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Neues Gewand für die Mama: Kabarettistin Luise Kinseher beim Starkbieranstich am Nockherberg.

Nockherberg 2015

Lob für Bavaria, kritische Stimmen zum Singspiel

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    Mike Schier
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München - Die Mama verzweifelt an ihrem Nachwuchs: Zum fünften Mal schimpft Luise Kinseher als Bavaria von der Bühne am Nockherberg mit ihren Polit-Kindern. Das Konzept ist längst bekannt – nur funktioniert es 2015 besser. Kinseher erntet viel Lob für ihre Predigt, kritische Stimmen gibt's hingegen zum Singspiel.

Update: Am 24. Februar 2016 hält Mama Bavaria ihre Salvatorrede beim Starkbieranstich auf dem Nockherberg. Was Sie dazu wissen müssen und wie Sie die Starkbierprobe live im TV verfolgen können, lesen Sie hier.

Eigentlich sollen die Politiker ja keinen Platz mehr bekommen im unterhaltsamen Vorabendprogramm des Bayerischen Fernsehens. Und jetzt, jetzt sind sie doch wieder alle da. In den Hauptrollen sogar. Und der Intendant Ulrich Wilhelm, der zum großen Ärger des Ministerpräsidenten das Verbot nach dem Auftritt von Markus Söder in „Dahoam is dahoam“ verhängt hatte, sitzt in der ersten Reihe und lächelt vergnügt. Ein Skandal? Nein, nur der alljährliche Politauftrieb am Nockherberg.

Die Bavaria sieht das alles sowieso ganz anders. Großartig fand sie den kleinen Werbeblock des Finanzministers in der sonst nicht für Politik bekannten Serie. „Bubi, da war die Mama ausnahmsweise mal stolz auf Dich!“ Söder sitzt unten am ersten Biertisch des großen Festsaals am Nockherberg und freut sich. So nett wie die Mama zu ihm ist, so nett ist sonst nicht mal die charmante Ilse Aigner. Von den anderen Parteifreunden ganz zu schweigen.

Kinseher spielt in der Fastenpredigt selbstironisch auf die Vorwürfe der Vorjahre an

Zum fünften Mal füllt Luise Kinseher nun die Hauptrolle auf dem Nockherberg – genauso oft wie der legendäre Max Grießer seine Festrede hielt und öfter noch als Bruno Jonas, Erich Hallhuber oder Michael Lerchenberg, die die Rolle des Bruder Barnabas geprägt hatten. Kinseher, im Vorjahr mit dem Bayerischen Kabarettpreis ausgezeichnet, spielt weiter die Bavaria, also die Landesmutter. Jedes Jahr steht die Mama dort oben und schaut leicht verzweifelt auf ihre missratenen Kinderchen hinab, die sie zwar tadelt, aber irgendwie mag. Auch wenn’s nicht immer leicht fällt. Nach dem harten, manchmal auch zu harten Lerchenberg war das anfangs eine wohltuende Abwechslung. Noch dazu, weil erstmals eine Frau die Festrede hielt. Später hieß es: zu brav, zu nett. Diesmal ist vieles anders – der 46-Jährige spielt sogar selbstironisch auf die Vorwürfe der Vorjahre an.

Der Anfang mutet ein wenig bekannt an: „Wenn ich Euch so anschaue, frag ich mich, habe ich als Mutter versagt?“, beginnt die Mama einmal mehr. „Ihr seid verwöhnt und verhätschelt. Egoistisch und eingebildet. Und schuld bin ich selber!“ Nein, die Bavaria ist natürlich keine überkandidelte Latte-Macchiato-Mutter. Eher eine bodenständige, die sich so gewünscht hätte, dass aus ihren Kindern mal was wird. Und jetzt das! Seit Jahren sei niemand mehr in die Ruhmeshalle aufgenommen worden. „Wenn ich Euch so anschaue, wird das in absehbarer Zeit auch nix mehr werden“, schimpft die Mama vor sich hin. „Und sollte doch – wider Erwarten – von den hier anwesenden, amtierenden Politikern einer in die bayerische Geschichte eingehen, wird dank Ludwig Spaenle keiner davon erfahren.“ Zumindest nicht im Unterricht. Denn in acht Jahren Gymnasium müsse man sich aufs Wesentliche konzentrieren. „Und damit fallt Ihr schon mal von Haus aus weg.“

