„Alles friedlich soweit“: Luise Kinseher gestern Abend als Bavaria auf dem Nockherberg.

Fastenpredigt in der Analyse

Die ewige Mama Bavaria: So war ihre Rede auf dem Nockherberg

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München – Seit sechs Jahren hält Luise Kinseher als Bavaria die Rede am Nockherberg. Noch nie war es wohl so schwierig, dabei den richtigen Ton zu treffen. Doch es gelingt ihr vielleicht besser denn je. Nicht allen gefällt das.

Es ist ein Anfang. Immerhin. Sagt die Mama. Und Mamas haben bekanntlich immer Recht. Ein Anfang also, wenn auch nur ein kleiner. „Alles friedlich soweit“, konstatiert die Bavaria bei ihren Landeskindern, bevor sie sich mit einem Jodler verabschiedet. „Keine Worte der Niedertracht, keine boshaften Ausrutscher gegen Schwächere, keine ekeligen Geschmacklosigkeiten.“ Doch die Mama weiß natürlich auch, woran das liegt. „Ich war bis jetzt die einzige mit Mikrofon.“ Danach haben wieder jene das Wort, die das ganze Jahr lang reden. Und sie sehen das mit den Ausrutschern ein bisschen anders.

Was ist beim Nockherberg 2017 zu erwarten

Von Jahr zu Jahr traut sie sich mehr

Seit 2011 hält Luise Kinseher inzwischen die Rede auf dem Nockherberg. Immer als Mama, die ihre mehr oder weniger missratenen Kinder schimpft. Es ist eine Konstellation, die ihr enge Zwänge auferlegt, in der Tonart, im Umgang. Sie muss ihre Kinder doch immer alle irgendwie lieb haben. Geht ja nicht anders. Nur tadeln ist erlaubt. Mit der kleinen Ilse (Aigner) empfindet sie Mitleid. „Von der weißblauen Rose der CSU zur Kellerprimel vom Horst.“ Die Rotzlümmel aber bekommen schon mal etwas auf den Deckel. Und Jahr für Jahr traut sich Kinseher ein wenig mehr. 

CSU-Fraktionschef Thomas Kreuzer beispielsweise muss sich einiges anhören: „Da wo andere einen offenen Geist haben, ist bei Dir ein Fliegengitter.“ Auch für Freie-Wähler-Chef Hubert Aiwanger setzt es (wie fast jedes Jahr) eine besonders deftige Watschn. Ein „Opfer des bayerischen Schulsystems“ sei er. Und dann mutiert er zum Running Gag des Abends.

Vielleicht war es für Luise Kinseher und ihren Co-Autor Thomas Lienenluke noch nie so schwer, den richtigen Ton zu finden. In den Internetforen und auf Facebook tobt der Unmut über die Politik. Wie kann man da einen draufsetzen? Und soll man überhaupt? Kinseher findet die richtige Antwort – mal derb, mal ein wenig moralisierend, aber oft scharf- und hintersinnig. Auf jeden Fall bestens über die Feinheiten der Landespolitik informiert. Selbst den jüngsten Facebook-Hit von der Landtagsrede der SPD-Generalsekretärin Natascha Kohnen hat sie eingebaut. Kohnen aber ist nicht gekommen. Sie sitzt bei Sandra Maischberger in der ARD auf der bundesweiten Bühne.

Horst Seehofer sagt nur noch "Passt scho"

Sechs Jahre Bavaria also. Erst herrschte Aufregung, weil sie eine Frau ist. Dann Enttäuschung, weil sie zu brav war. Genau dafür aber mochten sie die Politiker. Am Mittwoch nun versteinerte Gesichter in der CSU-Spitze. „Passt scho“, raunzt Horst Seehofer mehrmals mäßig gelaunt ins BR-Mikrofon. Es ist kein guter Tag für den CSU-Chef: Tagsüber muss er sich mit der Absage von Angela Merkel herumärgern, für den späten Abend ist noch ein Telefonat mit der Kanzlerin vereinbart. Da fällt es schwer, zwischendrin Frohsinn vorzugaukeln.

Mit seiner schlechten Laune befindet er sich aber in ungewöhnlicher Eintracht mit Barbara Stamm und Markus Söder. Gegenüber den Frauen sei die Bavaria „verletzend“ gewesen, schimpft die Landtagspräsidentin grantig. „Solide“ findet der Finanzminister den Bavaria-Auftritt. „Moralische Legasthenie“ hat ihm Kinseher attestiert. „Der Vergleich mit Krankheiten war daneben“, mosert Söder. Der Rest habe Längen gehabt. Teilweise gehe das Gesagte an der Stimmung in der Bevölkerung vorbei. Das Nervenkostüm ist dünner geworden in der Flüchtlingskrise.

Diese Promis gaben sich am Nockherberg die Ehre

Dabei könnte der Franke eigentlich recht entspannt sein. Ja, er wird von der Bavaria ein paar Mal hart angepackt. „Markus“, schimpft ihn die Mama, „wie oft habe ich Dir schon gesagt: Es heißt integrieren, nicht intrigieren.“ Aber unterm Strich attestiert sie ihm doch, ein Beispiel gelungener Integration zu sein. „Ein gesamtbayerischer Wolperdinger: halb Schäufele, halb Weißwurst.“ Aber es geht auch um die Signale jenseits des Inhalts: Der Finanzminister nimmt inzwischen die Hauptrolle in Kinsehers Rede ein, fast noch vor dem Ministerpräsidenten. Für Ilse Aigner dagegen, einst als Söders Gegenspielerin in Seehofers Thronfolgefrage gehandelt, reicht es bei der Bavaria nur noch für eine Nebenfigur. Wobei, ein bisschen Hoffnung hegt die Mama vielleicht noch: „Ilse, die letzte Rebellin in der CSU, das war Gabriele Pauli. Da hängt die Latte nicht wirklich hoch.“

Für die übrigen bleiben Kurzauftritte. Für Alexander Dobrindt, den Aufseher über den Flughafen mit der weltweit geringsten Schadstoffemission. Für Anton Hofreiter, der niemanden hat, mit dem er nicht über die TTIP-Akten reden darf. Nicht einmal einen Friseur. Und für die Kanzlerin, für die die CSU nicht das Herz der Koalition ist. Sondern nur der Blinddarm. Das ist oft durchaus unterhaltsam, hat jedoch auch ein paar Längen.

Ein Blick in Seehofers Hirn: Das Nockherberg-Singspiel in Bildern

Zwei Mal aber ändert die Kabarettistin auf der Bühne den Ton. Momente, in denen das Starkbier kurz in Vergessenheit gerät. „Es ist schwer eine Obergrenze für Menschen zu finden, wenn das Leid keine hat“, sagt die Bavaria in der Mitte plötzlich. Und dann ganz am Schluss: „Irgendwann werden alle erkennen, dass wir es nur miteinander schaffen können, mit Menschenliebe und Humor. Weil der Humor nämlich das ist, was uns grundlegend von Terroristen und Fanatikern unterscheidet.“

Dafür gibt es erstaunlich lang anhaltenden Applaus.

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