie behandelt.“

Wie berichtet, hatten insbesondere Ministerpräsident Horst Seehofer und Finanzminister Markus Söder Kinsehers Fastenpredigt mit eisigen Mienen verfolgt (während sich Kollegin Ilse Aigner prächtig amüsierte). Besonders frostig war die Atmosphäre bei den Passagen über die Asylpolitik, die Nähe zur AfD und Seehofers Putin-Besuch. Hinterher kritisierten CSUler zudem die Formulierung, Söder habe „moralische Legasthenie“. Landtagspräsidentin Barbara Stamm warf Kinseher vor, ihre Rede sei frauenfeindlich gewesen, weil sie besonders viele Mandatsträgerinnen aufs Korn genommen habe.

Seehofer: Ich muss mich auch jeden Tag Kritik stellen

Am späten Mittwochabend noch sagte Seehofer unserer Zeitung, die Rede sei bei den CSU-Kollegen im Saal wesentlich negativer angekommen als etwa die Skandal-Predigt von Michael Lerchenberg im Jahr 2010. Seehofers Fazit: „Wenn etwas Mittelmaß ist, darf man sich nicht anlügen, sondern muss ehrlich sein. Ich merke bei manchen meiner Reden auch nach zehn Minuten: Das ist daneben.“ Dann wieder die Kurve zu kriegen, sei kaum möglich, sagte er schmunzelnd. Luise Kinseher müsse sich dieser Kritik stellen. „Ich muss das auch jeden Tag.“

Am Tag nach dem Nockherberg ist bei Söder noch immer eine allenfalls mittelmäßige Laune zu spüren. „Insgesamt war die Rede… ja…. geht schon“, sagt der Finanzminister gedehnt. Seinen teils versteinerten Gesichtsausdruck während der Predigt räumt er gern ein: „Man muss sich nicht wegschmeißen vor Lachen bei schlechten Gags.“ Söder nimmt Kinseher den Legasthenie-Spruch tatsächlich übel. Einen Boykott erwägt er für 2017 trotzdem nicht: „Ich halte viel aus.“ Er habe Kinseher im Übrigen verziehen: „Ich habe Nachsicht. Ich vergebe ihr.“

In der Opposition weiß man derweil gar nicht, über was man sich mehr freuen soll: über die Kinseher-Watschn oder über Söders Miene. „Das muss man aushalten“, belehrt ihn SPD-Fraktionschef Markus Rinderspacher. „Danach dann die beleidigte Leberwurst zu geben, ist daneben.“

Zu brav ist Kinseher jetzt nicht mehr

Oberbürgermeister Dieter Reiter stellt augenzwinkernd fest: „Herr Söder hat sich sicherlich nicht grandios amüsiert, er ist halt ein sensibler Mensch.“ Den Unmut teilen will der SPD-Politiker, der beim Derblecken glänzend weggekommen war, natürlich nicht. „Luise Kinseher ist immer gescholten worden, dass sie zu brav ist. Das war sie diesmal sicher nicht – aber das muss man auch aushalten können. Der Nockherberg ist ja schließlich kein Parteitag oder der politische Aschermittwoch.“

Alt-OB Christian Ude (SPD) bricht eine Lanze für die Rede der Mama Bavaria: „Ich war begeistert. Luise Kinseher verbindet Kabarett mit Haltung.“ Den Vorwurf von Barbara Stamm kann Ude nicht nachvollziehen. „Es ist doch die Frage, was frauenfeindlich ist: Wie Frauen in der Politik behandelt werden, oder dass man es benennt?“ Generell habe Kinseher in der Flüchtlingsfrage klar Position bezogen für einen humanitären Umgang mit Menschen in Not. „Sie hat das Mutterbild mit Inhalt gefüllt.“

Regisseur Marcus H. Rosenmüller quittiert das Lob für sein Singspiel und die Kritik an Kinsehers Rede durch die CSU gewohnt lapidar: „Da kann man nur sagen: Sie hat’s richtig gemacht – und wir falsch.“

Nach der Fastenpredigt: Bei Paulaner bleibt man gelassen

Auch bei der Paulaner-Brauerei sieht man die Sache gelassen. Und Luise Kinseher? Die ist auf dem Weg Richtung niederbayerische Heimat, als man sie am Handy erwischt. „Auf dem Nockherberg wird halt politisch reagiert“, sagt sie. „Und Gott sei Dank bin ich nicht auf die Gnade der Politiker angewiesen.“ Heuer hätten die Nerven wegen der Flüchtlingsfrage blank gelegen, so die Kabarettistin. „Aber ich kann ja schlecht vorher bei der CSU anfragen, wie gut auf einer Skala von 1 bis 10 sie meine Pointen vertragen.“

Nach sechs Jahren sei man ohnehin abgehärtet, sagt Kinseher. „Ich bin ja auf dem Weg zur Rekord-Predigerin.“ Dennoch sei die Salvator-Probe für sie nach wie vor spannend. „Ich denke mir jedes Mal: Das tue ich mir nicht mehr an. Und dann reizt’s mich doch wieder.“ Wichtiger als die Meinung der Politiker sei ihr ohnehin etwas anderes, sagt sie lachend: „Meine Kabarett-Kollegen haben mich am Mittwoch gelobt. Das kommt so gut wie nie vor.“

Ein Blick in Seehofers Hirn: Das Nockherberg-Singspiel in Bildern

Diese Promis gaben sich am Nockherberg die Ehre

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Münchner Mädchen verzweifelt: Papa, komm heim!
Zwei Fürstenrieder Schwestern suchen verzweifelt nach ihrem Papa. Vor zwei Wochen ging er zum Tanzkurs - und kam nicht mehr heim.
Münchner Mädchen verzweifelt: Papa, komm heim!
Scientologe in führender Position? Zoff im Haus der Kunst
Im weltweit bekannten Museum Haus der Kunst soll ein Scientologe in führender Position tätig sein. Dem Aufsichtsrat ist das seit anderthalb Jahren bekannt, passiert ist …
Scientologe in führender Position? Zoff im Haus der Kunst
Deutsche Eiche feiert Fasching mit Trump
Den wohl buntesten Fasching der Stadt feiert die Deutsche Eiche. „Mit unserem legendären Faschingsstraßenfest sind wir über die Stadtgrenzen und die queere Szene hinaus …
Deutsche Eiche feiert Fasching mit Trump
Dieter-Hildebrandt-Preis für Josef Hader
Der bekannte österreichische Kabarettist Josef Hader erhält den in diesem Jahr zum zweiten Mal verliehenen Dieter-Hildebrandt-Preis. Dies hat der Kulturausschuss des …
Dieter-Hildebrandt-Preis für Josef Hader

Kommentare