+
Ein grüner Außerirdischer vom geschlechtergerechten Planeten: Wowo Habdank als Grünen-Chef Anton Hofreiter.

Nockherberg 2015

Galaktische Asylbewerber: So war das Singspiel

  • schließen

München - Bayerns Politiker greifen nach den Sternen – und enden als Asylsuchende im Weltall: Singspiel- Regisseur Marcus H. Rosenmüller und sein Team haben ein groteskes Stück Theater auf die Nockherberg-Bühne gebracht – mit einigen Schock-Momenten, aber auch mit der gewohnten Poesie.

Update vom 23. Februar 2016: Am 24. Februar 2016 hält Mama Bavaria ihre Salvatorrede beim Starkbieranstich auf dem Nockherberg. Was Sie dazu wissen müssen und wie Sie die Starkbierprobe live im TV verfolgen können, lesen Sie hier.

Kann einem bei der derzeitigen geopolitischen Lage noch zum Scherzen zumute sein? Die Anwort auf dem Nockherberg lautet natürlich: ja. Doch nach den euphorischen Reaktionen auf das Politiker-Derblecken im vergangenen Jahr macht Regisseur Rosenmüller es sich und den Zuschauern diesmal nicht zu leicht. Mitunter ist das, was da auf der Singspiel-Bühne passiert, ziemlich abgedreht: eine postapokalyptische Odyssee im Weltall, in deren Verlauf die Politiker um Sternen-Admiral Horst Seehofer immer mehr ihre Macht – und ihre guten Sitten – verlieren, am Ende aber geläutert wie aus einem bösen Traum erwachen.

Schon dieses Raumschiff: Ein abgehalftertes Unterseeboot tritt es eher. Nix Futuristisches, hier stehen eine alte Waschmaschine, ein Trainings-Laufband, eine Trockenhaube und alte Sitzschalen aus dem Sechzgerstadion herum. Das Bordmikro ist ein Duschkopf, die Musiker spielen als Außerirdische maskiert unter bunten Papp-Planeten. Gäbe es den „Oscar“ für das beste Szenenbild auch in Bayern, Doerthe Komnick – Rosenmüllers Frau – hätte ihn für das Bühnenbild verdient.

Seehofer will zu den Wurzeln der CSU reisen – zum schwarzen Loch

Herr über den klapprigen Sternenkreuzer ist Horst Seehofer (Christoph Zrenner): „Den hat mir die Haderthauer unter der Hand besorgt – die kennt Leute, die sehr gut und günstig basteln können.“ Mit dem interstellaren Seelenverkäufer will er nach seiner „vorerst letzten Amtszeit 2018“ der erste bayerische Ministerpräsident im All sein: fremde Welten erkunden, möglicherweise sogar zu den Wurzeln der CSU reisen – wahlweise zum schwarzen Loch oder zum Urknall. Das letzte Ziel ist aber das paradiesische „Neubavarien“. Denn da soll es intelligentes Leben geben.

Doch schon die Schiffstaufe geht schief: Münchens Oberbürgermeister Dieter Reiter (Neuling Gerhard Wittmann macht seine Sache als Double ausgezeichnet) trifft Seehofer beim Anzapfen mit dem Schlegel am Kopf.

Nun nimmt die Groteske ihren Lauf: Ilse Aigner überbringt die Hiobsbotschaft, ein Meteorit rase auf die Erde zu. In Panik evakuieren sich die anwesenden Politiker – neben Aigner und Reiter sind noch Alexander Dobrindt und Markus Söder mit an Bord – selber. Und das Raumschiff hebt ab ins Ungewisse.

Die politische Kaste verliert langsam die Bodenhaftung

Rosenmüller und Autor Thomas Lienenlüke sind offenbar von zwei Grundannahmen ausgegangen: Die politische Kaste verliert langsam die Bodenhaftung (mancher würde sie eh am liebsten auf den Mond schießen). Und Menschen, die aus existenzieller Not in Deutschland Asyl suchen, müssen sich mitunter vorkommen wie auf einem fremden, feindlichen Planeten. Deswegen gestalten die Singspiel-Macher die Raumschiff-Reise auch ziemlich ausweglos: Überall, wo die Heimatlosen anlanden wollen, blitzen sie ab.