Die Mama schafft richtige Mischung aus mütterlichem Charme und bayerischer Derbheit

Im Saal kommt die Rede sehr gut an. Das war nicht immer ein verlässlicher Gradmesser, schließlich ertragen die Politiker zur besten Sendezeit zwar ein paar Frotzeleien, echauffieren sich aber, wenn sie wie beispielsweise 2007 von Django Asül ein wenig deftiger angepackt werden. Vor dem Fernseher wünscht es sich die Kundschaft genau anders herum – und auch aus den sozialen Netzwerken bekommt Kinseher diesmal Lob.

Kein Wunder: Die Mama schafft, vielleicht zum ersten Mal überhaupt, die richtige Mischung aus mütterlichem Charme und bayerischer Derbheit. Auch Söder bekommt nicht nur Schmeicheleien zu hören: „Viele sagen ja, Dir steigt der Ruhm schon zu Kopf“, sagt die Mama. „Genug Platz wäre da.“ Ilse Aigner wird gefragt: „Dein Verhältnis zum Horst – ist das eigentlich noch Loyalität oder hast Du schon das Stockholmsyndrom?“

Fastenpredigt und Singspiel spielen auf Augenhöhe

Für ihre Rede hat sich die in München lebende Niederbayerin erstmals Unterstützung beim Schreiben geholt: Thomas Lienenlüke, Autor des zuletzt so herausragenden Singspiels. Eine richtige Idee: Erstens hat sich die Tonlage der politischen Satire mit „heute show“, „Anstalt“ und „Extra 3“ deutlich verschärft. Zweitens konnte Kinsehers Mama einst im Vergleich zu den Inszenierungen des glücklosen Singspiel-Regisseurs Alfons Biedermann noch relativ leicht punkten. Im Vorjahr dagegen war ihr Auftritt 45 fulminante Singspiel-Minuten später schon fast wieder vergessen. Diesmal spielen beide Teile des Abends auf Augenhöhe.

Kinseher hat sich im Lauf der Jahre zu einer guten Kennerin der bayerischen Politszene gemausert, die auch ein paar Insider-Witze einstreut. Sie sagt zum Beispiel: „Am Aschermittwoch wirkte das Bild vom Strauß lebendiger als so mancher Redner, gell, Horst!“ Seehofer hasst die Auftritte vor der bierseligen Masse in Passau, was Kinseher gut beobachtet hat. Oder ihre Charakterisierung von Staatskanzleichef Marcel Huber: „Der ist so unscheinbar, dem trau ich es zu, dass er eines Tages Ministerpräsident wird und keiner merkt’s!“ Da stecken Kompliment und Kritik in einem Satz.

Richtig gemein wird die Mama nur selten. Die härtesten Worte muss die Opposition schlucken. Die SPD auf der Palliativstation, die nur noch auf ein schmerzfreies Ableben hofft. Den „Hoffnungsträgern“ Markus Rinderspacher und Florian Pronold empfiehlt sie: „Weiteratmen – dann haben wenigstens Eure Lungen Inhalt.“ Na dann: Prost!