Richtigerweise sparen sich Rosenmüller und Lienenlüke plumpe Anspielungen auf Vorbilder wie „Raumschiff Enterprise“ oder „Krieg der Sterne“. Dafür lassen sie die Politiker mit einer großen Erdkugel jonglieren wie einst Charlie Chaplin im „Großen Diktator“, als draußen die echte Erde nach dem Meteoriten-Einschlag explodiert. Dazu singt Sebastian Horn von den „Bananafishbones“ eine Ballade, die unter die Haut geht: „Mia fliagn auf am blaua Stoa. Gar ned so groß von herob’n – wia a Schusser so kloa. Und der Sunn, moan i, der is des egal, moan i, was mia do drunt treib’n – und ob mia do bleib’n.“ Die Musik von Horn und Gerd Baumann ist – fast müßig, es zu erwähnen – wieder einmal großartig, und man fragt sich langsam, ob es all die tollen traurigen Songs nicht irgendwann mal gesammelt auf Schallplatte geben sollte.

Merkel: "Feinde bespitzelt man, Freunde überwacht man"

Freilich ist dieses Singspiel keineswegs trübselig. Die Politiker im Saal brechen spätestens in Lachen aus, als Heimatminister Söder – Stephan Zinner spielt ihn wie immer als fränkischen Zampano – auf die explodierte Erde herabblickt und sagt: „I bin der Maggus, und do war i daham.“ Aigner (wie immer schön überdreht: Angela Ascher) fragt lapidar: „Wer von uns ist denn jetzt noch unten?“ Dobrindt (Stefan Murr als artiger, mäßig qualifizierter Verkehrsminister) entgegnet: „Der Scheuer Andi, der Herrmann, der Spaenle, die Haderthauer...“ Aigner: „Na dann, passt doch.“

Außerdem sind da ja auch noch all die blinden Passagiere: Gleich zu Beginn werden Sigmar Gabriel und Angela Merkel enttarnt, die ihre bayerischen Kollegen heimlich bespitzelt haben. Wobei Merkel betont: „Überwacht – Feinde bespitzelt man, Freunde überwacht man. Hab ich von Baracke gelernt.“

Allerdings sind in diesem Singspiel die Schenkelklopfer dünner gesät als im Vorjahr, als Uli Bauer zum letzten Mal ein Ude-Feuerwek abbrannte und Antonia von Romatowski und Thomas Wenke als Duo Merkel-Gabriel neu eingeführt wurden. Die Tücke der Raumschiff-Inszenierung liegt außerdem darin, dass immer alle Figuren auf der Bühne sind, was die Sache mitunter etwas unübersichtlich macht.

Anfangs ist's noch ganz lustig, als man bei einem grünen Männchen um Asyl bittet...

Die Platznot führt dazu, dass so mancher Stargast ziemlich unsanft abserviert wird: Linke-Chef Gregor Gysi, von Reinhard Peer hervorragend als rhetorisch versierter Plauder-Automat gespielt, schmeißen die Politiker einfach hinaus ins All. Genauso ergeht es Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (Nikola Norgauer). Sie darf kurz im Schiff anlanden und trällern: „Militär ist wie ein Brahms-Konzert: Wenn man’s richtig kann, klingt’s auch nicht schief.“ Und dann wirft man auch sie ins Dunkel.

Überhaupt nehmen die Grausamkeiten im Laufe der Odyssee zu: Anfangs ist’s noch ganz lustig, als man bei einem grünen Männchen um Asyl bittet (Wowo Habdank als Grünen-Chef Anton Hofreiter mit Propeller auf dem Buckel). Der Grüne lehnt ab – und hält eine wahre Tirade über soziale Ungerechtigkeit und Raubbau an der Natur – da schluckt so mancher Politiker im Saal: „Ihr habt diesen wunderschönen Planeten Erde so zugrundegerichtet, ihr hättet den Meteoriten überhaupt nicht mehr gebraucht.“