Viel Lob für die Predigt, kritische Stimmen zum Singspiel

Als Ilse Aigner auf der Bühne gefressen wird, vertilgt von all den CSU-Kannibalen, da sitzt die echte Ilse Aigner etwas verdutzt im Publikum. Warum gerade sie? „Wahrscheinlich schmecke ich besser“, sagt sie tapfer und lächelt. Und überhaupt: „Ich bin hart im Nehmen und bin wieder auferstanden.“

Gute Miene zum Spiel auf der Bühne zu machen, ist ein Teil der Nockherberg-Kunst der Politiker. Vielen gelingt es an diesem Mittwochabend, die Mehrzahl der Reaktionen ist positiv. Vor allem die Gardinenpredigt von Mama Bavaria findet Lob. „Hervorragend“, sagt Horst Seehofer, „eine Kultveranstaltung, tiefsinnig und hintersinnig“. Die Schimpferei sei „köstlich, treffsicher, selbstsicher“ gewesen. „Ich glaube die Mama hat an Statur nochmal gewonnen“, sagt der Ministerpräsident. Sein Double spiele „grandios, er könnte mich durchaus vertreten in der Staatskanzlei“. Markus Söder, der echte, ruft „Großes Kino, großes Kino“, beeilt sich dann aber hinzuzufügen, mit dem realen Leben habe seine hinterfotzige Darstellung auf der Bühne nichts zu tun. Trotzdem: „Ich fand’s ziemlich cool.“ Ludwig Spaenle, ganz Kunstminister, erklärt, die Bavaria habe „jetzt ihre Mitte gefunden“, was offenkundig ein Lob ist. Und Münchens Oberbürgermeister Dieter Reiter, gleich im ersten Amtsjahr gedoubelt, frohlockt, er habe sich „unglaublich gut amüsiert“.

"Ich muss sagen: Ich hab den Nockherberg anders in Erinnerung, bayerischer"

Trotzdem gibt es Zwischentöne. Sogar in Reihe 1: Barbara Stamm sitzt da, die Landtagspräsidentin, und macht in vorsichtig gewägten Worten klar, dass es ihr nur die Rede, nicht aber das Singspiel gefallen hat. „Wenn das so sein soll, soll es so ein“, setzt sie an. „Ich muss sagen: Ich hab den Nockherberg anders in Erinnerung, bayerischer.“ Auch der Innenminister ist wenig begeistert. Joachim Herrmann brummt, er sei ja schon der Meinung, „dass der Nockherberg etwas mit Bayern zu tun haben sollte“. Das sei schon „weit außerhalb der weißblauen Hemisphäre gewesen – ich weiß nicht, ob das passt.“ Ex-Kunstminister Thomas Goppel, zuhause vorm Fernseher, mault, er habe schon „viel Treffenderes erlebt“ beim Derblecken.

Nicht gepasst hat es auch einigen der heuer herb abgewatschten Sozialdemokraten. Ihr Landeschef Florian Pronold klagt, jedes Jahr würden die Witze über die SPD recycelt, „immer wieder die gleichen“. Als Umweltstaatssekretär in Berlin sei er ja prinzipiell für Recycling, schiebt er einen matten Scherz hinterher. Alt-OB Christian Ude merkt an, auf dem Nockherberg werde immer nur das Klischee von CSU und SPD dargestellt. Sogar die Grünen haben Mitleid: Die Passagen zur SPD „fand ich ein bisschen hart“, sagt Landtags-Fraktionschef Ludwig Hartmann, „da habe ich Mitleid bekommen, und das ist selten“. Miesbachs Grüner Landrat Wolfgang Rzehak immerhin atmet auf: „Miesbach ist nicht erwähnt worden.“ Zurzeit sei das leider besser so.

Einer, der heuer zum ersten Mal eine Rolle beim Singspiel spielte, hat eine ganz eigene Art gefunden, mit Hohn und Spott umzugehen: Gregor Gysi, Fraktionsvorsitzender der Linken im Bundestag, begleitete seine Darstellung nach eigenem Bekunden mit zwei Mass Starkbier.

Falls Sie am Mittwoch den Nockherberg verpasst haben, empfehlen wir Ihnen unseren Ticker von der Fastenpredigt und vom Singspiel zum Nachlesen. Zum Singspiel haben wir außerdem eine Kritik von Johannes Löhr, der die galaktischen Asylbewerber genauer unter die Lupe genommen hat.

Derblecken am Nockherberg - die besten Sprüche und Bilder

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