Dieses überdrehte, außerirdisch abgefahrene Singspiel hat Spaß gemacht

Ein paar Planeten weiter geht nur der Anrufbeanworter hin („Guten Tag, willkommen im Hohheitsgebiet des Planeten der Panischen Ex-Erdbewohner gegen die Überplanetarisierung des Alls. Kurz Pegüda. Sind Sie Wirtschaftsflüchtling, sagen Sie bitte eins, sind Sie krimineller Einwanderer, sagen Sie bitte zwei, sind Sie aus humanitären Gründen asylberechtigt, sagen Sie bitte „gnymxflyrxmyrksmmmnykllltyres“). Nun werden die Nerven dünn. Als auch noch die Nahrung ausgeht, führen sich die All-Irrfahrer auf wie in einem Zombie-Film – und essen in einer so drastischen wie großartigen Szene Ilse Aigner auf (sie sagt noch: „An Guadn mitanand!“). Wer nach dieser deutlichen Anspielung auf den Politikbetrieb noch nicht geschockt ist, muss erkennen, dass die Bewohner des ersehnten Planeten Neubavarien aus einer allgäuerisch sprechenden Conchita Wurst und einem Metzger bestehen.

Nun ist Marcus H. Rosenmüller zwar für skurrile Ideen bekannt – aber ganz so heftig will er’s dann doch nicht ernsthaft treiben. Am Ende war alles ein alter dramaturgischer Kniff: Die Geschehnisse stellen sich als Albtraum des Ministerpräsidenten heraus. Der hat den Schlag von Dieter Reiters Schlegel nicht vertragen und halluziniert. Allerdings mit dem Ergebnis, dass er den Politikern im Saal nun eine Botschaft für Menschlichkeit mit auf den Weg gibt: „So sehe ich es als meine gottgegebene Pflicht als Christ, wirklich jedem, den die Not an unsere Pforten treibt, mit offenem Herzen und Güte zu begegnen. Klopfet, so wird Euch aufgetan.“ Dann singen sie alle wie auf einem Kirchentag.

Ob die frohe Botschaft auch angekommen ist – wer weiß. Dass dieses überdrehte, außerirdisch abgefahrene Singspiel Spaß gemacht hat, daran zweifelt heute keiner.

Wer den Nockherberg am Mittwoch verpasst hat, dem empfehlen wir unseren Ticker zum Nachlesen. Außerdem erfahren Sie in unserer großen Nockherberg-Zusammenfassung, warum es zwar Lob für Bavaria, aber kritische Stimmen zum Singspiel gab.

Derblecken am Nockherberg - die besten Sprüche und Bilder

Derblecken am Nockherberg - die besten Sprüche und Bilder

Auch interessant

Mehr zum Thema

Meistgelesene Artikel

Martinshorn missachtet: Polizeiwagen erfasst Radfahrer (23) frontal - schwer verletzt
Zu einem folgenschweren Unfall ist es am Freitagnachmittag in Laim gekommen. Ein Polizeiauto hat auf seiner Einsatzfahrt einen Radfahrer aus dem Landkreis Bad Tölz …
Martinshorn missachtet: Polizeiwagen erfasst Radfahrer (23) frontal - schwer verletzt
Münchnerin öffnet nach Klopfen Haustür und erlebt Horror ihres Lebens - Polizei sucht Zeugen
Die Polizei München ermittelt nach einer Attacke auf eine Münchnerin in ihrer Wohnung in Pasing-Obermenzing - und erlebte 40 Minuten Horror.
Münchnerin öffnet nach Klopfen Haustür und erlebt Horror ihres Lebens - Polizei sucht Zeugen
Brutal-Tat schockt Polizei: Mann schlägt 42-Jährigen nieder und tritt immer weiter auf Kopf ein
Eine Bar in der Landsberger Straße in München war Schauplatz eines ungewöhnlich brutalen Übergriffs. Nun ermittelt die Kripo.
Brutal-Tat schockt Polizei: Mann schlägt 42-Jährigen nieder und tritt immer weiter auf Kopf ein
Große MVV-Reform tritt am Sonntag in Kraft: Tarife und Neuerungen - der große Überblick
Es ist für den MVV München die größte Reform seit 20 Jahren. An diesem Sonntag tritt die Tarifreform in Kraft. Was sich alles ändert und was Sie jetzt wissen müssen.
Große MVV-Reform tritt am Sonntag in Kraft: Tarife und Neuerungen - der große Überblick

Kommentare